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Raus aus der Höhle! Virtuelle Arbeit und der Weg zur virtuellen Großgemeinschaft

„Unser Kollege in Argentinien hat dazu doch letztens noch ein Dokument in unserem Workspace hochgeladen und unser Konzeptionist aus China hat in der gestrigen Videokonferenz einige Verbesserungen angemerkt.“ So oder so ähnlich kann eine Aussage zum weiteren Vorgehen im modernen Projektmanagement lauten. Entwickelt werden Projekte schon lange nicht mehr nur am großen runden Tisch im achtstöckigen Hochhaus im Unternehmerviertel. Der Schöpferschwerpunkt hat sich verschoben. Große Aufgaben löst man heute in virtuellen Teams. Doch was bringt das virtuelle Arbeiten wirklich? Sind die vermeintlichen ökonomischen Vorteile wirklich die ausschlaggebenden Aspekte, die das virtuelle Arbeiten so besonders machen und kann jedes Projekt auf diese Weise bewältigt werden?

Über Höhlen und Büros bis hin zur virtuellen Welt und dem neuen Arbeitsplatz

Wie Eingangs schon kurz erwähnt liegt es dem Menschen nahe, große und umfangreiche Aufgaben in einer Gruppe zu bewältigen. Diese Tendenz ist fest in uns verankert. Schon unsere Vorfahren fanden sich in Gruppen zusammen, um die große Wildkatze zu verjagen, die um das Lager tigerte und bedrohlich fauchte. Speere wurden gewetzt, Pläne geschmiedet und das Tier schließlich vertrieben. Der Gruppengedanke war damals essentiell zum Überleben. Die Natur stellte das, wie Hegel treffend beschrieb, „Mängelwesen Mensch“ vor zahlreiche Probleme, die es zu lösen gab. Die Rollen in der Gruppe waren damals klar verteilt: Männer stellen Werkzeuge und Waffen her und gingen Jagen, Frauen hielten Zuhause die Stellung und widmeten sich ästhetischem Handwerk oder dem Sammeln. Innerhalb dieser Gender-Gruppen gab es Spezialisten und eine klare Hierarchie. Pläne wurden damals den Fähigkeiten entsprechend angepasst. Es ging also primär um die Anwendung von ausgefeilten Techniken. Von Umsatz, Gewinn und Zeitersparnis im heutigen Sinne machte sich der Steinzeitmensch noch keine Sorgen.

Wir machen einen großen Zeitsprung in die Moderne. Der Mensch ist zivilisiert und es gibt Unternehmen. Gekämpft wird auch heute noch ums Überleben. Die Gefahren heißen nun jedoch nicht mehr Säbelzahntiger und Eiszeit, sondern Viren und Atomwaffen. Auch das Lösen von Aufgaben hat sich geändert. Männliche und weibliche Angestellte in Unternehmen setzen sich gemeinsam in Konferenzräumen zusammen. Es werden Präsentationen gehalten und das weitere Vorgehen geplant. Getrieben vom Wettbewerb mit anderen Unternehmen wird versucht mit den vorhandenen Ressourcen und den mehr oder minder qualifizierten Arbeitskräften ein gutes Ergebnis zu erzielen. Wenn man es sich leisten kann, kommt auch mal ein Experte dazu. Wichtig ist, dass alles ins Budget passt und alle Beteiligten am Projekt die Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen erledigen. Business gleicht sich also in seiner Wichtigkeit der Technik an.

Ob in der Höhle oder im Büro: Projektarbeit war noch bis ins 21. Jahrhundert auf eine örtliche Zusammenkunft der Akteure beschränkt. Das Virtuelle Arbeiten entbindet jedoch den Schaffensprozess eines Projekts vom festen Ort und verteilt Aufgaben teilweise auf die ganze Welt und nicht nur an einzelne Personen an einem einzigen Ort. Die über Online-Plattformen vernetzten Virtuellen Teams, die gemeinsam an bestimmten Projekten arbeiten, kommen meist aus den verschiedensten Ländern, Unternehmen oder Institutionen. Die beteiligten Akteure treten im Team als individuelle Arbeitskräfte auf. Der Fokus liegt viel mehr auf den fachspezifischen Kenntnissen, die sie zeitlich begrenzt in das Projekt einbringen. Im Fokus steht folglich der erbrachte Einsatz der Arbeitskräfte und dessen Qualität für das Team und das Projekt. Die Individualität einzelner Personen wird hervorgehoben und deren ganz speziellen Stärken und Schwächen beeinflussen das Team-Ergebnis stark. Oft ist in diesem Zusammenhang von „Industrie 4.0“ die Rede. Produktivität erreicht mit dem Einsatz von intelligenten Maschinen und Programmen für Projektarbeiten einen neuen Level.

Was das Cloudworking der Arbeit wirklich bringt

Hört sich alles nach einer guten Sache an. Virtuelle Arbeit ist nicht ohne Grund auf dem Weg dazu, die Konzernarbeit zukünftig zurückzudrängen. Die neumodische Form der Arbeitsorganisation bringt aber viele Herausforderungen und Hindernisse mit sich.

Für Menschen, die ihre Arbeitskollegen gerne auch privat kennen lernen wollen oder Menschen direkt in die Augen schauen müssen, um zu verstehen, was sie denn wollen, ist das Arbeiten in einem Virtuellen Team das falsche Umfeld. Der persönliche Kontakt wird meist auf rein professionelle Gesichtspunkte beschränkt, die den Arbeitsprozess fördern. Mit dem tatsächlichen Vollzug der eingeteilten Arbeitsabläufe geht eine weitere Schwierigkeit einher, die nur durch besonders hohe Ordnung und ein passendes Organisationsprogramm vermieden werden kann. Aufgrund der individuell verteilten Deadlines für einzelne Teammitglieder und ihre Aufgaben kann es öfter vorkommen, dass nicht alle Akteure zur gleichen Zeit für Video- oder Telefonkonferenzen zur Verfügung stehen.

Werden die Herausforderungen und Hindernisse mithilfe eines passenden Programms und einer guten Vertrauensbasis überwunden, ist der Ertrag des Cloudworkings für die Arbeit vielschichtig gekennzeichnet.

Durch die Entkopplung des Arbeitsprozesses von einem bestimmten Ort und einem stark determinierten unternehmerischen Umfeld schafft das Virtuelle Arbeiten heterogene Gruppen geschaffen. Diese erreichen, dass Projektergebnisse qualitativ hochwertiger und differenzierter gestaltet werden. Hinzu kommt der Aspekt der Vernetzung zwischen Unternehmen und Institutionen. Die Bildung Virtueller Teams legt oft den Grundstein für weitere Konzepte und kann neue zwischenunternehmerische Projekte begründen, sowie Marktgebiete erschließen.

Neben den positiven Effekten auf gemeinsamen Arbeitsprozessen und Ergebnissen, also Abläufen und Zielen, die in das Wirkungsfeld der Gruppe fallen, hat das Arbeiten in der Cloud auch große Vorteile für die einzelnen Mitglieder. Für die Mitglieder des Virtuellen Teams, bringt das „Arbeiten in der Cloud“ den großen Vorteil, Arbeit flexibel machen zu können. Gemeint ist damit, dass das Erledigen von Aufgaben meist einer Deadline unterliegt, der Arbeitsfluss bis zu dieser Deadline aber frei eingeteilt werden kann. Es ist also den Gruppenmitgliedern vorbethalten, wann, wo und in welchem täglichen Umfang sie Aufgaben erledigen. Diese neu gewonnene Freiheit der Arbeitseinteilung und Erledigung schafft Individualität und fördert Kreativität, sowie Selbstmanagement.

Vernetzung überall: Die Schaffung einer virtuellen Großgemeinschaft

Den Menschen bringt die virtuelle Form der Arbeitsorganisation jedoch vor allem soziale Vorteile. Neue Tendenzen, wie Diversity, also das Anerkennen und schätzen nationaler, sowie kultureller Vielfalt oder das Phänomen der Small-World-Networks, also kleineren Netzwerke mit zentralen Knotenpunkten die sich auf die ganze Welt verteilt sind, gewinnen an Bedeutung.

Das virtuelle Arbeiten zeichnet sich aufgrund dieser Tendenzen durch Unmittelbarkeit und Transparenz aus- genau wie die moderne Gesellschaft. Den Menschen wird es daher noch einfacher gemacht, einen in sich tief verankerten Wunsch zu befriedigen: Der Wunsch nach Beachtung, der Wunsch wahrgenommen zu werden oder extrem formuliert: Der Wunsch, dass die eigene Existenz auf dieser Welt überhaupt anerkannt wird. Dieser zunächst egoistisch motiviertes Verhalten hat aber noch einen netten Nebeneffekt, der einen weiteres Verlangen des Menschen erfüllt, nämlich mehr zu erfahren von der der Erde und anderen Lebewesen. Durch Soziale Netzwerke, Messaging-Apps und Youtube wird es uns sehr einfach gemacht viel von der Welt zu sehen und zu realisieren, dass es ja noch viel mehr gibt als mein direktes Umfeld, meine Stadt, mein Land.

In unserer heutigen Gesellschaft ist der interkulturelle Aspekt, den auch das Virtuelle Arbeiten fördert, von immer größerer Bedeutung. Meist wirken Menschen verschiedenster Länder, Kontinente und Kulturen zusammen. Es sind nicht nur die Kollegen aus dem eigenen Stamm in der Steinzeit oder dem eigenen Konzern in der heutigen Zeit. Es sind Menschen von überall auf der Welt. Dieser Umstand unterstützt nicht nur die Anerkennung fremder Leistungen, sondern trägt auch wesentlich zum interkulturellen Verständnis bei und fördert Toleranz und Akzeptanz.

Das Nutzen dieser Möglichkeiten, mehr über andere, fremde, teils zunächst merkwürdig anmutende Kulturen und Gesellschaften zu erfahren, kann das umsetzen, was politisch mit der UN oder EU bereits vor Jahrzehnten los getreten wurde: Weg vom egoistischen Nationalismus, hin zur internationalen Großgemeinschaft! Die Virtuellen Möglichkeiten, die dem Menschen des 21. Jahrhundert zur Verfügung stehen, kommen also längst nicht nur der Arbeitseffizienz zugute, sie fördern das Wir-Gefühl weltweit. Dem Sozialwesen Mensch wird ermöglicht wirklich Mensch zu sein.

“Virtuelle Verabsolutierung” sollte vermieden werden

Ökonomisch und menschlich wertvoll scheint das Prinzip der virtuellen Arbeit also zu sein, wie auch eine Studie der Universität Münster belegt. Die 54 Einzelstudien und Daten von 12.615 Personen aus 1.850 Teams umfassende Groß-Studie (2016) von Doktorandin Christina Breuer vom Graduiertenkolleg „Vertrauen und Kommunikation in einer digitalisierten Welt“, Prof. Dr. Guido Hertel von der Universität Münster und Prof. Dr. Joachim Hüffmeier von der TU Dortmund zeigt, dass die Ergebnisse virtueller Gruppen durch ein hohes Maß an Vertrauen deutlich an Qualität zunehmen und den fehlenden Face-to-Face-Kontakt ausgleichen. Unterstützend wirkt außerdem eine umfangreiche Dokumentation der ausgeführten Arbeit. Dadurch werden Zusammenhänge verdeutlicht und die individuelle Verlässlichkeit gestärkt.

Eine Studie von  Dr. Frank Döring und Laura Meser Executive Consultants bei Rochus Mummert in Frankfurt am Main (2013) setzt jedoch genau an diesem Punkt an und sieht den Vertrauensaspekt als ausschlaggebend, warum, wie es in ihrer Studie heißt, “zwei von drei virtuellen Teams scheitern”. Das Dreigestirn verweist auf eine weitere Studie (Meser, 2012) zur Vertrauensbildung. Der persönliche Kontakt wurde bei dieser Befragung fast doppelt so oft genannt, wie das wahrgenommene Commitment der Einzelakteure am Projekt.

Natürlich sind diese Studien bereits zwei beziehungsweise sieben Jahre alt. Trotzdem treffen sie auch den aktuellen Nerv, was die Beurteilung virtueller Arbeit angeht: Virtuelle Arbeit drängt sich aufgrund des voranschreitenden technischen Fortschritts und immer direkteren Kommunikationskanälen als neue Form der Projektbewältigung förmlich auf. Wichtig ist jedoch, diese Arbeitsweise nicht zu verabsolutieren. Gemeint ist damit, dass von Situation zu Situation oder besser gesagt von Projekt zu Projekt andere Voraussetzungen für den Arbeitsprozess gegeben sind. Die Arbeit in virtuellen Teams kann je nach Projekt auch hinderlich und nicht die adäquateste Lösung für ein gutes Ergebnis sein. Wichtig ist bei beim Cloudworking also, eine kritische Distanz zu diesem Phänomen zu wahren und rational abzuwägen, ob diese Methode wirklich förderlich für den Arbeitsprozess ist oder die klassische Konzernarbeit im unternehmerischen Umfeld bevorzugt werden sollte.

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Autor/in

Alexander Johann Eser Co-Founder & Managing Director kaufberater.io E-Mail: Nachricht schreiben Twitter Website: kaufberater.io Profil

Alexander Eser ist Mitgründer der digitalen Verbraucher-Magazin Kaufberater.io und Partner der SEO & Performance-Marketing Agentur Netpadrino. Neben digitalen Geschäftsmodellen und Statistik, interessiert sich er sich vor allem für Fitness, Snowboarden und Reisen.

Kommentare

  1. / von Thorsten Wilhelm

    Die zunehmende Verbreitung von virtuellen Teams und virtuellen Meetings ist im Kern eine gute Entwicklung – finde ich auch. Sie trägt zwar dazu bei, dass sich Austauschtermine meist professionelle-fachliche Gesichtspunkte beschränken,. Das führt aber auch dazu, dass (zwischen-)menschliche Aspekte und Bedürfnisse einer Zusammenarbeit nicht gefördert werden.
    Im Ergebnis gibt es somit aus der sinnvollen Entwicklung hin zu mehr virtuellen Teams und Meetings somit aber auch einen Bedarf an Austausch und Miteinander reden in einem realen Umfeld. Dazu bieten sich nicht zuletzt auch Coworking-Spaces an.
    Im Ergebnis, und das ist zu betonen, kommen wir an virtuellen Teams und Meetings nicht vorbei. Sie sind nötig. Sie tragen dazu bei, dass die richtigen Leute zusammenkommen können, unter geringsten gesellschaftlichen Kosten, sie helfen Diversität & Kreativität in Teams / Meetings zu bringen und sie sind schließlich auch eine Chance für das (sporadische oder dauerhafte) Arbeiten im Home-Office.

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