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Einmal alles anders, bitte!

Die Aussage ausgerechnet auf eine Digitalmesse des digitalen Wandels anzuwenden, fühlt sich etwas eigenartig an. Bei der CEBIT ist genau das das Thema. Die Messe ist ein bisschen in die Jahre gekommen. Der Flair des Überflusses, der übervollen Hallen mit hunderttausenden Besuchern aus den Anfangsjahren dieses Jahrtausends wollte sich in den vergangenen Jahren nicht mehr so recht einstellen. Alle können sich noch gut daran erinnern und trauern diesen Zeiten ein wenig hinterher – Aussteller, Besucher und auch die Messemacher.

Es geht der CEBIT also genau so, wie es vielen Unternehmen derzeit ergeht oder so zu ergehen droht. Es musste etwas passieren, um diese Dynamik der Destruktion zu durchbrechen. Die CEBIT hat sich an dieser Stelle neu erfunden. Beziehungsweise, sie ist dabei das zu tun.

Wandelbegleiter im Wandel

Die neusten technologischen Entwicklungen konnte man schon immer auf der CEBIT bewundern. Daran hat es nie gemangelt. Doch die Welt drumherum hat sich gewandelt. Aus grauen Kisten mit wenigen Megabyte Speicherkapazität wurden vernetzte mobile Supercomputer mit denen man fotografieren und telefonieren kann. Mit der Rechenleistung beschleunigte sich der ganze Markt. Produktneuheiten kommen heute nicht mehr periodisch, sondern jederzeit. Niemand wartet mehr auf die eine große Messe, um seine neuesten Entwicklungen dem Markt zu zeigen. Das liegt auch an der Art und Weise wie wir kommunizieren – schneller und vernetzter. Die heißen News lesen wir inzwischen ganz selbstverständlich bevor wir aufstehen. Und die neueste Technologie zeigt sich nicht mehr im Gewand blinkender Serverschränke oder aufgemotzter Gaming-PCs, sondern sie wird spürbar in Diensten und Algorithmen, die man nur schwerlich in Halle 21 ausstellen kann.

Es ist also wie immer: Technologie, Globalisierung, Werte und Generationenwandel – das alles läuft wie selbstverständlich vor und Produkte, Dienstleistungen, Organisationen und Politik versuchen irgendwie hinterherzukommen. So ist das ja auch bei uns und dem Thema New Work. Es gilt mit Neugier, Optimismus und Offenheit auszufechten, welche kulturellen Innovationen es als Antwort auf den nicht immer nur „digitalen“ Wandel erfordert. Diese Mechanik funktioniert im großen wie im kleinen. Egal ob Weltpolitik oder Mittelstand in Meppen. Informationsströme verändern sich, es sind viel mehr Daten verfügbar und zugleich steigt der Wunsch nach Transparenz und gesellschaftlicher Ordnung. Genau so läuft es am Ende auch bei der CEBIT und der ausrichtenden Deutsche Messe AG in Hannover.

Tradition und Moderne

Und hier wird es insbesondere bei der CEBIT interessant, die lange Zeit Seismograph für technologische Veränderung war. Denn was genau macht eine Messe aus? Sie bringt Menschen, Unternehmen und deren Produkte an einem Ort zusammen, sie knüpft ein Netzwerk, zeigt Möglichkeiten auf gibt Orientierung. Die Messe war über Jahrhunderte der analoge Fixpunkt im wirtschaftlichen Ökosystem, der analoge Treffpunkt an einem Ort zu einer festen Zeit. Hat die Messe in einer Zeit, in der Kontakte global zu jeder Zeit von jedem Punkt der Erde aus geknüpft werden können, in der jeder seine Innovationen und Lösungen mit einem Mausklick einer globalen Öffentlichkeit präsentieren kann, noch eine Existenzberechtigung? Genau bei dieser Fragestellung treffen sich die Herausforderungen, ein Produkt wie die CEBIT in die Neuzeit zu befördern, mit den Herausforderungen des Mutterhauses.

Die Organisation der Messe hat sich als Ganzes aufgemacht, die neuen Möglichkeiten des digitalen Raums zu erforschen. Und Wandel fängt zuallererst bei den Mitarbeitern an. Die zentrale Frage lautet daher: „Wie können wir unseren Mitarbeitern die digitalen Transformation vermitteln und erfahrbar machen?“ Mit zahlreichen analogen Formaten werden digitale Themen greifbar. Die regelmäßigen „Digital Breakfasts“, ein Inspirations- und Lernformat mit Themen rund um den technologischen und kulturellen Wandel, sind innerhalb von kürzester Zeit ausgebucht. Infografiken zum digitalen Wandel erklären auf einfache Weise die Herausforderungen für den einzelnen. Zahlreiche selbstorganisierte Gruppen arbeiten an Vorschlägen für neue Organisationsformen. Und mit Working Out Loud, einem 12-Wochen-Programm in Kleingruppen zum Erlernen von vernetzter und transparenter Zusammenarbeit, wird die Grundlage dafür geschaffen, dass die Messe und ihre Produkte wie die CEBIT als analoge Vernetzungsplattformen nun die Reichweite in die digitale Welt erweitern.

Kein „entweder oder“, sondern ein „sowohl als auch“

Für die Messe und ihre Produkte ergibt sich eine großartige Chance. Denn während digitale Riesen wie Amazon derzeit den Aufbruch in die stationäre, analoge Welt wagen, ist die Messe schon immer dort: Ein fester Ort, an dem Menschen sich treffen – und danach in der digitalen Welt Verbindungen besser halten und ausbauen können denn je. Ein analoger Hub in der digitalen Welt. Leicht war und ist dieser Sprung sicher nicht. Denn Einstellungen, der „richtige Mindset“, lassen sich nicht einfach neu installieren, ein Kulturwandel nicht verordnen.

So sind es auch die kleinen Experimente, die mehr Mut zu und Lust auf Veränderung machen. Als das Digital Transformation Office mit einem neuen Format zu Virtual Reality starten wollte, wurden sie intern belächelt. Zu uninteressant schien Zielgruppe und Thema für den etablierten Betrieb. Also setzte es eine Gruppe enthusiastischer Veränderer einfach um, und zwar bis zum Ticketing vollständig selbstorganisiert. Die „Hackvention“ war ein voller Erfolg und zeigte eines: Es braucht Mut und Veränderungsbereitschaft, bei Führungskräften und Mitarbeitern.

Ein Mutanfall für einen Neuanfang

Dort, wo heute noch Silomentalität und Hierarchiedenken in Unternehmen herrscht, scheinen die Hürden oft unüberwindbar. Zu gerne hält man an altem und bewährtem fest. Mut zur Veränderung machen, neue Wege gehen, Experimente wagen und zulassen, Vernetzung intern und extern fördern, das sind Patentrezepte der Messegesellschaft. Was dabei herauskommen kann: Ein wagemutiger Neuanfang mit einem Vorzeigeprodukt wie der CEBIT

Aus der größten Computermesse der Welt wird auf diesem Weg Europas Business-Festival für Innovation und Digitalisierung. Aus dem Messetermin im März wird der 11.–15. Juni. Es dürfte eine der spannendsten Relaunchs eines etablierten Produkte seit Jahren werden.

Disclaimer: Roland Panter ist Mitglied des Kuratoriums der CEBIT, Alexander Kluge ist als Berater für die Deutsche Messe AG tätig.

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Roland Panter ist strategischer Berater und Interims Manager für Kommunikation und Unternehmensentwicklung.…

Alexander Kluge Geschäftsführer Kluge Consulting GmbH E-Mail: Nachricht schreiben Twitter Website: kluge-consulting.net Profil

Alexander Kluge studierte Betriebswirtschaft und Organisationspsychologie an der Freien Universität Berlin. Er…

Kommentare

  1. / von Jürgen Sapara

    Interessanter Beitrag, bin gespannt wie sich die CEBIT entwickelt

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