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Die Wirtschaft ist eher ein wirres, fraktales Lebewesen als eine Maschine

Volkswirtschaft basiert auf der Annahme, dass die Wirtschaft ein maschinenartiges System ist, welches sich im Gleichgewicht bewegt. Dementsprechend verhalten sich die Beteiligten – wie z.B. Firmen, Regierungsämter und Konsumenten – auf der Grundlage von rationalen Entscheidungen. Obwohl dieses System durchaus erschüttert werden kann, wird die Wirtschaft schlussendlich als Folge von diesen kurzfristigen Entscheidungen ihren Weg zum stabilen Gleichgewicht wieder finden.

Der Mensch hat das Bedürfnis gebraucht zu werden, kreativ und produktiv zu sein

Unglücklicherweise hindert uns ein solch naiver Ansatz daran, uns mit den tiefgreifenden Konsequenzen aus dem maschinellen Lernen, der Roboterwelt und der künstlichen Intelligenz auseinanderzusetzen. Die meisten Vorhersagen von Ökonomen zu diesem Themenfeld sind grob unrealistisch. Hier stehen auf der einen Seite die Liberalen, die sich Sorgen machen über die immer weiter klaffende Einkommensschere und die Ausgrenzung als Folge der Automatisierung von Arbeit sowie der Bündelung von schlecht bezahlten Jobs auf Plattformen wie Uber oder TaskRabbit. Sie bemängeln, dass ausschließlich hochintelligente, gebildete und kreative Erfolg haben können. Regierungen, die gerne solche Auswüchse abfedern, erwägen sogenanntes Helikoptergeld unter dem Deckmantel eines bedingungslosen Grundeinkommens. Allerdings berücksichtigen diese Strategien nicht das grundsätzliche Bedürfnis des Menschen gebraucht zu werden, kreativ und produktiv zu sein, und einen gewissen Status und Akzeptanz innerhalb seiner Gesellschaft zu erreichen. Jeder Versuch, die Staatsverbundenheit von Bürgern mittels einem aufgeblähtem, umbenannten Sozialsystem zu „kaufen“, birgt das Risiko, weitere Unzufriedenheit und Instabilität zu säen.

Unterdessen schwelgen eher linke Experten in Fantasien über einen maschinisierten Luxuskommunismus, in dem künstliche Intelligenz unter Anleitung einer sozialistischen Regierung Arbeit zur Ermessenssache macht. Jedoch gibt es im Rahmen dieses Scenarios keine plausible Erklärung, wie Innovation nachhaltig fortgeführt wird oder wie die äußerst kostenintensive Informationsinfrastruktur aufrecht erhalten werden kann, wenn die treibende Motivation hierfür altruistisch ist.

Beide politischen Lager folgen einer Version dieser eleganten Prämisse des ökonomischen Gleichgewichts, was sie auf den holprigen Weg des deterministischen und linearen Denkens führt. Aber warum sollte man die Wirtschaft nicht mit den Augen betrachten, mit denen man die wirre Komplexität eines natürlichen Systems betrachtet, wie z.B. das fraktale Wachstum von Lebewesen oder das wilde Herumtanzen von Atomen? Diese Bezugssysteme sind größer als die Summe ihrer Teile, sodass man das Verhalten des Ganzen nicht vorhersagen kann, indem man die Einzelteile Schritt für Schritt studiert. Die zugrunde liegenden Regeln mögen einfach sein, aber was sich entwickelt, hat seine Eigendynamik, ist chaotisch und irgendwie selbstorganisierend. Komplexitätsökonomie richtet sich nach diesen Systemen und erschafft Rechenmodelle von künstlichen Welten, in denen die Akteure eine eher symbiotische und wechselvolle Beziehung zu ihrer Umgebung entfalten. Aus diesem Blickwinkel betrachtet wird die Wirtschaft zu einem durchgängigen Bewegungsmuster, das aus zahlreichen Interaktionen hervor geht. Die Form dieses Musters beeinflusst das Verhalten der darin wirkenden Kräfte, die wiederum die Form des Musters beeinflussen, und so weiter.

Es gibt einen krassen Gegensatz zwischen der klassischen Vorstellung von Gleichgewicht und der komplexen Systemperspektive.

Die erstere setzt rational wirkende Kräfte mit nahezu perfekten Wissen voraus, während die letztere erkennt, dass Kräfte verschiedentlich beschränkt sind und dass deren Handlungsweise abhängig vom Ergebnis früherer Aktionen ist. Insbesondere erkennt Komplexitätsökonomie, dass sich das System selbst dauernd verändert und entwickelt – auch wenn neue Technologien die Spielregeln auf den Kopf stellen.

Seit der Erfindung des Fließbandes sind Konzerne vergleichbar mit mittelalterlichen Städten: Sie bauen um sich herum eine Mauer und machen dann Geschäfte mit anderen „Städten“ und Konsumenten. Betriebe bestehen aus der Notwendigkeit heraus, die Produktion vor volatilen Marktschwankungen zu schützen, und weil es im Allgemeinen effektiver ist die Kosten für marktreife Güter und Dienstleistungen zu konsolidieren, indem man beide unter einem Dach beherbergt. So sprach der britische Ökonom Ronald Coase in seiner Schrift „The Nature of the Firm“ (1937).

Die Theorie von Coase nähert sich dem Verfallsdatum

Aber heutzutage, in einer Ära von Uber-für-Alles, verwandeln sich Betriebe in Plattformen, die Kerngeschäftsprozesse eher ermöglichen als sie selbst durchzuführen. Der Kostenaufwand zum Erreichen einer Zielgruppe hat sich dank der flächendeckenden Verbreitung digitaler Netzwerke dramatisch reduziert, und Produktion wird mit Nachdruck außerhalb der Betriebsmauern ausgelagert in die Hände von Freiberuflern und  selbstständigen Auftragnehmern. Markt- und Preisschwankungen sind entschärft, da maschinelles Lernen und Prädiktive Analytik die Betriebe beim Umgang mit solchem Rabatz unterstützt, und On-Demand Dienste für Arbeit, Büroflächen und Infrastruktur ermöglichen reaktionsschnelles Handeln auf sich verändernde Bedingungen.

Die sogenannte Gig Economy ist nur der Beginn einer tiefgreifenden ökonomischen, sozialen und politischen Transformation. Vorerst werden diese neuen Arbeitsweisen weiterhin von altmodischen Geschäftsmodellen kontrolliert – Plattformen, die „Vertrauen“ im Wesentlichen über Reviews und Verifizierungen verkaufen, oder indem sie sich in althergebrachte finanzielle und legale Systeme einklinken.

AirBnB, eBay und Uber haben Erfolg, indem sie fremder Leute Arbeit und Vermögen zu Geld machen, weil sie Garantien für ein gutes Käufer/Verkäuferverhalten bieten, und dabei mit der alten Welt aus Banken, Gerichten und Regierungen verknüpft sind. Nichtdestotrotz wird sich dieses Hybridmodell des digitalen Handels bald ändern.

Blockchain Technologien sind vielversprechend darin, diese vertrauenswürdigen Dritten durch ein riesiges digitales Berichtsheft zu ersetzen, welches sich organisch über ein Netzwerk von Computern verbreitet, und das wächst und sich verändert, in das man sich aber nicht einmischen kann. Zwar ist richtig, dass hier umfangreiche regulatorische Herausforderungen warten, und noch ist unklar, ob und wie algorithmische und Computerinfrastruktur der Blockchain in einem vernünftigen Maß verwaltet werden kann. Nichtsdestotrotz dürften diese verteilten Systeme tatsächlich Arbeit auf eine für uns schwer vorstellbare Weise demokratisieren. Wahrscheinlich werden sie durch das Abschaffen von Mittelsmännern Transaktionskosten radikal reduzieren, und das Vermengen vieler verschiedener Akteure in der „new economy“ beschleunigen, die aus den Klauen von Führungskräften und Institutionen befreit wurden.

Infrastruktur wird geteilt und gewartet durch wirtschaftlichen Austausch über dieselben Netzwerke.

Hier bietet sich eine alternative Version von dem, was die Zukunft der Arbeit bringen mag, an. Stellt Euch z.B. ein Netzwerk von Individuen und Familien vor, die miteinander durch ein intelligentes elektrisches Netz verbunden sind, welches gerade so viel Energie produziert und ausgibt wie nötig, gespeist von Solar Panels auf dem Dach ihrer Häuser. Sie nutzen 3D Druck und Roboter, um das meiste von dem was sie brauchen herzustellen oder anzubauen, und sie tauschen ihr Wissen und ihre Expertise mit Netzwerken anderer Menschen, deren eigene Produktivität durch intelligente Maschinen und Datenanalysen erhöht wurde. Infrastruktur wird geteilt und gewartet durch wirtschaftlichen Austausch über dieselben Netzwerke. Blockchain Technologien könnten Verträge verifizieren, und könnten eine florierende Tauschwirtschaft ermöglichen. Durch Anpassung der Regeln des Ökonomischen Spiels könnte sich die gesamte Ökonomie transformieren – nicht auf die deterministische, business-as-usual Weise, die neoklassische Wirtschaftslehren vorhersagen, sondern auf die kreative, chaotische und dynamische Art von komplexen Systemen.

Diese verstreuten von unten nach oben Modelle einer ökonomischen Organisation würden letztendlich unsere derzeitigen politischen Institutionen herausfordern. Anstatt die Zukunft als eine Weiterentwicklung des universellen Wohlstandes zu sehen, könnten wir sie als eine Verjüngung der Politik betrachten, bei der die Macht von konzentrierten Wirtschaftsinteressen abrückt hin zu den bemächtigten Massen. In diesem Szenario ist es möglich, dass die Automatisierung von Arbeit den Niedergang großer Unternehmen und das Emporkommen digitaler, kleiner, verteilter Heimindustrie bedeutet. Mit der Zeit könnten diese kollaborativen Netzwerke sich zu virtuellen Stadtstaaten entwickeln und sogar physische Nationen als Einheiten der politischen Organisation und der Staatsverbundenheit von Bürgern verdrängen. Ganz im Gegensatz zu dem, was das Zeitgeschehen erahnen lässt, könnte unsere Planet eine leuchtende Zukunft vor sich haben: das Zuhause für ein selbstorganisierendes  Ökosystem aus demokratischen Gemeinschaften, die zusammen Glück, Wohlstand, Langlebigkeit und Kreativität fördern.

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Autor/in

George Zarkadakis
George Zarkadakis Digital Lead Willis Towers Watson´s Twitter Website: linkedin.com Profil

George Zarkadakis ist Autor und AI-Engineer. Er arbeitet seit mehr als 25 Jahren in den Bereichen Unternehmensberatung, Marketing und Kommunikation sowie zum Thema digitale Strategien und Innovationen. Er hat zum Thema „künstliche Intelligenz“ promoviert. George Zarkadakis ist Autor des Buches „In Our Own Image: will Artificial Intelligence Save Us or Destroy Us? “ (Rider Books). George bloggt in der Huffington Post zur künstlichen Intelligenz und die vierte industrielle Revolution.

Kommentare

  1. / von Stefan Bornemann

    Interessanter Artikel, der zum Nachdenken anregt.

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