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Landflucht war gestern – Die Zukunft könnte der digitalen Region gehören

Immer mehr Menschen zieht es in die Stadt. Weltweit entstehen immer mehr Megacities mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Eine Entwicklung die, in nicht ganz so großem Umfang, auch in Deutschland zu beobachten ist. Die Folge dieser globalen Landflucht sind Strukturprobleme sowohl in den ländlich geprägten Räumen als auch in den schnell wachsenden Städten.

Auf dem Land forciert der nach wie vor hinter den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Anforderungen zurückbleibende digitale Infrastrukturausbau die Entwicklung. Dies verstärkt den Druck auf die digital mobile Bevölkerung, in die mit größerer Bandbreite ausgestatteten attraktiveren Siedlungsgebiete zu ziehen bzw. schlecht versorgte ländliche Gebiete zu meiden. Auf dem Land schrumpfen damit die Arbeitsangebote und genutzten Lebensräume weiter, während in den Städten zur Zeit viele neue Wohn-, Lebens- und Partizipationsräume entstehen.

Den bestehenden Unternehmen fällt es schwer, kurz- oder mittelfristig diesen Trends räumlich zu folgen. Sie sind auf die dauerhafte Attraktivität ihres Standortes angewiesen, die sie selbst aber nur bedingt beeinflussen können. Dies führt mittelfristig zu einer Ungleichverteilung von Fachkräften und damit zu einem wesentlichen Wettbewerbsnachteil der Unternehmen „in der Fläche“.

Ziel sollte es sein, durch fokussierte Infrastrukturmaßnahmen – gerade im Bereich Breitband und durch neue Mobilitätskonzepte – die Attraktivität ländlicher Lebensräume wieder zu erhöhen, damit Leben und Arbeiten auf dem Land eine interessante Alternative zu den Mainstream-Lebensentwürfen des städtischen Pendlermodells darstellt.

Einen besondere Entwicklungsschub könnte ausgerechnet die Digitalisierung und die Zukunft der Arbeit bieten. Vielleicht sollten wir uns vom medialen Mainstream lösen, der da schreibt, dass das Leben in der Stadt mit dem allabendlichen Glas Rotwein beim Italiener im eigenen Kiez die Lösung für alle Menschen in diesem Lande wäre. Eine Sichtweise, die schon bisher die Diversität der Lebensstile vollkommen negiert und das Leben auf dem Lande außerhalb der städtischen digitalen HotSpots ignoriert hat.

Das Internet wird es mit sich bringen, dass sich ein relativ naturnahes Wohnen (soweit man im dichtbesiedelten Deutschland davon sprechen kann) vereinbaren lässt mit der Versorgung mit grundsätzlichen Gütern des alltäglichen Bedarfs und der Kommunikation mit anderen Menschen. Damit wird das Internet zukünftig eine der wichtigsten Gründe für das Leben und Arbeiten auf dem Land werden bzw. umgekehrt die Gründe zum Wohnen in der Stadt neutralisieren:

  • Die Versorgung mit dem Internet auf dem flachen Land nimmt stetig zu. Damit ist es zunehmend möglich, die negativen Folgekosten des Wohnens außerhalb der innerstädtischen Infrastruktur abzusenken.
  • Die Virtualisierung medizinischer und pflegerischer Dienste sowie die mögliche Virtualisierung des schulischen Angebots entziehen wichtigen Argumenten für die Nutzung einer innenstadtnahen Infrastruktur die Grundlage.
  • Einzelhandel über das Netz wird an Relevanz gewinnen und das klassische Argument von der Innenstadt als Marktplatz entkräften. Es interessiert die Bürger letztlich nicht, was sich Kommunalpolitik und örtliche Einzelhändler wünschen. Der Bürger stimmt mit seinem Ausgabeverhalten ab.
  • Car- und allgemeines Konsum-Sharing wird durch das Internet immens erleichtert und damit auch zunehmend ein Thema in den Eigenheimsiedlungen vor der Stadt. Die Bedeutung der Konsuminfrastruktur als Argument für das Wohnen in der Stadt nimmt damit allgemein ab.
  • Während die derzeitigen Renten- und Pensionsempfänger eine eher geringe Armutsquote aufweisen und das (relativ) teure Einkaufen von Bio- und Regional-Produkten auf den Wochenmärkten häufig Teil der Lebenseinstellung ist, lassen steigende Armutsquoten im Alter in Zukunft den Bedarf an Lebensmitteln vom Discounter ansteigen; diese gibt es aber aufgrund des fehlenden Platzes und hoher Quadratmeterpreise weniger in den Innenstädten. Damit entfällt ein wesentlicher Grund – kurze Wege – für das Wohnen in der Innenstadt.
  • Die Kommunikation auf dem kommunalen Marktplatz oder im lokalen Café wird zusehends durch soziale Netze und damit ortsungebundene Kontakte wenn nicht abgelöst so doch ergänzt. Das Internet ersetzt damit zu einem großen Teil die Stadt als unmittelbares soziales Lebensumfeld.
  • Die Teilnahmequote am Internet in den jüngeren Generationen wird perspektivisch die Akzeptanz internetbasierter Dienste deutlich erhöhen.

Neben diesen internetbezogenen Gründen für ein Leben auf dem Land gibt es natürlich auch weitere  Aspekte, die diesen Trend unterstützen werden:

  • Innenstädte werden zunehmend als Ort sozialer Brennpunkte wahrgenommen. Diese Wahrnehmung spielt insbesondere bei älteren Menschen eine große Rolle in der Bewertung der Qualität des Wohnumfeldes.
  • Die nach wir vor stark ansteigenden Wohnkosten in den zentralen Lagen beliebter Großstädte führen zur Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis, wenn man in München oder Hamburg in der City Wohnraum mietet oder auch erwirbt.
  • Zudem hat es den markanten Trend zur Rückkehr in die Innenstadt nur in den großen Metropolen gegeben, er ist aber nie ein Thema der relativ unattraktiven Lagen in Städten mittlerer Größe gewesen.
  • Die Generation der Babyboomer wird aufgrund des steigenden Gesamtangebots an Wohnraum bei Renteneintritt der eigenen Generationen Probleme haben, angemessene und erwartete Preis für die eigene Immobilie zu erhalten. Der ideelle Wert der Immobilie wird dadurch relativ ansteigen und den Trend zum Wohnen in der Innenstadt, in der auch neue soziale Kontakte aufgebaut werden müssten, abbremsen.
  • Der Trend zur Vereinzelung der Haushalte hält auch bei jüngeren Generationen an und lässt den Wohnraumbedarf auch in Zukunft weiter ansteigen, trotz der gestiegenen Bedeutung von Alten-WGs. Das Ergebnis der Wechselwirkung der beiden letztgenannten Trends ist nicht absehbar.

Die Digitalisierung wird die Wahlfreiheit des Ortes des Arbeitens massiv ausweiten. Analysiert man die veränderten Rahmenbedingungen von Leben und Wohnen in der Stadt unter digitalen Gesichtspunkten, so wird schnell deutlich, dass die „Zu- kunft der Arbeit“ unser Verständnis der Trennung von Leben und Arbeit relativ kurzfristig in Frage stellen wird.

Dieser Beitrag ist ursprünglich Teil der Proklamation „Zukunft der Arbeit„.

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