by Jochem Neysters

Von Fundis, Opportunisten und neuer Arbeit im Corporate CoWorkSpace

CoWorkSpaces sind Office-Konzepte, welche aus dem Wandel von einer Industriellen Ökonomie zu einer Netzwerk-Ökonomie entstanden sind und oft digital und frei arbeitenden Wissensarbeitern ein räumliches und soziales Umfeld bieten, um dort zu arbeiten und sich zu vernetzten. Die Betreiber von CoWorkSpaces verfolgen in ihrer Philosophie zum Teil fundamentalen Gedanken zum New Work, wie bspw. den Utopien und Werten von Friethjof Bergmann. In weniger idealistischer Ausprägung beschränken sich CoWorkSpace Angebote und Konzepte darauf, neue und flexiblere Organisationsformen im Umfeld von agilen Strukturen zu unterstützen.

Das Early-Bird in Berlin, über das ich neulich gestolpert bin, ist ein CoWorkSpace, hinter dem die Axel Springer Immobilien steht. Neben DesignOffices, für mich hierzulande der zweite Real-Estate-Anbieter, der das Thema CoWorkSpace durchaus professionell angeht, um seine Objekte attraktiver zu gestalten und eine neue Generation von Mietern zu gewinnen bzw. zu bedienen. Anbieter wie WeWork und Mindspace vermarkten keine eigenen RE-Objekte, sondern sind „Unter-Vermieter“, die ganze Objekte mieten und den Besitzern von Bürogebäuden die Arbeit eines CoWorkSpace-Betreibers abnehmen. Im Umkreis einer Open-Space-Zone inkl. aufwendig gestalteten Cafébar finden sich bei Mindspace & Co. gern ausgedehnte Bereiche von schlicht gehaltenen Einzel- oder Teambüros, mit den von normalen Büros gewohnten langen Gängen. Primär geht es darum hohe Renditen zu generieren.

Was bei den genannten Anbietern wenig bis gar nicht stattfindet ist, den Space mit vielen und guten Netzwerkveranstaltungen zu bestücken, wie es bspw. die betahäuser in Hamburg oder Berlin praktizieren und welche sich zudem mit viel Idealismus darum bemühen, eine echte „Community“ aufzubauen. Das RE-Vermarkter vor solch einer inhaltlichen „Bestückung“ zurückscheuen ist generell verständlich, da diese Veranstaltungs- und Vernetzungs-Aktivitäten aufwendig sind und erst einmal die Rendite drücken. Ungeachtet dessen lässt sich sagen: Selbst bei diesen Büroraum-Anbietern herrscht eine völlig andere Atmosphäre als in einem „normalen Büro“ und das, obwohl meist keine non-territorialen Arbeitsplätze (Open Space) genutzt werden.

Das sich die genannten Anbieter von „Work-Space“ mit dem Titel „CoWorkSpace“ schmücken, trifft bei den Fundis der Szene auf schärfste  Ablehnung. Auch für mich sind CoWorkSpaces nicht nur Orte, an denen Maximen wie Offenheit, Kollaboration, Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Zugänglichkeit gepflegt werden, sondern diese stellen im Grunde eine „Open Innovation Academy“ dar, an der man ständig Impulse aus unterschiedlichsten Quellen in Form von Workshops, Vorträgen, Barcamps, Open Space Stammtischen, etc. findet. Diese offenen und interaktiven Veranstaltungen sind ein wichtiger Treiber, um bilaterale Netzwerke und Innovation zu fördern. Es sind zudem Umgebungen – oder besser: Plattformen -, in denen eher entwickelt, als abgewickelt wird und die einer Gedanken-„Werkstatt“, einem Labor oder Maker-Space gleichen, um zu inspirieren, zu vernetzten und den Blick über den eigenen Tellerrand zu schärfen.

Wo findet sich nun der „wahre“ CoWorkSpace?

Genau in diesen Auseinandersetzungen zwischen „Fundis“ und opportunistischen „Realos“ stellt sich die eher nüchterne Frage nach den bessern Konzepten, bzw. nach den Konzepten die eine gute Rendite sichern, um im Markt dauerhaft zu bestehen. Denn: Auch die oft sehr kreativen und idealistischen „Fundis“ müssen sich betriebswirtschaftlichen Gegebenheiten und einer gegebenen Nachfrage im Markt stellen. Und wenn sie wirtschaftlich erfolgreich sind, was die meisten von ihnen nicht sind, so stellt ihr Konzept nur ein Konzept von CoWorkSpace dar. Es nutzt nichts, wenn die Fundamentalisten unter den CoWorkSpace-Anbietern gegen die oben genannten Opportunisten schimpfen, auf Dauer werden die gewinnen, welche die „Nutzer in der Breite“ bedienen und dabei gute Renditen einfahren.

Wo finden sich also die Gewinner unter den Betreibern von CoWorkSpace Konzepten?

Sieht man sich den Erfolg und das Wachstum von RE-Anbietern in diesem Bereich an, so werden kleine CoWorkSpace-Anbieter zukünftig unter Existenzdruck kommen oder sind es schon. Kleine Anbieter sind gezwungen ihre Flächen viel zu teuer einzukaufen und es fehlt ihnen oft an Vermietungsfläche, um spezifische, investitions- und kostenintensive Zonen (Café, Meetingräume, etc.) rentabel zu betreiben und noch dazu die genannten Veranstaltungen zu realisieren. Das schließt durchaus nicht aus, das einzelne, kleinere CoWorkingSpaces mit Nischenkonzepten (Inklusion, Kindergarten, Makerspace, Beachcamp, etc.) funktionieren und ihre Betreiber leidlich ernähren. Die wirklichen Gewinner werden sich aber im Bereich der Business-Center und RE-Anbieter finden, die den Megatrend zu neuen Arbeits- und Organisationsformen erkennen, ihr Angebot zudem leicht skalieren können und die finanziellen Mittel haben, beim „inhaltlichen Part“ nachzurüsten, soweit sich der vom Nutzer als tatsächlich gefordert erweist.

Die vielleicht noch größeren Gewinner finden sich im Umfeld innovativer Unternehmen, welche „Corporate CoWorkSpaces“ ihr Eigen nennen. Für sie hat dieses Arbeits- und Raumkonzept einen ganz andere Nutzen, als für die zahlreichen Freelancer, Startups und digitalen Nomaden. „Don´t kill my Vibes“ … Die Vernetzung von Unternehmen mit Coworking Communities ist nicht nur hinsichtlich der Innovationsfähigkeit von Belang, sondern auch im Kontext einer Evolution der Unternehmenskultur und Arbeitsweisen. Neben der Implementation von Think-Tanks und Innovation-Labs wird daher im Umfeld von Corporate Offices in jüngster Zeit mit Corporate CoworkSpaces experimentiert. Siehe Collaborator8 (Otto, Hamburg), Pitch (Adidas, Herzogenaurach), Cogneon Akademie (Nürnberg), OOSE Akademie (Hamburg) oder Büro Züri (Kantonalbank Zürich). In diesem
Umfeld äußerst interessant sind die Studien:

Coworking aus Unternehmenssicht – Serendipity-Biotop oder Fluchtort? Institut für Wirtschaftsinformatik St. Gallen – 12.2016

FASZINATION COWORKING – Potenziale für Unternehmen und ihre Mitarbeiter Fraunhofer IAO – 2014

Natürlich nutzen zahlreiche Unternehmen bereits heute „reguläre“ CoWorkSpaces, um im Team oder im Rahmen von Projekten einen temporären Orts- und Klimawechsel zu vollziehen. Es geht aber mittelfristig nicht darum, mit kleinen Elite-Teams den Alltagsraum zu verlassen und den Rest der Company zu belassen wie er ist. Die wenigsten Unternehmen befinden sich heute noch in Marktumfeldern, in denen mehr oder weniger von oben nach unten durchregiert werden kann, in denen oben gedacht und unten abgewickelt wird. Globalisierung und Digitalisierung verändern so ziemlich jeden Markt und somit die Bedingungen, in denen sich Unternehmen bewegen. Tendenz weiter stark steigend … So paradox es kling, es geht darum, alte Muster über Bord zu werfen und „Neuland“ zu entdecken, um den bisher gewohnten Erfolg zu sichern.

„We shape our buildings, thereafter they shape us.“ Winston Churchill

Erst verändert der Mensch den Raum, dann verändert der Raum den Menschen. In diesem Sinne helfen Corporate CoworkSpaces die Einführung neuer, agiler Organisationsund Führungsstrukturen einzuführen. Implementieren Unternehmen innerhalb ihrer Bürogebäude „Corporate CoworkSpace-Umgebungen“ und ermöglichen es den Wissensarbeitern ungeachtet ihrer Abteilungs- oder sogar Betriebszugehörigkeit dort zu wirken, so entsteht „undercover“ eine neue Kultur des Verhaltens, sowie auch der weitaus schwerer zu beeinflussenden Wertekultur. Augenhöhe, Freiheit, Offenheit, kreativer Austausch, wer das als Mitarbeiter einmal erlebt hat, möchte gar nicht mehr weg. Das Ganze versteht sich dabei keineswegs als Selbstzweck, der Output bestimmt den Wert der Räume. Primär werden diese Umfelder Mitarbeiter inspirieren, eine stärkere Unternehmensbindung zu erzeugen, sowie zu mehr Performance im Ergebnis führen.

4 Faktoren verschaffen dem Corporate CoWorkingSpace eine Alleinstellung gegenüber den regulären CoWorkSpaces:

1. Die Kultur
Eine Company will ihre eigene Corporate Kultur und keinen Multi-Kultur-Mix eines fremden Umfeldes (Stichwort CI). Zudem stellen Corporate Offices und somit auch „Corporate CoWorkSpaces“ in einer immer dezentralisierteren, oft virtuellen Firmenwelt einen Anker, ja fast eine Heimat dar, welche ein fester Bezugs- und Anlaufpunkt ist, um die Bindung an das Unternehmen und seine Identität zu festigen.

2. Die Sicherheit
Unternehmen haben Internas, von denen die Mitarbeiter wissen sollen, die Wettbewerber hingegen nicht. Das offene WLAN, der 80-Zoll-Screen in einem gläsernen Meeting-Raum im externen CoWorkSpace sind da eher das falsche Netz, das falsche Tool und die falsche Umgebung. Neue Kontakte und Freundschaften sind toll, aber die willkürliche Vermischung von privaten „Buddies“ und beruflichen Aufgaben ist oft eine fragwürdige Sache.

3. Die Infrastruktur
Abgesehen vom optimierten, schnellen WiFi, dem redundant gesicherten Internet, etc. … externe CoWorkSpaces haben in der Regel nicht die ausgefeilte und vernetzte Technik und Konferenztechnik, die Medienbrüche vermeiden und einen wirklich guten Workflow garantieren. Schon die Anzahl der Tagungsräume und die Art diese zu buchen lässt in regulären CoWorkSpaces meist zu wünschen übrig. Allerdings: Die gelegentlich spartanische Infrastruktur eines externen CoWorkSpaces kann umgekehrt auch genau den Reiz ausmachen, wenn es darum geht zu improvisieren und Ideen zu entwickeln. Die häufige Perfektion vorhandener Corporate Offices entspricht eher nicht der kreativen Werkstatt-Atmosphäre und dem Garage-Gedanken zu experimentieren.

4. Flächenoptimierung
Corporate CoWorkSpace funktioniert ganz sicher nicht als alleiniges Raumkonzept im Unternehmen, sondern ergänzt vielmehr klassische Corporate Office Szenarien. Zugleich bietet es Optionen für ein flexibleres Arbeiten, ein ganz neues Arbeiten und eine insgesamt deutlich flexiblere Flächennutzung.

Eine Herausforderung beim Corporate CoWorkingSpace:
Mit der Einrichtung ist es nicht getan, auch ein Corporate CoWorkSpace muss „bespielt“ werden. Unternehmen sind in ihrem Wesen aber keine CoWorkSpace-Betreiber. Um den Laden in Schwung zu bringen und am Laufen zu halten braucht es eine Art Communityund Space-Management, nicht zuletzt um die Employees im Umgang mit neuen, flexiblen Arbeitsformen zu inspirieren, zu ermutigen und zu supporten. Unternehmen werden daher auch externe CoWorkSpace-Betreiber buchen, um Corporate CoWorkSpaces zu etablieren. Hier liegen neue Geschäftsmodelle und Aufgaben für externe CoWorkSpace Betreiber und erfahrene „Fundis“.

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Autor

Jochem Neysters Geschäftsführer Dawideit, Neysters & Freunde GmbH E-Mail: Nachricht schreiben Twitter Website: newwork.biz Profil

Jochem beschäftigt sich seit den 90gern mit dem Thema „Arbeit neu denken“. Sein Fokus liegt dabei auf physischen Arbeitsräumen, sowie mobilen und digitalen Infrastrukturen. 2000 wurde er Mit-Initiator des „BÜRO PUR“, ein Office-Konzept bei dem es um vernetzte Kompetenzen und der jeweils temporären Nutzung eines Standortes ging. Man hätte es fast CoWorkSpace nennen können, hätte es den Begriff damals schon gegeben. Jochem versteht sich als Impulsgeber, Querdenker, Netzwerker und „Homo digitalis“. In Zusammenarbeit mir Organisationsberatern und Raumplanern unterstützt er Unternehmen bei digitalen Themen und beim Aufbau von Communities und Corporate CoWorkSpaces. Gelegentlich spricht er vor Managern, Planern und Entwicklern zum Thema „Neues Arbeiten in neuen Räumen“, weil er das so schön kann und man ihm gern zuhört. Um der schönen Arbeit auch mal zu entfliehen, hört er Jazz, fährt Rad, segelt auf den Seen der Schleswig-Holsteinischen Schweiz oder paddelt mit dem Kanu auf der Alster.

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