Blogbeitrag Mobiles Arbeiten: Arbeitende sind offen, Arbeitgeber zögern Ole Wintermann

Mobiles Arbeiten: Arbeitende sind offen, Arbeitgeber zögern

Die Zukunft der Arbeit ist nicht vorstellbar ohne eine Ausweitung des Anteils der Arbeitenden, die mobil und digital unterwegs sind. Mobiles Arbeiten ermöglicht das zeitlich und örtlich unabhängige und eigenverantwortliche Arbeiten, egal ob es sich um den mündigen Arbeitnehmer oder die unabhängige Plattformarbeiterin handelt.

Wir haben im Rahmen des D21 Digital Index  2018/2019 erneut den inhaltlichen Schwerpunkt „Digitales Arbeiten“ bearbeitet und neue aktualisierte Zahlen zum Stand des mobilen Arbeitens vorlegen können, die eines zeigen: Das Potenzial mobilen Arbeitens ist riesengroß, wird aber bisher durch Arbeitgeber nicht umfänglich in den Blick genommen.

Der Anteil der mobil Arbeitenden stagniert

Obgleich die technischen Möglichkeiten des mobilen Arbeitens (unabhängig davon, ob es sich um klassischen Telearbeit, Home Office oder örtlich komplett unabhängiges mobiles Arbeiten handelt) jedes Jahr weiter zunehmen, stagniert der Anteil der mobil Arbeitenden bei 16% aller Berufstätigen und in Ausbildung befindlichen Menschen. Videokonferenzen sind sogar gegenüber den Vorjahreszahlen deutlich zurückgegangen. Von denen, die nicht mobil arbeiten, gibt etwa die Hälfte an, dies aus beruflichen Gründen nicht zu können. Jeder vierte Befragte gibt an, dass das Unternehmen kein mobiles Arbeiten anbietet. Der Hauptgrund dafür, dass mobile Endgeräte zur Verfügung gestellt werden oder aber mobiles Arbeiten vom Arbeitgeber erlaubt wird, ist zwar in 39% der Fälle die Art der Tätigkeit; jedoch folgt gleich danach mit 30% der Fälle die Begründung, die sich durch die formale hierarchische Position im Unternehmen ergibt. In gerade mal 4% der Fälle ist die Betreuungssituation zuhause ein Grund für die Erteilung einer Erlaubnis zum mobilen Arbeiten. Gleichzeitig meinen 37% aller Berufstätigen (und sogar 71% der in Bürojobs tätigen Menschen), dass digitales Arbeiten die Chance bietet, Arbeits- und Privatleben besser miteinander in Einklang bringen zu können. 49% der Befragten (und nicht nur Derjenigen, die sagen, dass sie bereits mobil arbeiten) geben an, dass zeitlich und räumlich flexibles Arbeiten auch zur Steigerung ihrer Arbeitsqualität beiträgt. Diese großen Potenziale zur Produktivitätssteigerung werden aber vergeben, wenn in 34% der Unternehmen die Erlaubnis für diese Form des Arbeitens keinem System folgt oder nur jeder vierte Befragte in virtuellen Teams über mehrere Bereiche und Standorte hinweg tätig ist.

Das digitale Landleben ist ausbaufähig

Das digitale Arbeiten wie auch das digital transformierte Unternehmen bieten ja eigentlich gerade für ländliche Regionen, die entweder stark von touristischem Saisongeschäft abhängig sind oder aber durch starke Abwanderung oder Ballungseffekte geprägt sind, eine großartige Möglichkeit, Pendlerströme abzubauen, Mietpreissteigerungen abzuschwächen oder auch den Rückbau öffentlicher Infrastruktur zu verhindern. Nahezu jeder Bürojob ist zudem mobil ausführbar, wenn erst einmal die Hard- und Software sowie die digitale Kompetenz wie auch die kommunikativen Prozesse vorhanden sind. Von daher verwundert es etwas, wenn es einerseits beim grundsätzlichen Zugang zum Internet nahezu keine Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt, gleichzeitig aber der Anteil der mobil arbeitenden Menschen in der Stadt mit 20% fast doppelt so hoch ist wie deren Anteil auf dem Land. Die Analyse der Nutzer hat gezeigt, dass diese unterschiedliche Nutzung mit der Einordnung der Nutzer in Profis, Gelegenheitsnutzer und Offliner korreliert. Auf dem Land finden sich höhere Anteile der beiden letztgenannten Gruppen. Daher liegt auch der Anteil Derjenigen, die im digitalen Arbeiten die Chance sehen, beruflich flexibler zu sein, in der Stadt 10%-Punkte über dem der Bewohner ländlicher Regionen. Damit bestätigen die Zahlen die Erfahrung, dass die Nutzung digitaler Infrastruktur nicht nur eine Frage der Technik sondern auch eine Frage der Kultur des Umgangs damit ist.

Mobiles und digitales Arbeiten bietet Vorteile für alle Beteiligten (und die Umwelt)

Dass die Arbeitenden ja grundsätzlich offen für Veränderungen sind, die die Digitalisierung der Arbeit mit sich bringt, zeigen ergänzenden Zahlen. Ungefähr 40% der Befragten sehen in der Digitalisierung der Arbeit eine Chance für ihre eigene berufliche Entwicklung. Eine große Mehrheit von 2/3 der Befragten ist dabei der Meinung, dass die Digitalisierung rechtzeitig und stärker in Studium und beruflicher Ausbildung eingesetzt und vermittelt werden müsste. 49% aller Befragten sind grundsätzlich daran interessiert, ihre digitale Kompetenz auszubauen. Denn: 46% aller Berufstätigen glauben, dass sich ihre berufliche Tätigkeit infolge der Digitalisierung in den nächsten Jahren ändern wird. Bereits heute kann jeder dritte Bürger „Künstliche Intelligenz“ korrekt beschreiben.

Diese Ergebnisse zeigen uns, wie groß das digitale Entwicklungs- und Transformationspotenzial am Arbeitsplatz ist; es wird allerdings bisher nicht gezielt adressiert. So bringen sich die Arbeitenden digitale Kompetenzen überwiegend durch Ausprobieren bei (58%), wohingegen nur eine Minderheit von gerade einmal 11% systematische Schulungen durch den Arbeitgeber erhält. Bedenklich stimmen muss weiterhin, dass in der Gruppe der digitalen Profis Männer die Mehrheit stellen, während bei den Gelegenheitsnutzern und v.a. bei den Offliner klar die Frauen (bis zu 64%) dominierend sind. Hier besteht ebenfalls Ausbaupotenzial.

Es zeigt sich also: Arbeitgeber und (zu einem kleineren Teil auch) Berufstätige im ländlichen Raum sind gefordert, wenn es darum geht, digitales und mobiles Arbeiten noch mehr in den Arbeitsalltag zu integrieren. Arbeitgeber können hierfür bewusst die Möglichkeit des digitalen und mobilen Arbeitens in Betriebsvereinbarungen implementieren. Dabei ist es wichtig zu akzeptieren, dass die gewünschten Arbeitsweisen der Arbeitenden divers sind; Arbeitgeber müssen sich dieser Diversität ihrer Belegschaft bewusst sein. „Eine Lösung für Alle“ kann es nicht geben. Dennoch sollten sie natürlich Endgeräte und digitale Services im gleichen Maße für Frauen und Männer sowie unabhängig von der Hierarchieebene anbieten und dafür Sorge tragen, dass der Weg in den digitalen Arbeitsplatz durch praxisnahe Schulungen systematisch begleitet und erleichtert wird. Auf diese Weise könnten viele Themen gleichzeitig – Pendlerwahnsinn, Fahrverbote, Verdichtung der Arbeit, Vereinbarkeit von Privat- und Arbeitsleben – adressiert und im Sinne aller Beteiligten gelöst werden.

 

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Dr. Ole Wintermann hat an den Universitäten Kiel, Göteborg und Greifswald VWL…

Kommentare

  1. / von Imme Gerke

    Aus meiner Beobachtung im internationalen Kontext sehe ich, dass Arbeitgeber in Deutschland sich noch sehr am ‚Wie‘ beteiligen, statt sich auf das ‚Was‘ zu begrenzen. Wer seine Mitarbeiter im ‚Wie‘ begleiten will, kann diese nicht mobil arbeiten lassen. Wer sich aber auf die Erledigung der Aufgabe beschränkt, kann Mitarbeiter arbeiten lassen wo immer diese es wollen. Nach meiner Erfahrung ist der Ansatz des ‚Was‘ sehr viel effizienter, weil die Mitarbeiter bemüht sind für alles den besten Weg zu finden. Ich gebe meinen Mitarbeitern Aufgaben und frage bis wann sie diese erledigt haben werden. Wenn ich etwas schneller brauche, frage ich was sie brauchen, um dieses Ziel zu erreichen. Manchmal bedeutet es, dass ich meine Prioritäten ändere. Andere Male setze ich jemanden ein, der/die ihnen zuarbeitet.

    1. / von ole wintermann
      zu

      Hallo Imme, danke dir für deinen Kommentar. Ich sehe das in der Tat genauso wie du. Mit der Kontrolle des „Wie“ verbunden ist dann auch zugleich immer die Frage der Hierarchie, des Schäfers und der Schafe, die kontrolliert werden müssen. Vielleicht stammt diese sehr paternalistische Sicht aus unserer Vergangenheit des Rollenverständnisses des historischen Beamten? Die Ziel- statt Prozess-Orientierung findet sich nach meiner Erfahrung am ehesten im skandinavischen Bereich wieder. VG, ole

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