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Am Ende ist alles eine Frage des Mindset!

Irene Braam ist Executive Director der Bertelsmann Foundation in Washington. In ihrer vorherigen Berufstätigkeit war sie bereits in mehreren Ländern in Europa tätig und hat die internationale Arbeitswelt auf besondere Weise selbst erfahren können. Aufgrund des gemeinsamen Themas #ZukunftderArbeit steht unser Team in engem Austausch mit Irene und den anderen Kollegen in Washington. Im Zuge dessen habe ich mit ihr für unseren Booksprint über ihre Erfahrungen und Sichtweisen gesprochen.

 

Irene, in welchen Ländern hast Du bisher gelebt?

Irene: Meine Heimat sind die Niederlande. Darüber hinaus habe ich in Frankreich, Belgien, Großbritannien, teilweise auch Israel gelebt. Jetzt lebe und arbeite ich in den USA.

 

Wie hast Du die Vereinbarkeit von Arbeit und Beruf in Deiner Kindheit und Jugend erlebt, wie sind Deine Eltern damit umgegangen?

Irene: Meine Eltern waren Kleinunternehmer, wir haben über dem Geschäft gelebt. Daher war für uns immer die Arbeit Teil unseres Privatlebens. Es gab fast keinen Unterschied zwischen Arbeit und Privatleben. Ich habe das als sehr positiv erlebt. Meine Eltern waren auf diese Weise immer da, wenn wir Kinder aus der Schule nach Hause gekommen sind – und eben immer, wenn wir sie gebraucht haben.

 

Wie war es in den anderen Ländern, in denen Du gelebt hast?

Irene: Das kann ich im Grunde genommen nur wirklich aus meinen Zeiten in Frankreich und Belgien beurteilen: In Frankreich habe ich es als sehr schwierig empfunden, das Privatleben mit der Berufstätigkeit zu verbinden. Dort wurde mein Sohn geboren und gerade mit einem kleinen Kind war es nicht einfach zu organisieren – und auch zu finanzieren. Ich habe nach zwei Wochen bereits wieder angefangen zu arbeiten, ein schneller Wiedereinstieg war mir sehr wichtig – und zwar ganztags. Ich habe damals für ein israelisches Unternehmen gearbeitet. In dem ersten Jahr habe ich dann auch meinen Sohn mit auf Dienstreisen genommen. Die Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Kinderbetreuung waren dann auch der Grund, warum ich von Frankreich nach Belgien gezogen bin. In Belgien wiederum war die Betreuung insbesondere der Kleinkinder sehr gut organisiert – und auch bezahlbar. Bei meinen Freundinnen in den Niederlanden war es eher so, dass diese nach der Geburt der Kinder überwiegend in Teilzeit gearbeitet haben.

 

Du hast immer im internationalen Kontext gearbeitet. Sind Dir bei der Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben große Unterschiede innerhalb Europas und auch im Vergleich zu den USA aufgefallen?

Irene: In Europa selbst kann man schon von einem Nord-Süd-Gefälle in Bezug auf die Vereinbarkeit sprechen. Im Norden ist das deutlich besser organisiert. Hintergrund ist sicher auch, dass die Einordnung von Familie entweder, wie eher im Süden Europas, als Privatsache oder im Norden, insbesondere in Skandinavien, als Aufgabe der Gesellschaft gesehen wird. Das zeigt sich auch in den USA. In den Regionen des Landes, in denen die Religion eine größere Rolle spielt, herrscht eher eine konservativere Sichtweise: Man kümmert sich als Familie selbst um alles, also bleibt die Mutter zu Hause und sorgt für die Kinder. Wenn die Kinder dann größer werden, können die Mütter dann  vielleicht auch wieder arbeiten.

 

Hier in Deutschland besteht der Eindruck, dass eine Vereinbarkeit in den USA relativ schwierig möglich ist – allein schon deshalb, weil es keine vergleichbaren gesetzlichen Regelungen im Kontext zu familiären Betreuungs- aufgaben – wie z.B. Mutterschutz, Elternzeit, Pflegezeiten – gibt. Ist das richtig?

Irene: Das ist sicher richtig. Zum anderen ist es einfach auch oft so, dass beide Elternteile arbeiten müssen – zum Teil sogar in mehreren Jobs gleichzeitig, um die Existenz zu sichern. Es gibt in den USA keine sozialen Sicherungssysteme wie in Europa. In den Familien, die es sich finanziell erlauben können, bleibt die Mutter oftmals auch zu Hause oder arbeitet nur teilweise – bis die Kinder größer sind. Bis dahin sind sie sehr stark in das soziale Leben und vor allem in die Schule ihrer Kinder involviert, das sind die sogenannten „Soccer Moms“. Ich selbst habe aufgrund meiner Berufstätigkeit nicht so intensiv an diesen begleitenden Aktivitäten bei meinem Sohn teilgenommen. Ich glaube aber nicht, dass er darunter gelitten hat. Er ist ein glücklicher 17-jähriger Jugendlicher.

 

In Bezug auf die Frage der Vereinbarkeit wird es in Europa immer mehr als Aufgabe der Unternehmen gesehen, im eigenen Interesse die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben zu unterstützen. Zur Motivation, aber auch, damit die Mitarbeiter für ihre Arbeit die Köpfe frei haben. Wie wird das in den USA gesehen?

Irene: Das wird auch in den USA immer mehr so gesehen. Allerdings geht es dabei in erster Linie um den Wettbewerb um Fachkräfte. Es herrscht ein Mangel. Und in bestimmten Branchen werden immer häufiger Mutterschutz und mehr Flexibilität bei der Arbeit angeboten. Dies ist hauptsächlich in Tech-Betrieben als in traditionellen Unternehmen der Fall, um die jungen Talente zu bekommen. Ich nehme aber insgesamt auch langsam eine Änderung wahr: Insgesamt wird immer mehr Mutterschutz angeboten – was in den USA ja von den Unternehmen ausgehen muss. Und auch Väter haben zunehmend Gelegenheit, Elternzeit zu nehmen. In einigen Unternehmen kann man auch schon einige Tage von zu Hause aus arbeiten. Aber es ist ein eher langsamer Änderungsprozess.

 

Kann in diesem Kontext die Digitalisierung aus Deiner Sicht mehr Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben ermöglichen?

Irene: Ja, aber auch nur in einigen Industriesektoren – solange es eben aufgrund der konkreten Tätigkeit möglich ist: Also dann, wenn man quasi sein ganzes Büro mit nach Hause nehmen kann. Ein weiterer Vorteil: Die USA sind sehr groß; wenn ein großes Unternehmen Niederlassungen sowohl an der Ost- als auch der Westküste hat, ist es natürlich ein Vorteil, wenn Mitarbeiter von zu Hause arbeiten. So kann der Zeitunterschied überwunden werden, ohne dass man übermäßig lange in seinem Büro bleiben muss.

 

Vor einiger Zeit haben gerade im Silicon Valley ansässige Unternehmen sogar hier in Europa große Aufmerksamkeit erregt, indem sie für ihre Mitarbeiter beispielsweise Vereinbarkeitsmaßnahmen wie das Einfrieren von Eizellen angeboten haben. Wie ernsthaft ist diese Art von Maßnahmen Deiner Meinung nach?

Irene: Das ist meiner Meinung nach eher PR. Grundsätzlich ist es aber schon ein Trend, das Privatleben mehr zu berücksichtigen. Oftmals ist es so: Junge Leute sind mit 25 Jahren mit ihrem Studium fertig und starten dann mit vielleicht 100.000 bis 200.000 Dollar Schulden in ihr Berufsleben. Sie müssen von dem Gehalt leben und ihre Schulden zurückzahlen. In der Situation ist es einfach sehr schwierig, gleich eine Familie zu gründen. Man muss sich entscheiden – und je nachdem muss die Familie vielleicht fürs Erste warten, damit man die Schuldenlast erst einmal abbauen kann. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels ist es in der Situation natürlich ein Anreiz, sowohl die Berufstätigkeit – und damit auch den Schuldenabbau immer mehr – als auch die Familiengründung zu ermöglichen. Noch geht es der Wirtschaft zwar gut, aber es gibt bereits einen Mangel an Fachkräften und in einigen Bereichen wird er noch größer werden. Da werden diese Überlegungen eine immer größere Rolle spielen.

 

Erwartest Du vor diesem Hintergrund vonseiten der US-amerikanischen Regierung Maßnahmen zur Unterstützung einer besseren Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben?

Irene: Nein, das sehe ich nicht. Grundsätzlich herrscht hier die Auffassung: Die Unternehmen sollen – wenn überhaupt – die Verantwortung dafür übernehmen. Die Regierung soll sich so wenig wie möglich einmischen. Angenommen, es wäre ein Trend sichtbar, in dessen Rahmen die Unternehmen zwei Monate Mutterschutz anböten, würde der Gesetzgeber nicht denken, er müsse aktiv werden. Und selbst wenn, dann nicht in dem Maße, wie es in Europa der Fall wäre. Familienpflichten werden eher als Privatsache gesehen, um die sich jeder selbst kümmern muss.

 

In Deutschland nimmt das Thema Pflege immer mehr Raum ein. Die Babyboomer werden als bevölkerungsreichste Generation demnächst in das Alter kommen, in dem statistisch gesehen Pflege notwendig werden kann. Wie das bewerkstelligt werden kann, ist noch nicht absehbar. Eine Lösung ist die gesetzliche Pflegezeit. Wie geht man damit in den USA um?

Irene: Auch in den USA wird die Pflege ein Thema werden – derzeit wird aber noch nicht viel darüber geredet. Die Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen wird meistens dergestalt geregelt, indem man Pflegepersonal – zum Teil auch illegal – aus Südamerika kommen lässt. Es gibt keine Altersheime wie zum Beispiel in Europa, in denen ich zu Beginn meiner Karriere gearbeitet habe.

Wenn in Europa die Kinder die Pflege in einem Pflegeheim nicht bezahlen können, zahlt der Staat. Das gibt es in den USA nicht. Ein Unterschied ist, dass die Leute in den USA noch sehr lange sehr aktiv sind. Das finde ich sehr erstaunlich. Man findet mit 50 und 55 noch problemlos einen Job. Die Mentorenrolle wird sehr geschätzt und respektiert. Und viele möchten auch im höheren Alter noch aktiver sein. Es gibt viele Volontäre, die über 70 Jahre alt sind. Ich finde das sehr interessant. Die Frage, wie sorgen wir später für die älteren Leute, wird hier vielleicht auch deswegen ganz anders geführt werden, weil sie ganz anders in der Gesellschaft stehen als in Europa.

 

In diesem Booksprint geht es auch um andere Aspekte der Vereinbarkeit, zum Beispiel der Vereinbarkeit von Arbeit und sozialer Sicherung. Wird dies auch in den USA diskutiert?

Irene: Ja und nein. In den USA ist die Absicherung eine individuelle Verantwortung. Man weiß hier, dass der Staat nicht für einen sorgen wird, wenn man in Rente geht. Ich sehe das bei uns im Büro (der Bertelsmann Foundation in Washington; Anm. der Red.): Die jungen Leute kommen frisch vom College und haben bereits einen Pensionssparplan. Im gleichen Alter habe ich zu Beginn meiner Berufstätigkeit in Europa noch gar nicht daran gedacht. Ich bin von Folgendem ausgegangen: Wenn ich 65 bin, habe ich das ganze Arbeitsleben in ein soziales Sicherungssystem eingezahlt – ohne mich darum selbst kümmern zu müssen – und der Staat zahlt meine Rente. Wenn ich krank werde, habe ich eine Krankenkasse, von der die medizinische Versorgung übernommen wird. Auch das ist anders in den USA. Dies ist alles die eigene Verantwortung. Und dann ist es natürlich ein Unterschied, ob man im „Flyover Country“ lebt, wo es keine Supermärkte gibt und Du nicht gesund leben kannst, oder ob Du in Washington lebst.

Insofern gibt es die Diskussion schon, nur auf einem anderen Level. Wenn Du mich jetzt fragst, was ich meinem Sohn raten würde, wenn er wieder nach Europa ginge, würde ich ihm dazu raten, jetzt schon für das Alter vorzusorgen. Denn auch aufgrund des demographischen Wandels ist die soziale Sicherung auch in Europa nicht mehr so gesichert wie zu Beginn meiner Berufstätigkeit. Ich habe damals überhaupt nicht über so etwas nachgedacht.

 

Inwieweit spielen kulturelle Unterschiede dabei eine Rolle? Gerade wenn man das Verständnis von Arbeit betrachtet?

Irene: Insgesamt denke ich, dass die kulturellen Unterschiede sehr viel ausmachen, und das dürfen wir auch nicht unterschätzen. Ein Beispiel: Man geht ins Restaurant. Du bist noch nicht fertig mit dem Essen, dann wird Dir die Rechnung schon auf den Tisch gelegt. Das wäre etwas, was man als Europäer als sehr unhöflich und nervend ansehen würde. Man kommt dorthin, um zu genießen und sich zu erholen. Amerikaner würden es demgegenüber als sehr unhöflich empfinden, wenn Du mit dem Essen fertig bist und die Rechnung läge noch nicht da.

Im Ergebnis heißt das: In Europa arbeiten wir – aber es darf nur ein Teil des Lebens sein. Es wird dreimal im Jahr Urlaub gemacht, es gibt extra Skiferien und Weihnachten wird ausgiebig freigemacht. In den USA fahren die meisten gar nicht in den Urlaub. Du musst Deine Studiengebühren zurückzahlen, die Schule der Kinder finanzieren und willst mit 65 Jahren in Rente gehen, dabei aber in Deinem Haus bleiben und die Arztrechnungen auch noch bezahlen können. Das ist eine ganz andere Welt. Es kann keine Zeit mit der Diskussion vergeudet werden, ob der Arbeitgeber von mir verlangen darf, abends um 23 Uhr noch zu telefonieren und ob das irgendwelche Ruhezeiten einschränkt. Arbeit ist in den USA etwas Existenzielles, um das Überleben zu sichern. In Europa gibt es eine Grundsicherung, niemand wird je komplett ohne Einkommen dastehen. Das ist der große Unterschied.

 

Um das Thema Digitalisierung aufzunehmen: Gerade in Deutschland ist die Frage, wie die Digitalisierung voranschreitet, sehr davon abhängig, in welcher Region man sich befindet. Ist das in den USA auch so?

Irene: Ja, das ist auch in den USA so. In ländlichen Gegenden ist der Ausbau des Internet noch nicht erfolgt. Wenn Du nach Virginia fährst, das ist gerade mal zwei Stunden Autofahrt von Washington entfernt, hast Du sehr schlechtes Internet und kein mobiles Netz. Wenn man dann digital arbeiten will, geht es nicht, weil man – digital betrachtet – von der Welt abgeschnitten ist. Das wird auch nicht schnell behoben werden können, weil dies auch als Problem von Unternehmen angesehen wird. Warum soll ich in „the middle of nowhere“ als Unternehmen in 4G oder in 5G investieren, wenn ich dort nur fünf Kunden habe? Der Staat investiert nicht.

Und die USA sind nun einmal flächenmäßig sehr groß. Es ist nach wie vor für mich unglaublich: Ich bestelle in Washington etwas – das kann vom Hundefutter bis hin zum Fahrrad alles sein – und es ist morgen schon bei mir zu Hause. In Kentucky kann das aber durchaus viel länger, bis zu zwei Wochen, dauern, bis es da ist.

 

Du sprichst gerade die Onlinelieferdienste an. Welche Rolle spielen diese bzw. Plattformarbeit an sich in den USA?

Irene: Viele Leute nutzen das Internet, um selbstständig zu werden, wenn sie ihren Job verloren haben. Das war besonders in der Krisen-zeit zu beobachten. Dementsprechend gibt es viele Onlinehändler. Der Markt in den USA ist groß und nur zweisprachig, Englisch und Spanisch. Das sind sehr gute Voraussetzungen. Der Markt in Europa ist da sehr viel fragmentierter.

In den USA arbeitet man auch zunehmend mit Providern, die nicht vor Ort sind und die man auch nie persönlich trifft. Wir haben beispielsweise eine Microsite von einem Kanadier aus Montreal aufsetzen lassen. Wir haben alles über Videokonferenzen besprochen und geklärt, ein persönliches Treffen hat es nie gegeben. Das wird auch sicher immer weiter zunehmen.

 

So zu arbeiten – „remote“ – bedeutet aber auch, loslassen zu können und weg von der Kontrolle hin zu mehr Vertrauen. Es beinhaltet eine Ergebnisorientierung statt Präsenzkultur. Wie ist das in den USA?

Irene: Ja, ich denke, das kann man auch in den USA beobachten. Grundsätzlich sind schon die Büros noch die Arbeitswelt, in der wir arbeiten. Aber das mobile Arbeiten hat gerade in den Großstädten noch eine ganz andere Motivation: Die Büroflächen sind sehr teuer. Da kann es sich nicht jedes Unternehmen leisten, für alle Mitarbeiter einen festen Arbeitsplatz einzurichten.

Das ist aber nicht nur in den USA so. Es ist bestimmt schon 15 Jahre her, da habe ich bei der British Telecom in London einen Termin gehabt. Die waren gerade umgezogen. Dort war es aus der  Not heraus geboren, dass man auch von zu Hause aus arbeiten kann. Die Büros waren so teuer, so dass man sich entschieden, hatte, nicht für alle Mitarbeiter Büroplätze einzurichten. Das ist auch in Paris und natürlich insbesondere in New York und San Francisco der Fall. Statt für 150 Menschen wird dann nur Platz für 75 in den Unternehmen geschaffen.

In Bezug auf das mobile Arbeiten muss man jedoch feststellen: Alles funktioniert vielleicht nicht für jeden. Manche Menschen brauchen es vielleicht, ins Büro zu kommen, um stimuliert zu werden. Arbeitgeber müssen sich da meiner Ansicht nach flexibel aufstellen. Junge Leute wollen zum Beispiel auch nicht unbedingt mehr ein Auto haben und drei Stunden am Tag mit Pendeln verbringen. Gerade die jungen Menschen sehen das Leben doch ganz anders. Vielleicht muss man das über eine Periode von zehn Jahren beobachten. Die jungen Leute in den USA möchten vielleicht auch mehr Beruf und Privatleben miteinander vereinbaren und ebenso zweimal im Jahr Urlaub machen. Am Ende ist alles eine Frage des Mindsets.

 

Die Frage der Haltung und des Mindsets scheint das zentrale Element zu sein. Zum Schluss daher meine Frage: Was können wir in Europa von den USA lernen?

Irene: In den USA finde ich den Umgang mit Älteren besser. Sie sind viel länger und intensiver in das gesellschaftliche Geschehen einbezogen. Man respektiert ihre Erfahrungen und versucht, von ihnen zu lernen. Darüber hinaus muss man vielleicht auch feststellen, dass die Trennung von Sinnerfüllung und Arbeit manchmal auch sinnvoll sein kann: Wer brennt, brennt auch schneller aus. Ich denke auch, dass man in den USA einen anderen Umgang mit Fehlerkultur und Risiken in Bezug auf Arbeits- entscheidungen hat: Man hat nie eine Sicherheit, was den Job angeht. Auch wenn Du keine Fehler machst, kann es passieren, dass Du am nächsten Morgen plötzlich entlassen wirst und nur 15 Minuten Zeit hast, Deinen Schreibtisch aufzuräumen. Daher kann man dann auch mal Entscheidungen treffen, die riskanter sind, aber auch innovativer und kreativer.

Man ist sich der Unsicherheit bewusst und lebt damit. Der Umgang in Europa damit ist ein ganz anderer. Bei uns in Europa herrscht eine viel größere Angst vor Unsicherheit auch wenn man – vergleichsweise – sehr geschützt ist. In Frankreich und Belgien habe ich erlebt, wie schwer es ist, entlassen zu werden. Trotzdem traut man sich nicht, Fehler zu machen. Aber ich denke, es ist absolut wichtig, zu akzeptieren, dass Fehler gemacht werden. Dieser Umgang mit Fehlerkultur motiviert Menschen, sich innovativ aufzustellen und neugierig in ihrer Arbeit zu bleiben. Das mag ich in der Arbeit in den USA sehr gerne. Davon könnte man in Europa lernen. Das würde allerdings eine starke Änderung des Mindsets bedeuten.

 

Und was kann man in den USA von Europa lernen?

Irene: Viel! Die eben erwähnte Unsicherheit hat natürlich große Schattenseiten. Gerade Themen wie Elternzeit, gesetzliche Mindeststandards in Bezug auf Arbeitnehmerschutz, das Gesundheits-system, die soziale Sicherheit insgesamt. Der Umgang mit dem Lernen: Es wird konkret für den auszuübenden Job gelernt, auch das Thema lebenslanges Lernen wird viel intensiver angegangen. Man geht grundsätzlich von viel Lernpotenzial aus, das finde ich sehr positiv!

Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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Autor/in

Birgit Wintermann Projectmanagerin Unternehmen in der Gesellschaft E-Mail: Nachricht schreiben Facebook Twitter Website: bertelsmann-stiftung.de Profil

Birgit Wintermann ist Project Managerin in der Bertelsmann Stiftung im Programm Unternehmen…

Kommentare

  1. / von Martin Permantier

    Sehr spannender Beitrag. Danke

    1. / von bwintermann
      zu

      Danke für die Rückmeldung!

  2. / von Stefan Brandt-Pollmann

    Ich danke auch. Besonders gut hat mir die Blickweise auf die jeweiligen Veränderungsprozesse gefallen

    1. / von bwintermann
      zu

      Danke für das positive Feedback! In dem Gespräch fand ich diesen Aspekt auch besonders spannend. Man merkt auch, wie wichtig das Verständnis für die jeweils andere Kultur ist, um die einzelnen Schritte nachvollziehen zu können. Und um ggf. entsprechende Anpassungen bei sich selbst machen zu können.

  3. / von Imme Gerke

    Aus diesem Interview schliesse ich, dass Frau Braam eine Mosaikkulture (cross-culture) entwickelt hat. Die Entwicklung dieser Kompetenz muss kein Zufall sein noch bedarf sie eines Auslandsaufenthalts. Wenn Sie den Eindruck haben, dass diese Kompetenz(en) für Sie relevant sind, dann googlen Sie mal idrgculture.

    1. / von bwintermann
      zu

      Danke, das habe ich gemacht. Sehr spannender Ansatz. Ich denke, dass diese Kompetenzen auf jeden Fall in Zukunft unverzichtbar sein wird.

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