Sackgasse

„Arbeit“ wird neu definiert (1/3)

Unser Verständnis von Arbeit wurde durch die Industrialisierung geprägt. Nun müssen wir grundlegend umdenken, denn eine Fortschreibung bisheriger Vorstellungen, Konzepte und Strukturen führt in eine Sackgasse.

Wenn sich Kommunikationsformen ändern, dann wandelt sich das Fundament einer Gesellschaft. Kommunikations- und Koordinationstechniken bestimmen die Art und Weise, wie Menschen ihre Fähigkeiten verbinden und weiterentwickeln können, und damit auch die Formen und Gestaltungsspielräume menschlicher Arbeit. Die Art und Weise, wie Arbeit organisiert wird, bestimmt Lebensweisen, Konsum und Identitätsbildung in nahezu allen Gesellschaftssystemen.

Unsere heutige Definition von Arbeit als räumlich und zeitlich festgelegte, kontinuierlich abzuleistende Erwerbsarbeit bildete sich im Verlauf der Industrialisierung heraus. Diese Entwicklung begann schon mit der Erfindung des Buchdrucks, denn gedruckte Texte waren die ersten seriellen Produkte. Gutenbergs bewegliche Lettern revolutionierten nicht nur die Vervielfältigung und Verbreitung von Geistesprodukten. Diese frühe Informations- und Kommunikationstechnologie prägte über Jahrhunderte hinweg die Gesellschaft und damit auch die Arbeit in vielerlei Hinsicht fundamental.

Die computerbasierte Informationstechnik, die Michael Giesecke in seinem gleichnamigen Buch auch als „Buchdruck der Neuzeit“ (1991 im Suhrkamp Verlag erschienen) bezeichnete, hat nun ähnlich transformative Wirkungen wie seinerzeit Gutenbergs Erfindung – allerdings teilweise genau gegenteiliger Art. Denn nun können zunehmend mehr Tätigkeiten wieder von den Zwängen befreit werden, die die Industrialisierung mit sich brachte. Damit verlässt die Menschheit die industrielle Sackgasse der Zivilisationsentwicklung – also eine Gesellschaft, in der Menschen häufig nur wie Maschinenteile eingesetzt und oftmals kaum besser behandelt wurden.

Eine Schlüsselrolle bei diesem fundamentalen Wandel spielt das Internet. Aufgrund seiner Fähigkeit, die Beiträge vieler Menschen ohne die lähmenden Nebenwirkungen von Hierarchie und Bürokratie zu koordinieren, ermöglicht das Internet vollkommen neuartige Unternehmensmodelle, Wertschöpfungsprozesse und Arbeitsformen. Die erst im Verlauf der Industrialisierung entstandenen Grenzen zwischen Arbeits- und Freizeit, Arbeits- und Wohnort, Lernen und Arbeiten, Arbeit und Ruhestand, abhängiger und selbständiger Beschäftigung, Produzenten und Konsumenten sowie zwischen Betrieben und Branchen werden allmählich wieder aufgelöst. Arbeit zerfällt in vielfältige Formen und bezeichnet wieder das was man tut und nicht, wohin man geht.

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Eine alte Debatte mit immer neuen Vokabeln

Diskussionen über den Wandel in der Arbeitswelt als Folge des Computereinsatzes gibt es bereits seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Insbesondere Norbert Wiener lieferte mit seinem 1948 erschienenen Grundlagenwerk „Kybernetik“ viele Impulse für diese Debatte. Auch das Buch „Automation“ (1952), in dem John Diebold unter anderem die Wirkungen des Einsatzes vernetzter Computer in der Produktion prognostizierte, wurde seinerzeit weltweit aufgeregt erörtert. In den nachfolgenden Jahrzehnten rückte dieser Diskurs parallel zu bedeutsamen Entwicklungsschritten in der angewandten Informatik etwa alle zehn bis fünfzehn Jahre in konjunkturellen Wellen in das Blickfeld des öffentlichen Interesses. Umfangreiche Konferenzbände aus den 60er Jahren (siehe Abb.) belegen, dass seinerzeit insbesondere die IG Metall intensiv über das Für und Wider der Informationstechnik in der Arbeitswelt debattierte. Die hier im Text eingestreuten Abbildungen von einigen Buch- und Zeitschriftentiteln aus unterschiedlichen Dekaden lassen dabei so manche Wiederholung erkennen – Buchtitel wie „Fabriken ohne Menschen“ (1957) wirken auch sechzig Jahre später merkwürdig vertraut und die Argumentationsfiguren, Behauptungen, Befürchtungen und Versprechungen, die seit mehr als einem halben Jahrhundert mit der Technisierung der Arbeitswelt einhergehen, variieren insgesamt erstaunlich wenig. Zahllose Studien, in denen von Zeit zu Zeit mehr oder weniger detailliert Arbeitsmarktwirkungen neuer Techniken berechnet und prognostiziert wurden, erwiesen sich im Nachhinein meist als ähnlich schlicht gestrickt und fragwürdig wie die in Intervallen, bisweilen auch vom prominenter Seite (so etwa Dahrendorf 1980, Rifkin 1995, Gorz 2000), wiederkehrenden Unkenrufe vom „Ende der Arbeit.“

Was sich bei den einzelnen Diskussionswellen änderte, ist vor allem das Vokabular. Wie auch auf anderen Gebieten, so spiegeln auch in der Technikdebatte immer neue Wortschöpfungen oft mehr Modetrends als Rationalität wider. Der „Automation“ in den 50er Jahren folgte die „Rationalisierung“ in den 70ern und aus der „Informatisierung“ und „Computerisierung“ der 80er und 90er Jahre wurde die inzwischen allgegenwärtige „Digitalisierung“. Was noch in den 80er Jahren „computerunterstützte Arbeit“ hieß, wurde inzwischen zur „digitalen Arbeit“ oder zur „Arbeit 4.0“, ganz zu schweigen von der „New Work“ oder dem „Smart Working“, „Crowdworking“, „Clickworking“, „Cloudworking“ und „Coworking“, wie es heute die „Chief Innovation Evangelists“ (Stellenbezeichnung bei Google) für die „Gig-Economy“ propagieren.

Bei alledem lässt sich beobachten, dass die Aufgeblasenheit neuer Modevokabeln und Hypes fast durchweg mit Oberflächlichkeit in der inhaltlichen Diskussion korrespondiert. Offenkundig sind die unscharfen und allgegenwärtigen Buzzwords hinderlich beim tieferen Verständnis dessen, was tatsächlich geschieht – irgendwie ist heute einfach alles „4.0“ und „digital“. Dass unlängst ein Zeitschriftentitel auch schon mit der „Digitalisierung 4.0“ aufmachte, kann da kaum mehr verwundern. Nimmt man den Begriff „digital“ in seiner ursprünglichen Bedeutung, so sind heute die weitaus meisten Wortkombinationen, in denen „digital“ als Adjektiv verwendet wird, wie etwa: „Digitale Gesellschaft“, „Digitale Arbeit“ oder „Digitaler Mensch“, schlichter Nonsens. Eine Studie von Peter Mertens, Gründervater der deutschen Wirtschaftsinformatik, listet im Jahr 2016 mehr als 1500 unterschiedliche Interpretation der Begriffe „Digital“ und „4.0“ auf. Durch ihre inflationäre Verwendung wurden die Schlagworte inzwischen weitgehend entwertet. Im deutschsprachigen Raum ist diese ärgerliche Entwicklung nicht zuletzt auch eine Folge der Tatsache, dass es für die im Englischen bedeutsame Unterscheidung zwischen „digitization“ und „digitalization“ in der deutschen Sprache keine Entsprechung gibt.

Typisches Beispiel ist der auch Begriff „Disruption“, dessen ubiquitäre Verwendung inzwischen sehr zum Missfallen seines Schöpfers, Clayton M. Christensen, heute zumeist vor allem Unverständnis erkennen lässt. Liest man hingegen Christensen und einige andere Autoren und Arbeiten insbesondere aus den 90er Jahren im Original, so stellt man rasch fest, dass diese in der fundierten Analyse dessen, was heute „Digitale Transformation“ genannt wird, damals oft wesentlich weiter waren als die Mehrzahl unserer heutigen „Digitalexperten“. Wie auf anderen Gebieten auch, ist es deshalb durchaus lohnend, sich mehr den Ursprüngen und Arbeiten der Pioniere zu widmen, weil hier vieles nicht nur viel früher, sondern meist auch ungleich klarer, substanzreicher und verständlicher erläutert wurde als bei den Generationen der späteren Abschreiber und Schwurbler.

Fortsetzung folgt…

Die Teile 2 und 3 des Beitrags von Ulrich Klotz werden in den nächsten Wochen publiziert.



Autor

Klotz_Ulrich_SW
Ulrich Klotz Profil

Ulrich Klotz, Dipl.-Ing. Elektrotechnik / Informatik (TU Berlin). Nach Stationen in Computerindustrie-…

Kommentare

  1. / von Caro

    Verdi hat meiner Meinung nach komplett versagt – grade im Hinblilck auf Soloselbständigkeit. Zum Beispiel hat Verdi bis heute nicht bemerkt, dass Amazons Verträge für die Händler (Soloselbständige, Scheinselbständige, Plattformbenutzer!!!) – sowhl der Paymentsvertrag als auch der SARL Servicevertrag – sittenwidrig sind. Amazon kann ohne angabe von Gründen jederzeit den Händler fristlos kündigen. Amazon macht davon gegenüber den Deutschen Händler sehr viel Gebrauch und ruinert ca 1000 deutsche Händler im Monat um Platz für die amerikanischen Händler zu machen. Diese haben bereits mit Unterstützung von Amazon, aber auch des deutschen Staates, durch eine überaus großzügige Kleinunternehmerreglung von 100.000 Euro umsatzsteuerfreiem Umsatz in Deutschland, wenn die Ware in Tschechien liegt, die Deutschen Händler von der deutschen Amazonplattform gekickt. Der Chef von Amazon brüstet sich gerne mit diesem Spruch: alle werden von der Klipper geschleudert. Das Ziel von Amazon ist unter anderem: die Vernichtung der deutschen Verlage und des deutschen Handels. Das macht Amazon gerade und niemanden interessiert das. Im Sommer gibt es eine Reportage in der ARD über den Verifikationsbetrug von Amazon. Das ruineren der deutschen Händler sieht folgendermaßen aus. Aus heiterem Himmel kommt eine Email mit folgendem Wortlaut: Wir konnten sie nicht verifizieren, sie haben keine Berechtigung zum Verkauf auf Amazon mehr. Dann werden die Umsätze und Warenbestände des Händlers einbehalten – der Händler wird nicht nur arbeitslos – er wird auch enteignet. Es wird dann auf diverse Anfragen des Händlers noch eine einzige Email herausgeschickt, die lautet: Sehen Sie von Fragen ab, wir werden sie nicht beantworten. Rechtsschutzversicherungen für Selbständige sehen keinen Vertragsschutz vor. Der Ruinerte Händler kann auf die Hilfe der Sozialgemeinschaft hoffen, die Amazon durch Steuerfreiheit und Rechtsfreiheit umgeht. Amazon muss dringend reguliert werden und braucht eine Händlervertretung. Außerdem muss der Deutsche Staat diese ungerechte Kleinunternehmerregelung für Ausländer unbedingt abschaffen. Die Amerikaner sitzen in Amerika vor dem Rechner und zerstören in Deutschland den Handel durch Wettbewerbsverzerrung!

  2. / von Martin Spilker

    Spannend wird es aber erst, wenn die deutlich wird, wie diese neu definierte Arbeit das Aufgaben- und Verantwortungsgefüge usowie die Beziehung zwischen Führung und Mitarbeitenden verändert. Abzusehen ist noch nicht die Veränderung bei der Quantität von Beschäftigung. Unsere Studie „Die flexible Führungskraft“ gemeinsam mit dem Fraunhofer-Insitut zeigt zwar die Attraktivität moderner Arbeitsformen und deren Bedeutung für die Attraktivität des Unternehmens. Oft unterschätzt wird aber, dass nun die Mitarbeitenden selber viel stärker in der Verantwortung stehen, selber die Koordination, Kommunikation und Kooperation sicherzustellen und auch in Konflikte mit Kollegen zu gehen. Viele Mitarbeitende scheuen noch diese Verantwortung. Es ist nicht mehr die originäre Aufgabe der Führung. Sie kommt erst wieder ins Spiel, wenn es wiederholt zu Komplikationen kommt. Also eine neue, noch konsequentere Form der Delegation ….?

  3. / von Hellengok

    hier ist der Link http://berlin.tosabosa.com/events/e538666289676034 Mittendrin event

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