Fast unmerklich entwickelt sich im Internet ein neuer Arbeitsmarkt, der bald zu einer relevanten Größe werden könnte. Diese neue Form der Arbeit wird als Crowdwork oder bezahltes Crowdsourcing bezeichnet. Crowdwork bietet das hohe Maß an Flexibilität in der Gestaltung von Arbeitszeit und Arbeitsort, die auch für die Anpassungen an die Veränderungen in Zeiten der Corona-Pandemie gefordert sind. Für Crowdworkerinnen und Crowdworker und Unternehmen bedeutet sie aber auch Risiken.

Crowd was? Ausprägungen einer neuer Arbeitsform

Crowdwork bezeichnet eine neue Art von online vermittelter Arbeit, die durch die Entwicklungen der Arbeit 4.0 möglich wurde. Auftraggeber (meist Unternehmen) bieten über Crowdworking-Plattformen inhaltlich und zeitlich abgegrenzte Aufgaben an Personen im Internet an, die diese Aufgaben gegen Bezahlung bearbeiten (die Crowd oder Crowdworker). Die Crowdworkerinnen und Crowdworker bleiben gegenüber den Unternehmen anonym, das Arbeitsverhältnis ist auf die Bearbeitung der einzelnen Aufgaben begrenzt. Die Aufgaben können in ihrer Art von einfachsten Tätigkeiten, sogenannten Microtasks wie z.B. die Annotation von Bildern oder Recherchen, bis zu anspruchsvolleren Texterstellungs-, Design- oder Programmierungsaufgaben reichen. Ebenso kann die Bearbeitungsdauer der Aufgaben von wenigen Sekunden bis zu Tagen variieren. Die Entlohnung erfolgt entweder pro erfolgreich bearbeiteter Aufgabe (v.a. im Microtask-, Texterstellungs- und Programmierungsbereich) oder nach einem Wettbewerbsprinzip (v.a. in Bereichen mit kreativer Wertschöpfung wie Werbung). Die Plattformen binden ihre Crowdworkerinnen und Crowdworker, indem bei guter Leistung und längerfristiger Treue höherwertigere Aufgaben mit höherer Entlohnung angeboten werden. Das Verständnis des Begriffs Crowdwork ist jedoch nicht einheitlich, insbesondere dazu welche Art von Aufgaben durch Plattformen vermittelt werden und ob diese online oder offline bearbeitet werden.

Chancen und Risiken von Crowdwork

Crowdwork bietet den Crowdworkerinnen und Crowdworkern sowie Unternehmen viele Chancen: Als online organisierte Arbeitsform, die auf der Vermittlung einzelner Aufgaben beruht, bietet es maximale Flexibilität. Crowdworkerinnen und Crowdworker können selbst entscheiden, wann, wie viel und wo sie arbeiten und welche Aufgabe sie auswählen. Somit bietet Crowdwork ein sehr hohes Maß an Selbstorganisation bei der Gestaltung von Zuverdiensten, aber auch für Selbstständige oder für die Vereinbarung mit Betreuungsaufgaben in der Familie. Unternehmen geben nur dann Aufträge heraus, wenn Bedarf nach zusätzlichen Personalressourcen oder bestimmten Kompetenzen besteht.

Das hohe Maß an Flexibilität stellt für die Crowdworkerinnen und Crowdworker sowie Unternehmen aber auch ein hohes Risiko dar: Crowdworkerinnen und Crowdworker genießen nicht die gleiche arbeitsrechtliche und soziale Absicherung wie regulär Beschäftigte. Zudem sind die Vergütungen insbesondere im Microtask-Bereich gering. Es stehen zudem nicht immer genügend Aufgaben zur Verfügung, um ein regelmäßiges Einkommen zu generieren. Unternehmen wiederum können nicht verlässlich auf die geeignetsten Crowdworker für die Erledigung der jeweiligen Aufgabe zugreifen.

Relevanz von Crowdwork für den Arbeitsmarkt

Wie groß der Crowdworking-Markt in Deutschland ist, damit beschäftigten sich verschiedene Forschergruppen. Hochrechnungen ergeben Werte von bis zu 4% der Bevölkerung ab 15 Jahre in Deutschland, die Crowdwork betreiben. Bis zu 9,2% können sich dies vorstellen (Serfling, 2019). In Deutschland gibt es Crowdworking-Plattformen für die unterschiedlichsten Aufgabentypen, auf denen Unternehmen Aufgaben insbesondere an deutsche Crowdworkerinnen und Crowdworker stellen können.

Dabei ist Crowdwork ein globales Phänomen: Unternehmen können Aufgaben nicht nur an eine heimische Gruppe Crowdworkerinnen und Crowdworker richten, sondern weltweit Aufträge platzieren.

So kann z.B. ein Unternehmen aus Deutschland Aufträge an Crowdworkerinnen und Crowdworker in Indien vergeben. Dieses Vorgehen erlaubt den Zugang zu vielfältigem Know-How von Arbeitskräften, eine unmittelbare Bearbeitung von eingestellten Aufgaben und neue Jobchancen in vielen Ländern.

Crowdwork in Deutschland

– Ergebnisse der interdisziplinären Befragung von Crowdworkerinnen und Crowdworkern durch den Forschungsschwerpunkt Digitale Zukunft der Universitäten Bielefeld und Paderborn

Die Ergebnisse zeigen, dass Crowdwork zu gleichen Teilen von Frauen und Männer ausgeführt werden, die zumeist gut ausgebildet und mehrheitlich zwischen 25 und 45 Jahre alt sind. Zwischen den einzelnen Plattformen gibt es jedoch deutliche Unterschiede. Die Crowdworkerinnen und Crowdworker geben an, dass sie dieser Art der Tätigkeit vor allem nachgehen, um etwas dazuzuverdienen und sich die Zeit zu vertreiben. Für sie stellt Crowdwork eine Nebenbeschäftigung neben einer regulären Anstellung oder Selbstständigkeit dar. Es gibt aber auch Personen, für die die Beschäftigung als Crowdworkerin oder Crowdworker den Hauptverdienst darstellt.

Eine ausführliche Darstellung der gemeinsamen Befragung ist hier verfügbar.

Gestaltungsoptionen von Crowdwork aus dem Forschungsschwerpunkt Digitale Zukunft

Viele Fragen zur Gestaltung von Crowdwork in Deutschland sind noch offen, die in verschiedenen aktuellen, interdisziplinären Projekten des Forschungsschwerpunkts Digitale Zukunft adressiert werden.
Hier geht es zur Übersicht.

  • Die hohe Flexibilität von Crowdworkerinnen und Crowdworkern in der Wahl von Arbeitsort und Arbeitszeit scheint dazu zu führen, dass sie Arbeit und Privatleben erfolgreich vereinbaren können. Allerdings sind mit der Tätigkeit auch Belastungen wie lange Arbeitszeiten, Zeitdruck und Schwierigkeiten im Finden geeigneter Aufgaben verbunden, die den Vereinbarkeitschancen entgegenwirken.
  • Crowdwork scheint die Gleichstellung von Mann und Frau zu fördern, da keine Unterschiede in der Aufnahme und Bezahlung von Aufgaben zwischen den Geschlechtern zu finden sind.
  • Crowdworkerinnen und Crowdworker berichten von Unzufriedenheit insbesondere im Zusammenhang mit ungenügender Kommunikation mit dem Auftraggeber oder der Plattform (z.B. Nichtbeantwortung von Anfragen, als unfair empfundene Ablehnung von Arbeitsergebnissen), schlecht bezahlten Aufgaben, technischen Problemen sowie der Unterschätzung des notwendigen Zeitaufwands für die Aufgabenbearbeitung auf Seiten der Auftraggeber. Diese Ergebnisse können zur Verbesserung der Gestaltung von Crowdwork-Aufgaben und Plattform-Umgebungen herangezogen werden.
  • Als Risiko stellt sich die Gesundheit der Crowdworkerinnen und Crowdworker dar. Crowdworkerinnen und Crowdworker weisen ersten Ergebnissen zufolge schlechtere Gesundheitswerte auf als eine regulär beschäftigte Vergleichsgruppe. Weitere Forschung ist notwendig um zu bestimmen, ob tendenziell eher Personen mit Gesundheitseinschränkungen Crowdwork betreiben, weil sie auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Beschäftigung finden, oder Crowdwork an sich gesundheitsbeeinträchtigende Wirkungen ausübt.
  • Ein Review über die bereits veröffentlichte Forschung zu Crowdwork zeigt Wirkmechanismen und Forschungsbedarf auf, die wiederum für die Gestaltung von Crowdwork herangezogen werden können.

Trends von Crowdwork

Crowdwork hat das Potenzial, eine noch größere Rolle auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu spielen. Nicht zuletzt die durch die Corona-Pandemie verursachten Veränderungen haben gezeigt, wie wichtig es ist, flexibel auf Marktgegebenheiten zu reagieren und mobil arbeiten zu können.

Crowdwork kann nicht nur von einer anonymen Crowd im Internet betrieben werden, sondern auch als internes Crowdworking im Unternehmen.

Dabei stellt das Unternehmen eine unternehmensinterne Plattform zur Verfügung, auf der Abteilungen z.B. Projekte, Zusatzarbeiten oder Unterstützungsbedarfe anmelden können. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich dann zu diesen Aufgaben melden und ihre Kompetenzen einbringen. Unternehmen bietet dies die Möglichkeit, auftragsschwächere Zeiten sinnvoll zu nutzen oder bisher verborgenes Innovationspotential zu heben. Zudem können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die Teilnahme an Projekten den eigenen Job um neue Aufgaben anreichern oder sich auf höherqualifizierte Stellen im Unternehmen bewerben. Vor einem reibungslosen Funktionieren derartiger Plattformen gilt es allerdings, noch einige Herausforderungen zu klären: welche betrieblichen Rahmenbedingungen gilt es zu bedenken (z.B. hinsichtlich der vereinbarten Zeit zur Arbeit auf der Plattform)? Wie nehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Plattformen wahr (z.B. Anreize, Hemmnisse)?

Bisher ist Crowdwork noch ein Testfeld dafür, welche Aufgaben Unternehmen an die anonyme Crowd im Internet oder die eigene Belegschaft auf einer internen Plattform vergeben können und wollen. Daher werden bisher eher Aufgaben vermittelt, bei denen keine Gefahr für den Verlust von Unternehmensinterna besteht. Denkbar ist, dass ähnlich zum Outsourcing auch administrative oder Datenanalyse-Aufgaben an die Crowd vergeben werden. Dadurch würde Crowdwork wiederum aufgewertet und einen gesteigerten Marktwert erhalten.

Weiterhin stellt sich die Frage, inwiefern der Crowdwork-Markt eine staatliche Regulierung erfordert. Dies betrifft insbesondere die Vergütung  von Aufgaben, die Regulierung von Arbeitszeiten sowie die Sozialversicherung von Crowdworkern. Als anonyme Gruppe im Internet sind Crowdworkerinnen und Crowdworker vielfach in einer schwächeren Verhandlungsposition als die Auftraggeber und Plattformen, was potenziell ausgenutzt werden kann.

Für die Crowdworkerinnen und Crowdworker bietet die diese Arbeitsform, neben dem finanziellen Aspekt und der flexiblen Arbeitsgestaltung auch den Anreiz einer Weiterqualifizierung. Insbesondere die Bearbeitung von anspruchsvolleren Aufgaben wie Texterstellung, Design und Programmierung bietet die Möglichkeit, in verschiedensten Projekten Fertigkeiten zu testen und weiterzuentwickeln. Würde diese Art der Weiterqualifizierung auf dem regulären Arbeitsmarkt anerkannt, gewännen sowohl die Crowdworkerinnen und Crowdworker als auch die Arbeitsform Crowdwork.

Weiterführende Literatur zum Thema Crowdwork:

Im Forschungsschwerpunkt Digitale Zukunft, das vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert wird, arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Informatik, Betriebswirtschaft, Soziologie, Psychologie und Ingenieurswesen zusammen, um verschiedene interdisziplinäre Forschungsfragen im Zusammenhang mit der Gestaltung von Crowdwork in Deutschland zu beantworten.

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