Patient Führungskraft?

Ist es das neue, als „cooler“ empfundene Arbeiten, der Aufbruch, den wir deutlich in Organisationen wahrnehmen oder darf Querdenken das Zulassen und Aussprechen zögerlicher Gefühle sein, die den Mehrwert von „New Work“ leise in Frage stellen?

„Eigentlich bin ich genervt, wenn in modernen Arbeitsstrukturen jeder unabhängig von Kompetenz und vor allem unabhängig von Engagement mitreden kann und wir uns nur noch in Diskussionen ergehen.“ Mit einer solch ehrlichen Aussage macht man sich schnell unbeliebt und fordert Mutmaßungen wie „digital zurückgeblieben“ oder „nicht agil“ nahezu heraus. Nur allzu sehr spüren wir alle, dass wir doch bitte mithalten sollten mit der Digitalisierung und der Geschwindigkeit und den damit einhergehenden Veränderungen in der Arbeitswelt. Sind also derartige Gedanken wie oben noch gestattet?

Der Druck in den Organisationen ist infolge dieses „New Work“ groß und Buzz-Wörter rund um das Thema Führung im Zeitalter von New Work suggerieren, dass alles hip, cool, agil und kollaborativ – vor allem aber ganz anders werden muss. Es ist an der Zeit, dass Unternehmenskulturen sich verändern und weiterentwickeln, dass Führung mehr auf Augenhöhe gestaltet werden muss. Und keinesfalls darf Führung zu Ego-Zwecken missbraucht werden, wie in der Vergangenheit so häufig geschehen.

Jedoch, wie wäre es, wenn wir nicht alles gleich in schwarz oder weiß einordnen?

In „New Work“ oder „oldschool“, in richtig und falsch? Wer bitte definiert hier eigentlich eine Bewertung und warum tun wir uns so schwer, einerseits tolerant gegenüber Bedenkenträgern zu sein und andererseits offen anzusprechen, was uns wirklich beschäftigt? Wir alle reden davon, die Fehlerkultur verbessern zu müssen und authentisch zu sein. Doch wie ernst meinen wir es damit wirklich, wenn seitens einer vielleicht älteren, erfahrenen Kollegin leise Zweifel gegen eine neue Maßnahme ausgesprochen werden? Würden wir uns nicht alle einen Gefallen tun, auch bei solchen Gedanken kurz innezuhalten, sie zu reflektieren und zu würdigen? Das Querdenken des Querdenkers zuzulassen und den Umgang miteinander ein klein wenig menschlicher zu gestalten?

Führung im Spagat

Querdenken – Was bedeutet das in der Führung? Durch neue Instrumente und Software wird „Führung“ immer transparenter und kontrollierbarer. Das lässt Führung zum Teil auch vorsichtiger agieren und manches mal weniger querdenkerisch. Jedoch soll Führung Orientierung geben in Zeiten hoher Unsicherheit. Sich selbst und natürlich vor allem auch den Mitarbeitern. Dass dies ein Spagat ist, wird uns sehr deutlich in unserer Arbeit mit den vielen Führungskräften bewusst, die wir seit 2006 begleiten dürfen; sei es in Trainings, durch Workshops, oder während vieler Veranstaltungen, Interviews oder Befragungen.

Wir nehmen wahr, dass Führungskräfte sich in ihren Organisationen allein gelassen fühlen, wenn neue Tools und Maßnahmen gepusht, diese jedoch häufig nicht zu Ende gedacht werden, und die ganz konkrete Ideenentwicklung zur Umsetzung individuell den Führungskräften obliegt. Wenn sie in diesem Fall quer denken und vielmehr auch quer handeln werden sie nicht immer dafür geschätzt.

Querdenken heißt für uns ein Andersdenken zuzulassen, mit Tabus zu brechen und Gedanken mutig auszusprechen, auch wenn sie noch so schräg sind. „Neuland“ zu betreten und auch mal „vorweg“ zu denken. Also darf und sollte es möglich sein, auch Zweifel laut auszusprechen und eventuelle Mythen der schönen neuen Arbeitswelt zu entlarven.

 

Es gibt kein Patentrezept für Führung

In unseren Veranstaltungen und Workshops mit Führungskräften erleben wir sehr viele mutige und querdenkende Menschen, die sich öffnen und mit uns und ihren Workshop-Kollegen teilen, was sie als einschränkend erleben, unabhängig der Angst, sich unbeliebt zu machen.

Aus diesem Bewusstsein heraus und bestärkt durch den großen Vertrauensvorschuss seitens unserer Alumni haben wir das neue Format Camp Q – Die Leadership Konferenz für Querdenker“ entwickelt. Neben innovativen Inhalten und quer gedachten Veranstaltungselementen wollen wir auch dort Räume schaffen für‘s Querdenken und für den Austausch vieler ungewöhnlicher Meinungen, für Offenheit und Menschlichkeit. Wir freuen uns auf das Camp Q. Wir freuen uns auf Querdenker wie euch!

P.S. Jedoch: Ist Querdenken eigentlich Führungskräften vorbehalten? Was, wenn der mündige Arbeitnehmer ebenfalls beginnen würde, quer zu denken… Welche spannende Konstellation ergäbe sich dadurch für die Organisation?

Dieser Text erschien in ähnlicher Fassung zuvor bei www.Creating-Corporate-Cultures.org

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Autor/in

Anja Schlenk
Anja Schlenk Project Manager Kompetenzzentrum Führung und Unternehmenskultur Bertelsmann Stiftung E-Mail: Nachricht schreiben Twitter Website: creating-corporate-cultures.org Profil

Anja Schlenk ist Project Manager im Kompetenzzentrum Führung und Unternehmenskultur der Bertelsmann Stiftung. Sie verantwortet dort das neu entwickelte „Camp Q – Die Leadership Konferenz für Querdenker“, sowie die Executive Trainings und verschiedene Workshops von Creating Corporate Cultures.

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