Vergiss “Arbeit”

Ökonomen glauben fest an Vollbeschäftigung. Amerikaner sind der Meinung, dass Arbeit den Charakter festigt. Aber was passiert, wenn es mit den Jobs nicht mehr richtig läuft?  

Wie sollte sich Arbeit verändern?

Arbeit bedeutet uns Amerikanern alles. Über Jahrhunderte hinweg, sagen wir seit 1650, glaubten wir daran, dass Arbeit den Charakter festigt – Pünktlichkeit, Entscheidungsfreude, Ehrlichkeit, Selbstdisziplin und so weiter. Wir glaubten auch daran, dass der Arbeitsmarkt, auf den wir uns begeben um Arbeit zu finden, effizient genug war, uns Chancen und Einkommen bereit zu stellen. Und wir glaubten daran, dass ein Job, so beschissen er sein mag, unser tagtägliches Leben mit Bedeutung, Zweck und Struktur erfüllt – auf jeden Fall können wir ziemlich sicher sein, dass er uns morgens aus dem Bett holt, dass er die Rechnungen bezahlt, dass er uns Verantwortung auferlegt und uns davon abhält, schon tagsüber vor der Glotze zu sitzen.

Dieser Glaube leuchtet nicht mehr ein. Vielmehr ist er lächerlich geworden, weil es schlichtweg nicht genug Arbeit für alle gibt, und was es nicht gibt zahlt keine Rechnungen – es sei denn man bekommt einen Job als Drogenhändler oder als Wall Street Banker, kriminell wird man in beiden Fällen.

Heutzutage begegnet jeder, egal ob politisch links oder rechts, vom Ökonom Dean Baker bis hin zum Sozialwissenschaftler Arthur C. Brooks, von Bernie Sanders zu Donald Trump, dem Zusammenbruch des Arbeitsmarktes mit einem Plädoyer für „Vollbeschäftigung“, als ob es selbstredend eine tolle Sache wäre, einen Job zu haben, egal wie gefährlich,  anstrengend oder entwürdigend er auch sei. Dennoch ist diese sogenannte „Vollbeschäftigung“ ganz sicher kein Mittel, unseren Glauben an harte Arbeit,  Spielregeln oder was auch immer sich gut anhört, wieder herzustellen. Die offizielle Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten liegt bereits unter sechs Prozent, was der von Ökonomen angepriesenen Vollbeschäftigung ziemlich nahe kommt, aber die Einkommensschere klafft weiterhin auseinander wie bisher. Beschissene Jobs für jedermann werden keines der sozialen Probleme lösen, auf die wir heute unseren Blick richten müssen.

Nehmt mich nicht einfach beim Wort, werft selbst einen Blick auf die Zahlen. Bereits ein Viertel der derzeit in den Vereinigten Staaten angestellten Erwachsenen erhalten ein Gehalt, mit dem sie sich unterhalb der offiziellen Armutsgrenze bewegen – demzufolge lebt ein Fünftel der amerikanischen Kinder in Armut. Fast die Hälfte der angestellten Erwachsenen hat Anspruch auf Lebensmittelmarken, die meisten von ihnen beantragen sie jedoch nicht. Der Arbeitsmarkt ist zusammengebrochen, neben den meisten anderen Märkten.

Diese mit der Großen Rezession verloren gegangenen Jobs kommen einfach nicht wieder, ganz egal was die Arbeitslosenzahlen sagen – der Zuwachs von Jobs seit dem Jahr 2000 liegt bei Null – und falls diese Jobs wieder auferstehen werden, werden es Zombies sein, diese bedingten Teilzeit- oder Mindestlohnjobs, bei denen die Bosse eure Schichten von Woche zu Woche hin- und herschieben: Willkommen bei Walmart, wo es Lebensmittelmarken als Zuschuss gibt.

Und erzählt mir jetzt nicht, dass ein Anheben des Mindestlohns auf  $15 das Problem löst. Keiner kann die moralische Bedeutung dieser Entwicklung bezweifeln. Allerdings werdet ihr bei diesem Verdienst die offizielle Armutsgrenze erst bei mehr als 29 Arbeitsstunden pro Woche hinter euch lassen. Der derzeitige gesetzliche Mindestlohn beträgt $7.25. Bei einer 40 Stunden Woche müsstet ihr $10 pro Stunde verdienen, um jenseits der offiziellen Armutsgrenze zu liegen. Wo genau bitte liegt der Sinn in einem Gehaltsscheck, der kein Existenzminimum garantiert, abgesehen davon, eure Arbeitsmoral unter Beweis zu stellen.

Aber Moment mal, ist unser derzeitiges Dilemma nichts anderes als eine vorübergehende Phase der Konjunktur? Was ist mit dem Arbeitsmarkt der Zukunft? Lagen die Schwarzseher, diese verdammten Malthusianer, nicht immer falsch, wenn es um steigende Produktivität, neue Geschäftsbereiche oder neuartige wirtschaftliche Möglichkeiten ging? Sicher – bis heute, bis zu dieser Zeit. Die messbaren Trends der vergangenen zweiten Jahrhunderthälfte und die plausiblen Projektionen für die kommende Jahrhunderthälfte sind viel zu solide empirisch abgesichert, um sie als pessimistische Wissenschaft oder  ideologischen Quatsch zu verwerfen. Sie sind wie Daten zum Klimawandel – man kann sie bestreiten, aber man wird sich wie ein Idiot anhören, wenn man es tut.

Beispielsweise berichten uns Ökonomen aus Oxford, die sich mit den Entwicklungen der Arbeitsmärkte beschäftigen, dass fast die Hälfte der derzeit vorhandenen Jobs, einschließlich derer, die mit nicht-routinemäßigen Denkprozessen (jawohl, Denken!) verbunden sind, aufgrund der Computerisierung innerhalb der nächsten 20 Jahre vom Aussterben bedroht sind. Ihre weiterführenden Arbeiten basieren auf Rückschlüssen zweier MIT-Ökonomen in dem Buch Race Against The Machine (2011). Seit neuem sprechen diese Silicon Valley Typen, die TED Talks geben, von „überzähligen Menschlichen“ als Resultat desselben Vorganges – kybernetisierte Produktion.  Rise of the Robots, ein aktuelles Buch das genau diese Quellen zitiert, ist Sozialwissenschaft, nicht Science-Fiction.

Und so ist diese unsere große Rezession – macht euch nicht vor sie wäre vorbei – ebenso eine moralische Krise wie eine ökonomische Katastrophe. Man könnte sie auch als spirituelle Sackgasse bezeichnen weil sie die Fragestellung aufwirft, welches soziale Gerüst außer der Arbeit Charakterbildung erlaubt – oder ob es der Charakter an sich ist nach dem wir streben sollten. Und genau aus diesem Grund ist es auch eine intellektuelle Chance: Wir werden gezwungen uns eine Welt vorzustellen in der nicht der Job Charaktergröße, Einkommen und  Tagesablauf bestimmt.

Aber was würde man tun, wenn man nicht für sein Einkommen arbeiten müsste?

Kurz und knapp: Es reicht. Vergesst „Arbeit“.

Sicherlich wirft diese Krise die Frage auf: Was kommt danach, nach der Arbeit? Was würde man ohne seinen Job als auferlegte Disziplin tun, die das Wach-Leben organisiert – als der soziale Imperativ, der euch aus dem Bett wirft und euch auf den Weg in die Fabrik, das Büro, das Geschäft, das Lager, das Restaurant, wo auch immer ihr arbeitet, bringt, egal wie sehr ihr es hasst, und der euch immer wieder zurück befördert. Was würdet ihr mit eurem Leben anfangen, wenn ihr nicht für euer Einkommen arbeiten müsstet?

Und was würde das für Gesellschaft und Zivilisation bedeuten, wenn wir uns unseren Lebensunterhalt nicht „verdienen“ müssten – wenn Freizeit nicht unsere Wahl sondern unser Los wäre? Würden wir den ganzen Tag mit unserem Laptop bei Starbucks rumhängen? Oder würden wir ehrenamtlich in weniger entwickelten Landstrichen wie Mississippi Kindern beim Lernen helfen? Oder würden wir den ganzen Tag Marihuana rauchen und vor der Glotze sitzen?

Ich schlage hier kein schön gedachtes Experiment vor. Das sind mittlerweile praktische Fragen, weil es einfach nicht genügend Jobs gibt. Und nun ist es Zeit noch mehr praktische Fragen zu stellen. Wie gestaltet man sein Leben ohne Job – kann es Einkommen geben, ohne dass man dafür arbeitet? Ist das als erstes überhaupt möglich und ist es – wesentlich schwieriger zu beantworten – ethisch vertretbar? Wenn man in dem Glauben aufgewachsen ist, dass Arbeit ein Maßstab für den Wert in der Gesellschaft ist – wie es vielen von uns geht – würde es sich wie Betrug anfühlen, etwas umsonst zu bekommen?

Wir haben bereits einige Teilantworten, weil wir alle mehr oder weniger bereits stempeln gehen. Die am schnellsten wachsende Komponente des Haushaltseinkommens seit 1959 waren staatliche Transferleistungen. Um den Jahrtausendwechsel kamen 20 Prozent  aller Haushaltseinkommen aus diesem Topf, was im Allgemeinen als Fürsorge- oder Leistungsansprüche bezeichnet wird. Ohne diesen Einkommenszuschuss würde die Hälfte aller Erwachsenen in Vollzeitbeschäftigung unter der Armutsgrenze leben, und die meisten Amerikaner hätten Anspruch auf Lebensmittelmarken.

Sind nun diese Transferleistungen und Leistungsansprüche bezahlbar, sowohl in ökonomischer als auch in moralischer Hinsicht? Wenn wir sie weiter beibehalten oder sie erhöhen, subventionieren wir dann Faulheit oder bereichern wir die Debatte um die Rudimente eines lebenswerten Lebens?

Transferleistungen und Leistungsansprüche, ganz zu schweigen von Wall Street Boni (zum Thema, etwas umsonst zu bekommen) haben uns gelehrt, den Bezug von Einkünften von der Produktion von Gütern zu entkoppeln, aber heutzutage, mit klarem Blick auf das Ende der Arbeit, muss diese Lektion überdacht werden. Ganz egal wie wir den Staatshaushalt berechnen, können wir es uns leisten, unserer Brüder Hüter zu sein.  Die eigentliche Frage ist nicht, ob wir das tun, sondern wie wir es tun.

Ich weiß genau was ihr jetzt denkt – das können wir uns überhaupt nicht leisten! Aber doch, das können wir, und zwar völlig problemlos. Wir erhöhen die Obergrenze für den Beitrag zu den Sozialversicherungen, die derzeit bei $127.200 liegt und wir erhöhen die Körperschaftssteuer und kehren die Reagan Revolution um. Diese Schritte lösen ein künstliches Steuerproblem und bringen da einen wirtschaftlichen Zugewinn, wo wir jetzt ein moralisches Defizit feststellen.

Sicher kann man – in einer Reihe mit jedem Ökonom von Dean Baker bis zu Greg Mankiw, egal ob politisch links oder rechts – sagen, dass die Erhöhung der Körperschaftssteuer Investitionen und somit vor Arbeitsplatzbeschaffung verhindert. Oder es wird dazu führen, dass Konzerne dahin abwandern wo niedrigere Steuern sie erwarten.

Aber tatsächlich kann die Erhöhung der Körperschaftssteuer diese Auswirkung gar nicht mit sich bringen.

Fangen wir von hinten an. Schon lange gibt es „multinationale“ Konzerne. In den 70er und 80er Jahren, bevor die von Ronald Reagan geprägten Steuersenkungen Auswirkung zeigten, wurden etwa 60 Prozent der Importwaren im Ausland hergestellt – von amerikanischen Firmen. Dieser Prozentsatz ist seitdem nur unwesentlich angestiegen.

Nicht die chinesischen Arbeiter sind hier das Problem, sondern jene heimat- und ziellose Idiotie im Konzernrechnungswesen. Darum ist die Citizens United Entscheidung aus dem Jahr 2010, in der Verordnungen bzgl. der Meinungsfreiheit bei Spenden für Wahlkampagnen zur Anwendung kommen, absolut schräg. Geld ist genauso wenig eine Stimme wie ein Geräusch. Der Supreme Court hat eine neue Lebensform, eine neue Person aus den Resten der allgemeinen Rechtsprechung heraufbeschworen und dabei eine neue Wirklichkeit geschaffen, die erschreckender ist als das cineastische Ebenbild: nehmen wir Frankenstein, Blade Runner oder etwas aktueller Transformers.

Und hierauf läuft es im Endeffekt hinaus: Die meisten Jobs entstehen gar nicht durch private Unternehmensinvestitionen und demzufolge wird eine Anhebung der Körperschaftssteuer auch keine Auswirkung auf Arbeitsplätze haben. Ihr habt mich richtig verstanden. Seit den 1920er Jahren entstand Wirtschaftswachstum, obwohl die Netto-Privatinvestitionen geschrumpft sind. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass Profite sinnlos sind, abgesehen davon, dass man den Aktionären (und feindlichen Übernahmespezialisten) die Firma als ein gutgehendes Geschäft, ein blühendes Unternehmen präsentieren kann. Man benötigt keine Profite, um zu „reinvestieren“, um die Erweiterung der Stammbelegschaft oder der Leistung zu finanzieren, wie es die jüngste Geschichte von Apple und der meisten anderen Konzerne hinreichend veranschaulicht.

Ich bin mir bewusst, dass die Festigung meines Charakters durch Arbeit dumm ist, weil Geld eigentlich mit Verbrechen verdient wird. Ich könnte genauso gut kriminell werden.

Also haben Investitionsentscheidungen von CEO´s nur einen marginalen Effekt auf Arbeitsplätze. Gewinne von Konzernen zu besteuern, um uns einen Wohlfahrtsstaat zu finanzieren, der uns ermöglicht, unsere nächsten zu lieben und unserer Freunde Hüter zu sein, ist kein ökonomisches Problem. Es ist etwas anderes – es ist ein intellektuelles Thema, ein moralisches Rätsel.

Wenn wir unser Vertrauen auf harte Arbeit setzen, wünschen wir uns Persönlichkeitsbildung; aber genauso hoffen oder erwarten wir, dass der Arbeitsmarkt die Einkommen gerecht und vernünftig zuweist. Und hier liegt der Haken, es gehört beides zusammen. Ein Job kann nur dann Persönlichkeitsbildung mit sich bringen, wenn wir auch sehen können, dass es eine klare und vertretbare Relation zwischen ehemals Erarbeitetem, erlernten Fähigkeiten und derzeitiger Belohnung gibt. Wenn ich sehe, dass jemandes Einkommen in keinem Verhältnis zur aktuellen Wertschöpfung oder zur Schaffung von beständigen Gütern, die wir anderen nutzen und uns daran freuen können (mit „beständig“ meine ich nicht ausschließlich materielle Dinge), steht, bekomme ich Zweifel, ob Persönlichkeitsbildung eine Folge harter Arbeit ist.

Wenn ich z. B. sehe, dass man Millionen machen kann, indem man Drogengelder wäscht (HSBC), oder indem man gezielt dubiose Wertpapiere unter die Investmentfondsmanager (AIG, Bear Stearns, Morgan Stanley, Citibank) bringt, oder indem man einkommensschwache Kreditnehmer ausbeutet (Bank of America), oder indem man sich Fürsprecher im Kongress kauft (alle oben genannten) – auf der Wall Street Business as Usual – während ich selbst mit dem Gehalt meiner Vollzeitstelle kaum über die Runden komme, dann wird mir sehr deutlich, dass meine Beteiligung am Arbeitsmarkt am Ende irrational ist.  Ich bin mir im Klaren, dass die Festigung meines Charakters durch Arbeit dumm ist, weil Geld eigentlich mit Verbrechen verdient wird. Ich könnte genauso gut wie ihr kriminell werden.

Genau darum stellt eine Wirtschaftskrise wie die Große Rezession auch ein moralisches Problem dar, eine spirituelle Sackgasse – und gleichzeitig eine intellektuelle Chance. Wir haben so viel auf die soziale, kulturelle und ethische Bedeutung von Arbeit gesetzt, dass wir mit dem Zusammenbruch des Arbeitsmarktes, wie es gerade recht eindrucksvoll passiert ist, einfach nicht hinreichend erklären können, was da passiert ist oder dass wir unsere Orientierung an einem neuen Wertesystem  für Arbeit und Märkte ausrichten könnten

Und wenn ich von „uns“ spreche, meine ich auch uns, uns alle von Links nach Rechts, weil einfach Jedermann uns Amerikaner wieder in Arbeit bringen will, egal wie – „Vollbeschäftigung“ ist das Ziel von rechten Politikern nicht weniger als von linken Ökonomen. Die Unterschiede bestehen lediglich in den Wegen, nicht den Zielen, und diese Ziele beinhalten immaterielle Werte wie Persönlichkeitsbildung.

Das heißt also, jeder betont laut die Vorteile der Arbeit, gerade da sie im Begriff ist zu verschwinden. Die Sicherstellung von „Vollbeschäftigung“ ist genau in dem Moment zum überparteilichen Ziel geworden, in dem sie sowohl unmöglich als auch überflüssig geworden ist. So etwa wie das Weiterbestehen auf die Sklaverei in 1850 oder auf die Rassentrennung in den 50ern.

Wozu?

Weil Arbeit uns, der Bevölkerung von Gesellschaften mit modernen Märkten, alles bedeutet, egal ob sie den Charakter stärkt und ob sie für ausgewogene Einkommen sorgt, weit entfernt von der Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie stand im Zentrum unserer Ansichten über ein gutes Leben, seit Plato die Handwerkskunst und die Möglichkeit von Ideen als solche in Beziehung setzte. Sie war unser Weg, sich dem Tod zu widersetzen, indem wir beständige Dinge schufen und diese reparierten, die maßgeblichen Dinge, die wir kennen, werden die uns eingeräumte Zeit auf dieser Erde überdauern, weil sie uns lehren, wenn wir sie schaffen und erhalten, dass die Welt über uns – die Welt vor und nach uns – ihre eigenen Realitätsprinzipien hat.

Lasst uns über den Umfang dieser Idee nachdenken. Arbeit war ein Weg, Unterschiede zwischen Männern und Frauen darzustellen, in dem man z.B. die Bedeutung von Vaterschaft und Brotverdienst verflochten hatte und sie dann in jüngerer Zeit wieder auseinander brach. Seit dem 17. Jahrhundert wurden Männlichkeit und Weiblichkeit über ihren Platz in der moralischen Wirtschaft definiert – nicht unbedingt erreicht – als arbeitende Männer, die eine Bezahlung erhielten für das Schaffen von Werten im Rahmen ihres Jobs, oder als arbeitende Frauen, die für ihr Schaffen und die Wahrung von Familien keine Bezahlung erhielten. Klar, diese Definitionen wandeln sich derzeit, genauso wie sich die Bedeutung von Familie wandelt, parallel zu dem tiefgreifenden Wandel auf dem Arbeitsmarkt – die Beteiligung der Frauen ist nur ein Beispiel dafür – und zu dem Wandel in der Einstellung zur Sexualität.

Wenn Arbeit verschwindet, werden die vom Arbeitsmarkt geschaffenen Geschlechterrollen verwischt. Wenn sozial bedingte Arbeit abnimmt, wird das, was wir dereinst Haushaltsarbeit nannten– Erziehung, Familienfürsorge, Service –  zur Schlüsselindustrie und nicht zu einer „tertiären“ Dimension der messbaren Wirtschaft. Arbeit aus Liebe, sich um andere zu kümmern und lernen, unserer Brüder Hüter zu sein – gesellschaftlich nützliche Arbeit – wird nicht zur Ausnahme sondern dringend erforderlich, und das nicht nur im familiären Bereich wo Zuneigung routinemäßig erhältlich ist. Nein, ich spreche von der ganzen weiten Welt da draußen.

Arbeit war ebenso die amerikanische Art des Kapitalismus, den rassistischen Kapitalismus, wie ihn die Historiker heute nennen, hervorzurufen mit Hilfe von Sklavenarbeit, Sträflingsarbeit, Teilverpachtungen, schließlich getrennten Arbeitsmärkten – in anderen Worten eine „Freie Marktwirtschaft”, errichtet auf den Ruinen schwarzer Körper, ein wirtschaftliches Gebäude, beseelt, durchtränkt und bestimmt von Rassismus. In diesen Vereinigten Staaten gab es noch nie Freiheit auf dem Arbeitsmarkt. Wie jeder andere Markt war er immer durch gesetzeskonforme, systematische Diskriminierung von schwarzen Menschen abgekapselt. Man kann sogar sagen, dass dieser abgekapselte Markt für die nach wie vor bestehenden Stereotypen wie bspw. der “Afro-Amerikanischen Faulheit” verantwortlich ist, indem schwarze Arbeitskräfte von gut bezahlten Jobs ausgeschlossen werden und sie in das Ghetto eines 8-Stunden-Tages eingepfercht werden.

Und doch, und doch. Obwohl Arbeit oft Unterdrückung, Abhängigkeit und Hierarchie (siehe oben) mit sich bringt, ist es auch der Ort, an dem wahrscheinlich die meisten von uns unserem zutiefst menschlichen Wunsch Ausdruck verliehen haben – frei zu sein von externer Autorität und Zwang und autark zu sein. Wir haben uns Jahrhunderte lang über das definiert, was wir tun und was wir schaffen.

Doch müssen wir uns im Klaren sein, dass diese Definition von uns selbst das Prinzip der Produktivität bedingt – jeder so wie er kann und jeder gemäß seiner realen Wertschöpfung – und dass sie uns an diese hirnverbrannte Idee bindet, dass wir nur das wert sind, was der Arbeitsmarkt uns als Preis zurechnen kann. Inzwischen muss uns auch klar sein, dass dieses Prinzip auch einen sicheren Kurs zum ungebremsten Wachstum und dessen getreuen Begleiterin, die zunehmende Zerstörung der Umwelt, bedeutet.

Wie würde sich die menschliche Natur verändern, wenn das aristokratische Privileg der freien Lebensgestaltung das Geburtsrecht von allen wäre?

Bis heute hat das Prinzip der Produktivität als das Realitätsprinzip funktioniert, das zum amerikanischen Traum plausibel zu passen scheint. „Arbeite hart, halt dich an die Regeln, komm voran“ oder „Du bekommst das wofür du bezahlst, du gehst deinen eigenen Weg, du bekommst zu recht was du dir ehrlich erarbeitet hast“ – solche Predigten und Ermunterungen erklärten uns die Welt. Zumindest klangen sie nicht wahnhaft. Mittlerweile tun sie das.

Das Verhaften am Prinzip der Produktivität bedroht somit die Volksgesundheit genauso wie diesen Planeten (im Grunde sind das dieselben Punkte). Indem wir uns dem Unmöglichen verpflichten, treiben wir uns in den Wahnsinn. Der Ökonom und Nobelpreisträger Angus Deaton sagte etwas vergleichbares, als er die abnormen Todesraten im Bible Belt, einer Region mit starker religiöser Prägung, erklärte, indem er behauptete, dass die Menschen dort „die Geschichten ihres Lebens“ verloren haben und damit meinte er wohl, dass sie den Glauben an den amerikanischen Traum verloren haben. Für sie ist Arbeitsmoral ein Todesurteil, weil sie danach nicht leben können.

Und so wirft das drohende Ende der Arbeit die fundamentale Frage über die Bedeutung des Menschseins auf. Welche sinnvolle Tätigkeit würden wir uns erstmal suchen, wenn unser Job – eine wirtschaftliche Notwendigkeit – nicht den Großteil unserer Wachstunden und unserer Kreativität verschlingen würde. Welche offensichtlichen, doch bislang unbekannten Türen würden sich öffnen? Wie würde sich die menschliche Natur an sich verändern, wenn das historische aristokratische Privileg der freien Lebensgestaltung zum Geburtsrecht aller Menschen würde?

Sigmund Freud betonte, dass im wesentlichen Liebe und Arbeit einen gesunden Menschen ausmachen. Damit lag er sicher richtig. Aber kann Liebe das Ende der Arbeit verkraften als fortbestehender Partner für ein gutes Leben? Können wir zulassen, dass die Leute Dinge umsonst bekommen und wir sie weiterhin als unsere Brüdern und Schwestern ansehen – als Angehörige einer geschätzten Gemeinde? Könnt ihr euch in eine Situation versetzen, in der ihr auf einer Party oder online eine anziehende Person trefft, und diese nicht fragt: „Und was machen Sie so?“

Wir werden hierauf keine Antwort bekommen bis wir uns eingestehen, dass heutzutage Arbeit alles für uns ist – aber morgen wird es ganz anders aussehen.

Dieser Text wurde im englischen Original zuerst auf aeon.co veröffentlicht (https://aeon.co/essays/what-if-jobs-are-not-the-solution-but-the-problem)

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Autor

James Livingston E-Mail: Nachricht schreiben Facebook Twitter Profil

James Livingston hat Geschichte an einem Community College, fünf großen, staatlichen Universitäten, in zwei Hochsicherheitsgefängnissen und einer kleinen, liberalen Schule (von der er gefeuert wurde) gelehrt. Seit 1988 ist er bei Rutgers. Er ist der Autor vieler Artikel und sechs Bücher, beginnend mit Origins of the Fed (1986), darunter auch Against Thrift (2011).

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