Deutschland als digitaler Standort

Die Digitalisierung prägt bereits seit längerer Zeit die Epoche, in der wir leben. Dabei hat sie uns bereits heute Flexibilität, neue Freiheitsgrade und ungeahnte Dialogformen gebracht. Sie überspringt bisherige Grenzen und Barrieren zwischen Menschen und stellt dabei Geschäftsmodelle und Branchen auf den Kopf. Sie ermöglicht neue Formen von Individualismus und Transparenz. Trotz dieser immensen Chancen verstellen in Deutschland oft Unkenntnis und Skepsis den Blick auf die Nutzung digitaler Mehrwerte. Beherrschend ist die German Angst vor Überwachung, häufig gepaart mit technischer Unkenntnis. Die Grenzen von Individuum und Wirtschaft werden derzeit neu ausgehandelt. Nur mit einer aktiven und chancenorientierten Haltung kann es Deutschland und Europa gelingen, in dieser prägenden Zeit mitzugestalten und teilzuhaben!

Wer sich die Titel großer Nachrichtenmagazine der letzten 20 Jahre ansieht, dem fällt auf, dass es die Digitalisierung zunehmend häufig auf die Titelseiten schafft. In der Regel stehen jedoch Risiken und Gefahren im Vordergrund. Es ist augenscheinlich, dass „die Digitalisierung“ in der deutschen Öffentlichkeit meist kritisch bis negativ diskutiert wird.

Studien zeigen, dass die Digitalisierung in Deutschland in den nächsten Jahren Jobs schaffen wird (BITKOM 2014). Dennoch stehen die Deutschen der Digitalisierung skeptisch gegenüber. Studien zeigen weiter, dass viele Deutsche schlechte Internetkenntnisse besitzen: Nur jeder Dritte verfügt über gutes oder mittelmäßiges Wissen – damit liegen wir laut BITKOM im europä- ischen Vergleich auf Platz 27 hinter Portugal, Griechenland und Polen.

Zusammenfassend könnte man sagen: Wir sehen etwas überwiegend skeptisch, dessen Chancen und konkrete Mehrwerte viele von uns bisher zu wenig kennen.

Digital normal: Bereits heute können sich viele Befragte ein analoges Leben nicht mehr vorstellen. 27% der Gesamtbevölkerung geben an, dass es „sehr negative Auswirkungen auf [ihr] tägliches Leben“ hätte, „wenn es das Internet morgen nicht mehr gäbe“. Viele von uns haben sich längst eingerichtet in Neuland – denn „Zuhause wird zu dem Ort, an dem man das WiFi-Passwort hat.“ Sind wir plötzlich offline, ist die Wolke digitaler Möglichkeiten verschwunden. Uns wird bewusst: Das Netz wird zum Grundbedürfnis, manche meinen gar zum Menschenrecht.

Die Digitalisierung verändert unsere Gesellschaft: Weitgehend unbeantwortet dagegen erscheint die Frage, wie es Regierungen gelingen kann, die neuen Möglichkeiten proaktiv zu nutzen, um mehr direkte Teilhabe für die Bürger zu ermöglichen und dadurch ihre eigene Legitimität zu stützen. Die „Digitale Agenda 2014 – 2017“ der Bundesregierung wird teilweise als unausgereift belächelt. Allerdings ist die Wirtschaft in Sachen digitaler Teilhabe kaum weiter.

Vom Besitz zum Zugang und zur Shareconomy?

Die Digitalisierung trägt zu einer Dematerialisierung der Güter bei. Statt des Besitzes – der viele Verpflichtungen mit sich bringt – steht zunehmend der Zugang im Vordergrund. Als Gegenent- wurf zur Überflussgesellschaft hat sich die Idee der Shareconomy verbreitet. Die These: Jetzt, wo es nicht mehr um den Besitz geht, schafft die Digitalisierung die Möglichkeit des intelligenten Teilens. Laut BMW-Vorstand Schwarzenbauer steht die „Hardware Auto“ 96% der Zeit ungenutzt herum. Die Shareconomy beinhaltet immense Auswirkungen wie auch Potenziale – beispielsweise im Bereich der Mobilität, gerade für Deutschland. Es scheint aber bisweilen, als ob die schlagkräftigen Player noch immer wohlfeile Sonntagsreden und Lippenbekenntnisse dem echten Innovieren vorziehen.

Die Digitalisierung ermöglicht ganz neue Geschäftsmodelle für die Nutzung von Autos, Taxen, Wohnungen. Effekt dieser disruptiven Innovationen ist, dass sie die bisherigen Geschäftsmodelle vieler Branchen grundlegend infrage stellen und diese zur Selbsterneuerung drängen. „Geschäftsmodelle und Sektoren werden herausgefordert, transformiert und ggf. eliminiert“. Diese Veränderungen beinhalten „weitreichende Folgen für den Arbeitsmarkt“. Ein nationalstaatlicher Protektionismus kann aber keine wirksame Antwort auf digital induzierte Innovationen sein. Gesetze können (und sollten) Ideen, deren Zeit gekommen ist, nicht verhindern!

Deutschland als Leitmarkt für IT-Sicherheit?

Grundvoraussetzung für eine aktive Nutzung der neuen Möglichkeiten ist unser Vertrauen in Datensicherheit. Das kulturell und historisch bedingte große Sicherheitsbedürfnis in Deutschland wäre eine exzellente Grundlage für einen Leitmarkt im Bereich IT-Sicherheit. Hierin liegen für Deutschland erhebliche Positionierungsmöglichkeiten und Marktpotenziale – die aber bisher nicht konsequent genutzt werden.

Egal ob man optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft sieht – aus der gesellschaftlichen Perspektive stellt sich die Frage: Wie richten wir unser Bildungssystem so aus, dass es mehr von dem vermittelt, was im Zeitalter der Digitalisierung wichtig wird? Wo werden kontinuierlich Methodenkompetenzen vermittelt? Wer motiviert für den digitalen Kulturwandel und das Zeitalter der Kollaboration?

Digitalisierung, eine kulturelle Herausforderung:

Es wird immer deutlicher sichtbar, dass es neben dem reinen „Wissen“ um Einstellungs- und Wertefragen geht. Damit aus den technischen Möglichkeiten „Digitale Mehrwerte“ für Unternehmen und ihre Kunden entstehen, braucht es Reflexion, Empathie und Überblick, um die immer verschachtelteren Zusammenhänge zu sehen, zu verstehen und in einen nachhaltigen Nutzen zu verwandeln. Dies setzt jedoch die generelle Offenheit voraus, die neuen Chancen zu verstehen und zu nutzen, bevor man sie grundsätzlich kritisiert oder ablehnt.

Während die einen noch so tun, als sei es eine reale Alternative, sich als Exportnation dem epochalen Wandel zu verweigern, kritisieren die anderen bereits desillusioniert bis verzweifelt die sich abzeichnende Übermacht vorwiegend US-amerikanischer Anbieter als „Plattformkapitalismus“.

Während einige bereits bezweifeln, dass wir den US-amerikanischen Vorsprung in den nächsten Dekaden überhaupt einholen können, diskutieren wir als föderale Wissensrepublik Deutschland seit Dekaden die Finanzierbarkeit einer konsequenten Breitbandversorgung.

Wir brauchen in Deutschland und Europa mehr Unternehmergeist, Chancenorientierung und Spaß an digitalen Innovationen. Wir brauchen endlich den Mut, groß zu denken und Neues zu wagen. Bildungsinstitutionen sollten auf allen Ebenen dazu beitragen, Vorurteile gegenüber digitalen Möglichkeiten abzubauen und so große Teile der Bevölkerung erst an digitalen Chancen und Mehrwerten teilhaben zu lassen.

Mutig in die Zukunft!

Politik und Wirtschaft sollten gemeinsam einen „Neuen Digitalen Deal“, eine „Agenda 2030“ initiieren, die die Digitalisierung einordnet und Menschen ermutigt, digitale Chancen zu ergrei- fen, bevor Wettbewerber an uns vorbeiziehen. Deutschland und Europa können die Digitale Transformation endlich zu „ihrem Projekt“ machen. So gut wir derzeit in vielen traditionellen Branchen aufgestellt sind: Die digitalen Wirtschaftsräume von morgen warten weder auf Deutschland noch auf Europa.

188 mal gelesen



Autor

Lars Heitmüller Twitter Google+ Profil

Lars M. Heitmüller ist Director und Leiter External Relations bei der fischerAppelt AG. Er berät Institutionen im Bereich Strategie und Kommunikation und versteht sich als Mehrwertvermittler zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Lehraufträge im Bereich Kommunikationswissenschaft sowie Marketing und Kommunikation. Initiator von COMMAP.org. Heitmüller beschäftigt sich mit Digitaler Transformation und ist Verfechter von mehr Innovationsmut und brachenübergreifender Kollaboration. Kontakt: http://LMH.de, @LMH, http://connect.LMH.de

Kommentare

  1. / von Uwe Mergel

    Viele Diskussionen zur Zukunft der Arbeit stimmen ängstlich, weniger Arbeit, weniger Arbeitsplätze, wo und wie sollen aber die Menschen arbeiten und sich frei entfalten können? Ich meine, Arbeit und Beschäftigung ist weltweit genug da, gerade in den Bereichen, die heute oft schlecht bezahlt werden, kaum wertgeschätzt werden, wo man meist nur ehrenamtlich fast volltags beschäftigt ist, eigentlich ist Arbeit wirklich genug da. Nicht alle Jobs sind mit Digitalisierung und Technik zu machen, das wäre auch schlimm. Wir brauchen eine andere Arbeitswelt, alle Berufe müssen neu bewertet und auch in Sachen Entlohnung eingestuft werden, es müssen familien- und kinderfreundliche Arbeitszeiten her, vieles ist da denkbar. Ich bin auch für das BGE Bedingungslose Grundeinkommen, um wirklich auch alle Menschen existenzgesichert leben zu lassen. Mit Freude arbeiten, Arbeit macht gesund, entspannt, ohne Druck und Ängste arbeiten, besonders ohne soziale Ängste und Nöte, nicht nur bei der Arbeit funktionieren müssen, das wäre doch was. Die Menschen müssen und sollen bei der Arbeit und Beschäftigung einfach Mensch bleiben dürfen, sich menschlich und human gegenseitig wertschätzen, achten, sich helfend zur Seite stehen, Arbeits- Zeit und Frei- Zeit müssen glückliche Lebens-Zeit werden dürfen. Das Motto „Geld regiert die Welt“ und „Teile und Herrsche“ muss nach und nach der Vergangenheit angehören.

    1. / von Lars M. Heitmüller
      zu

      Hallo Herr Mergel,

      vielen Dank für Ihr Feedback. Ich persönlich habe den Eindruck, dass hier gerade über Social Businesses / Social Entrepreneurship in den nächsten Jahren viel passieren wird, was einige der Aspekte, die sie benannt haben, positiv beeinflussen könnte. So könnten auch neue Wertschätzung und Transparenz für wichtige soziale Unterstützungsleistungen geschaffen werden. Insofern kann Digitalisierung auch im sozialen Bereich „Enabler“ werden: effektives, soziales Engagement sind aus meiner Sicht keine Gegensätze.

  2. / von Lukas

    Ich kann meinem Vorredner in vielen Teilen zustimmen, möchte aber auch noch einmal auf die Digitalisierung zu sprechen kommen. Diese sollte schon früh in der Schule zum Thema werden und auch verstärkt in den Unterricht einbezogen werden. In vielen Schulen gibt es immer noch nur alte PCs, die selbst dann nur für die Informatik-AG bestimmt sind. Ich habe vor kurzem noch in einem Bericht gesehen, dass zum Beispiel Tablets an immer mehr Grundschulen in China Alltag sind und als Lernmedium dienen. Es bringt wenig, wenn Jugendliche in Deutschland wissen, wie man über WhatsApp oder Twitter kommuniziert, aber dann am Ende der Schulzeit mitunter nicht einmal eine digitale Präsentation umsetzen können. Und das liegt nicht einmal an ihnen selbst, sondern an der schlechten Ausstattung der Schulen und dem fehlenden Interesse, dieses Thema auch in den Lehrplänen zu berücksichtigen.

Kommentar verfassen