Digitalisierung im Mittelstand – wo wir heute stehen

Die Digitalisierung durchdringt alle Lebensbereiche und führt u. a. zu einschneidenden Veränderungen für die Arbeitswelt. Die Digitalisierung erleichtert den Einsatz intelligenter IT-gestützter Werkzeuge und Automatisierungs-, Produktions- und Vernetzungstechnologien und erlaubt den Zugang zu global verteilten Informationen, Wissen, Kompetenzen, Ressourcen, Arbeitspartnern und Märkten. Dadurch ergeben sich u. a. erhebliche Potenziale für Arbeitsorganisation, die Gestaltung der Informationsflüsse, die inner- und zwischenbetriebliche Zusammenarbeit, für Kollaborationstools und mobiles Arbeiten. Der Mittelstand hat die Potenziale der Digitalisierung inzwischen wohl erkannt; sie aber noch nicht so umgesetzt, dass sie voll zum Tragen kommen.

Hintergrund und Ziel der vorliegenden Studie

Die Studie „Digitalisierung im Mittelstand – Ein Studienüberblick“ wurde eigens für das seitens der Bertelsmann Stiftung organisierte BarCamp Arbeiten 4.0 erstellt. Sie soll einen Überblick geben über den aktuellen Status Quo und die Potenziale der Digitalisierung im Mittelstand. Dabei werden wichtige Erkenntnisse zu den erkennbaren Auswirkungen und Herausforderungen der Digitalisierung auf Arbeitsorganisation, Informationsflüsse sowie Strukturen und Prozesse in mittelständischen Unternehmen zusammengefasst.

Digitale Chancen nicht in Geschäftsmodelle integriert

In vielen mittelständischen Unternehmen wird die Digitalisierung bereits als Wachstumschance erkannt. In der Breite gelingt es den Unternehmen allerdings noch nicht, hieraus einen Wettbewerbsvorteil zu erzielen. Häufig lässt sich das Phänomen erkennen, dass kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) sich zwar gut für die digitale Transformation aufgestellt wahrnehmen, häufig aber keine funktionierende digitale Strategie etabliert haben.

Einer der Hauptgründe in KMU sind fehlende zeitliche, personelle und finanzielle Ressourcen, die dazu führen, dass auf wichtige IKT-Elemente verzichtet wird (eBusinessLotse, 2014). Häufig fehlen zudem in den Unternehmen entsprechende IT-Abteilungen, in Folge dessen die Digitalisierung in unstrukturierter Weise vorangetrieben wird (Batten Company, 2014). So verharren KMU nicht selten in gewohnten Handlungsmustern und riskieren damit, dass Konkurrenten schneller sind und sie vom Markt verdrängen (MÜNCHNER KREIS, 2015). Eine größere Hürde für die Digitalisierung in KMU stellt die Vielzahl von Standards für unterschiedliche Anwendungsfelder dar.
So lehnen die Unternehmen ihren Einsatz ab aus Angst vor dem Verwaltungsaufwand oder aus Kostengründen.

Dennoch zeigen mittlerweile immer mehr mittelständische Unternehmen konkret auf, wie sich die neuen technologischen Errungenschaften sinnvoll in ihre Geschäftsmodelle überführen und integrieren lassen. Dies wundert nicht, denn den meisten Unternehmen sind die Potenziale der Digitalisierung durchaus bewusst.

Besserungen in Arbeitsorganisation und Informationsflüssen

Arbeitsabläufe und -prozesse lassen sich gestützt durch den Einsatz digitaler Medien deutlich effizienter und kostengünstiger abbilden (GfK Enigma GmbH, 2014). Denn bisher getrennt durchgeführte Tätigkeiten lassen sich zusammenführen und ganzheitlich durch Systeme, einzelne Mitarbeiter oder in Projektteams durchführen. So ist die Verbesserung der Arbeitsprozesse einer der größten internen Treiber der Digitalisierung (Deloitte, 2013).

Ein weiteres großes Potenzial stellt die Verbesserung der Informationsflüsse dar. Diese lassen sich schneller, medienbruchfrei und effizient gestalten. Dadurch verliert die örtliche Gebundenheit an den Arbeitsplatz deutlich an Relevanz, da einmal im Netz abgespeicherte Inhalte ortsunabhängig abrufbar und aktualisierbar sind. Die Vorteile der Echtzeitsteuerung werden aktuell vor allem durch die Nutzung von E-Mail Diensten genutzt, während Programme zur Parallelbearbeitung von Dokumenten, Chat-Programmen, Video-Conferencing und Videotelefonie nur sehr verhalten eingesetzt werden (Antrieb Mittelstand, 2014).

Globale Zusammenarbeit am digitalen Schreibtisch

Durch den Einsatz digitaler Technologien lässt sich die Zusammenarbeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette effizienter und zielorientierter gestalten. So sind mit Hilfe von digitalen Technologien Kommunikationsprozesse innerhalb des Unternehmens deutlich einfacher durchführbar, Teams können ortsunabhängig miteinander kommunizieren (Capgemini, 2014).

Das Potenzial standortübergreifender Zusammenarbeit wird bereits deutlich erkannt, das Leben und Arbeiten an unterschiedlichen Standorten sollte mit Unterstützung digitaler Medien kein Hemmnis mehr darstellen und kann deutlich flexibler gestaltet werden (Nationaler IT-Gipfel, 2014). Genutzt werden die neuen Errungenschaften allerdings nur sehr verhalten. Dies gilt v.a. auch für Konzepte wie Partner Collaboration, Enterprise Collaboration sowie Crowd Sourcing, die noch deutlich etabliert werden müssen (Otto-Friedrich Universität Bamberg, 2013).

Durch den Einsatz digitaler Technologien werden Informations-, Kommunikations- und Transaktionsprozesse mit Kunden, Lieferanten und anderen Partnern deutlich erleichtert (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, 2015). Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Faktoren wie die effiziente Erreichbarkeit von Partnern laut Vertretern von KMU weltweit einer der Hauptgründe für den Einsatz von Technologien bei der Gründung von Unternehmen ist (Wirtschaftsrat Deutschland, 2014). Auch wenn zwar über die Hälfte der Unternehmen die wichtige Rolle verstärkter Kooperation mit Wertschöpfungspartnern erkennt, sind nach aktuellem Stand lediglich unter einem Viertel der horizontalen und vertikalen Wertschöpfungskette digitalisiert (TNS Emnid, 2014).

Kollaborationstools und Cloud-Dienste – die Stiefkinder

Durch Kollaborationstools ermöglichen Unternehmen ihren Mitarbeitern, sich aktiver in das Unternehmen einzubringen, Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln oder konfigurieren, und Prozesse mitzugestalten. Sie eignen sich vor allem zur Beschleunigung des Informationsflusses und zum Austausch von Know-how zur Generierung von Innovationen. Dennoch gehen über drei Viertel einer Gruppe befragter Top-Manager davon aus, dass schnelle interne Kommunikation und Wissenstransfer eine der größten Herausforderungen im digitalen Zeitalter sein werden, aktuell nutzen beispielsweise nicht einmal ein Fünftel der KMU Social-Media-Tools zur internen Kommunikation (InterSearch Executive Consultans, 2015).

Cloudbasierte Anwendungen zeichnen sich durch ihren enormen Vorteil aus, dass Anwender ihre dort gespeicherten Daten von jedem Ort aus abrufen können. Sie stellen außerdem Tools zur Verfügung, welche von Anwendern bedarfsgerecht genutzt werden können, wodurch die Ausgaben für anderweitig verwendete Soft- und Hardware gedrosselt werden können. Hiervon können vor allem mittelständische Unternehmen profitieren, welche anders nicht die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung stellen könnten. Diesem enormen Nutzen stellen viele Skeptiker die Gefahr durch Datenschutzrisiken und Anbieterabhängigkeit entgegen (Capgemini, 2014).

Deshalb nutzen aktuell KMU die Cloud nur sehr verhalten. Nach Angaben von IKT-Entscheidern in KMU stellen die Haupttreiber für die weitere Etablierung von Cloud Services Professionalisierung der Datensicherung, Aktualität der Hard- und Software sowie die Vermeidung von hohen IKT-Investitionskosten dar (Antrieb Mittelstand, 2014). Eine weitere Möglichkeit stellt die Etablierung unternehmensinterner Cloud-Lösungen dar. Gründe dafür sind eine bessere Kontrolle über die eigene IT, sowie eine Reduzierung von Datenschutzrisiken (Capgemini, 2014).

Fazit

Unternehmen, die die neuen technologischen Errungenschaften für Unterstützung und Verbesserung ihrer inner- und zwischenbetrieblichen Wertschöpfungsprozesse und ihrer internen Informations- und Arbeitsprozesse einsetzen, werden erhebliche Effizienz- und Kostenvorteile generieren. Gelingt es ihnen zudem, ihre Geschäftsmodelle und jetzigen Stärken digital abzubilden bzw. in die digitale Welt zu transformieren, werden sie in einem digitalen Wettbewerb langfristig profitieren. Dies erfordert allerdings auch Mut u. U. zur Selbstkannibalisierung und Mut zur Veränderung. Zur Unterstützung benötigen KMU deutlich mehr Transparenz und Wissen darüber, welche Kraft die Digitalisierung hat und wie die Digitalisierung Arbeit und Unternehmen verändert.

Die Autoren der Studie

  • Michael Boberach, TNS Infratest Future Research Centre
  • Theresa Moy, TNS Infratest Future Research Centre
  • Dr. Rahild Neuburger, MÜNCHNER KREIS/LMU München

 

Literaturverzeichnis

Antrieb Mittelstand http://events.mittelstand-die-macher.de/presse.html?file=files/mittelstand/presse/materialien/Antrieb-Mittelstand-%20Studie.pdf. – 2014.

Batten Company http://www.batten-company.com/uploads/media/Digitale_Zukunft.pdf. – 2014.

Bundesministerium für Wirtschaft und Energie http://www.absatzwirtschaft.de/junge-unternehmen-sind-social-media-vorreiter-17653/. – 2015.

Capgemini https://www.de.capgemini.com/resource-file-access/resource/pdf/capgemini-it-trends-studie-2014.pdf . – 2014.

Deloitte http://www2.deloitte.com/content/dam/Deloitte/de/Documents/Mittelstand/Digitalisierung-im-Mittelstand.pdf . – 2013.

eBusinessLotse http://www.mittelstand-digital.de/MD/Redaktion/DE/PDF/betriebswirtschaftliche-software,property=pdf,bereich=md,sprache=de,rwb=true.pdf. – 2014.

GfK Enigma GmbH https://www.dzbank.de/content/dam/dzbank_de/de/library/presselibrary/pdf_dokumente/DZ_Bank_Digitalisierung_Grafiken.pdf . – 2014.

InterSearch Executive Consultans http://www.intersearch-executive.de/news.asp?news=57 . – 2015.

MÜNCHNER KREIS http://zuku14.de/media/2015/01/2014_Digitalisierung_Achillesferse_der_deutschen_Wirtschaft.pdf. – 2015.

Nationaler IT-Gipfel http://www.it-gipfel.de/IT-Gipfel/Redaktion/PDF/it-gipfel-2014-ag-1-arbeit-in-der-digitalen-welt,property=pdf,bereich=itgipfel,sprache=de,rwb=true.pdf [Bericht]. – 2014.

Otto-Friedrich Universität Bamberg http://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/sowi_lehrstuehle/unternehmensfuehrung/Download-Bereich/BBB_192_Digitalisierung_Online_Umfrage.pdf. – 2013.

TNS Emnid http://www.tns-emnid.com/politik_und_sozialforschung/pdf/PwC_Studie_Industrie_4.0.pdf . – 2014.

Wirtschaftsrat Deutschland http://www.wirtschaftsrat.de/wirtschaftsrat.nsf/id/fortschritt-durch-digitalisierung–chancen-fuer-den-mittelstand-de/$file/WR-Studie%20Fortschritt%20durch%20Digitalisierung%20-%20Chancen%20f%C3%BCr%20den%20Mittelstand.pdf. – 2014.

 

Zum TNS Infratest Future Research Centre

Das TNS Infratest Future Research Centre (TNS FRC) begleitet Kunden beratend auf ihrem Weg in die Zukunft. Grundlage bildet dabei ein Mix aus fundierten quantitativen und qualitativen Methoden der Zukunfts-, Trend- und Innovationsforschung und eine langjährige Erfahrung mit Projekten rund um die Themen Digitalisierung, Disruptionen und neue Technologien. Dabei verfolgt das TNS FRC einen heterogenen Branchenansatz mit einem starken und exklusiven Partner-Netzwerk. Weitere Informationen unter http://www.tns-infratest.com/Kernkompetenzen/zukunftsforschung.asp

 

1530 mal gelesen