Neuer D21 Digital Index mit Fokus „Digitales Arbeiten“ und „Künstliche Intelligenz“: Potenziale mobilen Arbeitens liegen weiter brach

Auch in diesem Jahr haben wir im Projekt „Die betriebliche Digitalisierung in der Arbeitswelt“ wieder als Partner der Initiative D21 die Erstellung des Digital Index unterstützt. Der Digital Index hat das Ziel, den Grad der Digitalisierung und deren Entwicklung in der Bevölkerung zu messen. Der Digital Index wird ausschließlich auf Basis von Face-to-Face-Interviews (!) von bis zu 24.000 Menschen erstellt und bürgt daher für eine hohe Qualität der Befragungsergebnisse, da darauf aufbauend auf die gesamte Bevölkerung rückgeschlossen werden kann.

81% der Befragten nutzen das Internet (Vorjahr 79%). 64% (Vorjahr 59%) nutzen das Internet via mobiler Devices. Die Nutzung des Internets aber auch die Offenheit gegenüber dem Internet, die Kompetenz es zu nutzen sowie die Zugangsmöglichkeit per se steigen generell mit dem Einkommen, der formalen Qualifikation, der Haushaltsgröße, dem Faktum der Erwerbstätigkeit und sinken im Alter.

Erneut ist dabei die generelle Nutzung von Desktop-PCs auf nur noch 47% geradezu eingebrochen wohingegen die Nutzung von Smartphones mit 70% weiter angestiegen ist. 95% der 14 bis 29-Jährigen nutzen ein Smartphone gegenüber nur 49% der über 50-Jährigen. Die 30 bis 49-Jährigen nutzen hingegen überdurchschnittlich oft Desktop-PCs. Spannend ist, dass das Netz inzwischen hauptsächlich für Online-Shopping, Cloud-Services und Streaming genutzt wird. Lernangebote oder die Nutzung von Foren und Blogs fallen demgegenüber stark ab.

Berufstätigkeit fördert Internet-Kompetenz

Bei der Nutzung von Computern und den darauf enthaltenen Standardprogrammen (Word et al.) zeigt sich in erwartbarer Weise, dass die dafür benötigte Kompetenz deutlich davon abhängig ist, ob die betreffende Person berufstätig ist. Dieses Muster zeigt sich aber überraschender Weise auch bei der Nutzung des Internets insgesamt. Die Ausübung einer Berufstätigkeit ist in Deutschland die wichtigste Determinante für die kompetente Nutzung des Internets – womit natürlich nicht gesagt ist, dass das Internet nicht auch von Nicht-Erwerbstätigen kompetent genutzt wird!

Insgesamt ist die Offenheit gegenüber der Nutzung des Internets – Nutzung in der Schule, Programmierkenntnisse in Schulen, allgemeine Informationssuche, dezidiert kein Verzicht auf das Internet und der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben durch die Nutzung digitaler Werkzeuge – mit einem teilweisen Zuwachs von 24%-Punkten gerade dramatisch angestiegen. Zudem ist es spannend zu sehen, dass dieser Zuwachs in allen Altersgruppen zu beobachten ist.

Künstliche Intelligenz wird zunehmend genutzt

Mit Blick auf die Nutzung jeglicher Form von Künstlicher Intelligenz (Sprachassistenten et al.) und Robotik im Haushalt und in der Pflege ist ebenfalls eine erstaunliche Offenheit zu beobachten, obwohl die Technik noch nicht in vielen Fällen für alle Nutzer einfach zu bedienen ist. Bis zu 30% aller Befragten nutzen diese Techniken bereits oder wollen sie demnächst nutzen. Einen Gewinn verspricht sich eine relative Mehrheit der Befragten durch selbständig agierende und mitdenkende Technik. Auf „Gehorsamkeit“ oder „Fürsorglichkeit“ ausgerichtete Anwendungen und Robotik finden nicht dasselbe Maß an Unterstützung. Männer sind dieser Technik gegenüber deutlich offener eingestellt als Frauen.

Vorhandenes Potenzial für mobiles Arbeiten liegt überwiegend brach

Die Digitalisierung unserer Arbeitsumgebung bietet ein vorher nicht gekanntes Potenzial an mobiler und damit an selbstbestimmter Arbeit. Zudem fallen immense Umwelt- und Zeitkosten bei Verzicht auf tägliches Pendeln weg.

Telearbeit, HomeOffice und/oder mobiles Arbeiten werden aber nach wie vor selten genutzt. Gegenwärtig wird mobil gerade mal von 16% der Erwerbstätigen (Männer 19%, Frauen 14%) gearbeitet. Für 48% derjenigen, die es nicht nutzen, liegt es an der fehlenden Möglichkeit aufgrund der Natur des jeweiligen Berufes. Dies bedeutet aber im Umkehrschluss auch, dass –  bezogen auf die Erwerbspersonenzahl in Deutschland insgesamt (44 Millionen) – mindestens 15 Millionen Erwerbstätige Zeit und Kosten sparen könnten, wenn ihnen die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten eingeräumt würde oder aber sie selbst diese Möglichkeit wahrnehmen würden.

Aber auch innerhalb der Arbeitsumgebungen scheint Deutschland nach wie vor viel Nachholbedarf zu haben. Nur 45% der im Büro Tätigen nutzen einen Firmen-Laptop, 29% regelmäßig einen VPN-Dienst, je 21% Videokonferenzen oder Smartphones, 16% arbeiten an geteilten Dokumenten und 16% nutzen ein Tablet. Männer stehen diese digitalen Möglichkeiten bis zu viermal häufiger zur Verfügung als Frauen. Gerade einmal 1% aller Berufstätigen können (müssen?) eine Bring-Your-Own-Device-Politik wahrnehmen. 41% der im Büro Tätigen nutzen keines der genannten Dienste oder Devices.

Kompetenzaufbau erfolgt fallbezogen – Digitale Weiterbildung bei der Arbeit eher die Ausnahme

Wie schon in den Vorjahren sind die üblichen Methoden, sich die digitalen Kompetenzen anzueignen, das Ausprobieren (56%), Hilfe von Freunden (48%) oder Familie (43%) und die Nutzung von YouTube und Foren (33%). Eine geregelte systematische Fortbildung durch den Arbeitgeber findet nur bei 15% der Befragten statt.

Mit Blick auf die Veränderung der Arbeitsumgebung in Folge (auch) der Digitalisierung gibt es von Seiten der Erwerbstätigen aber eben auch klare Vorstellungen. Flexible Arbeitszeiten als Bestandteil einer modernen Arbeitsumgebung (72%) und die Vereinbarkeit von Beruf und Privat (41%) werden von einem großen Teil der Erwerbstätigen gewünscht. Die Rolle der digitalen Werkzeuge ist in diesem Kontext für manche Menschen jedoch ambivalent. Für 24% der Erwerbstätigen dienen sie dem Zeitgewinn, für 22% führen sie zu einer Verdichtung der Arbeit. Berufliche Plattformen wie LinkedIn oder Xing werden gerade einmal von 5% der Befragten genutzt.

Nutzung digitaler Werkzeuge eine Frage der Einstellung und der Arbeitskultur

Die Zahlen des diesjährigen Digital Index zeigen in der Summe, dass zwar die Nutzung des Internets leicht ansteigt, insgesamt aber die Aufteilung der Bevölkerung in verschiedene Nutzergruppen unverändert bleibt. Die Technik-Enthusiasten bauen ihren Produktivitätsvorsprung bei der Arbeit durch die frühzeitige Nutzung künstlicher Intelligenzen wahrscheinlich weiter aus während die Technik-Skeptiker zunehmend Leidtragende der digitalen Spaltung der Nutzerschaft sind. Berufstätige besitzen einen eindeutigen Kompetenzvorsprung bei der Nutzung des Netzes.

Frauen sind bei der Arbeit und der dortigen Ausstattung von Hard- und Software nach wie vor stark unterrepräsentiert. Dies dürfte mehrere Gründe haben (z.B.: gemessene stärkere Ablehnung und weniger Nutzung von Sprachassistenten, Robotern im Haus und virtuellen Beratern bei gleichzeitig weniger Vertretung in Führungspositionen). Es wäre an einer der nächsten Ausgaben des Indizes, darauf näher einzugehen.

Dasselbe gilt aber zugleich auch für die Nutzung mobiler Arbeitsgelegenheiten durch alle Berufstätigen. Auch hier liegen riesige Potenziale brach und es wäre sinnvoll, näher auf die Hintergründe des Fehlens einer digitalen Arbeitskultur einzugehen.

„Alle Graphiken des Indizes gibt es hier unter einer CC-Lizenz zur freien Verwendung“

(https://www.flickr.com/photos/initiatived21/albums/)

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Ole Wintermann E-Mail: Nachricht schreiben Facebook Twitter Google+ Website: bertelsmann-stiftung.de Profil

Dr. Ole Wintermann hat an den Universitäten Kiel, Göteborg und Greifswald VWL…

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