Hinweis der Redaktion: Die Debatte über die Notwendigkeit des Home Office in Corona-Zeiten hat angesichts der tragischen Entwicklung der Fallzahlen in den letzten Wochen wieder an Fahrt aufgenommen. So hat beispielsweise die ZEIT in einem kollektiv im Netz erstellten Beitrag 200 Unternehmen aufgelistet, die in Deutschland in unterschiedlichem Maße den Beschäftigten Home Office ermöglichen. Die Liste wie auch die Unternehmen sind aus unserer Sicht ein tolles Beispiel, wie man die Krise nutzen kann, um alte Paradigmen zu hinterfragen. Bedenklich muss stimmen, wenn man sich einmal ältere Texte vornimmt, die zu diesem Thema Jubiläen feiern und die ebenfalls auf die Vorteile des Home Office hingewiesen haben.

Wir haben den Eindruck, dass diese wiederholten Neuerfindungen des Rades gerade in der digitalen Themensphäre an der Tagesordnung sind. Daher haben wir uns entschlossen, hier auf dem Blog eine neue Rubrik #Schulterblickzukunft einzufügen, die auf ebensolche älteren Beiträge Bezug nimmt und damit letztlich auch die Vordenker:innen der Vergangenheit besser würdigt. 

Kleiner Tipp: Ersetzt doch mal beim Lesen gedanklich TeleArbeit durch HomeOffice. Denn wie so oft, haben sich nur die (Mode-)Begriffe, nicht aber die Probleme im Lauf der Zeit geändert.

Den Anfang machen wir heute mit einem Beitrag von Ulrich Klotz:
(Office Management 9/1996, S.12-13)


Jeder Mensch sollte selbst bestimmt dort arbeiten können, wo es am sinnvollsten und bequemsten für ihn ist

Noch 1983 forderten Gewerkschaften ein gesetzliches Verbot von Telearbeit, die als „elektronische Einsiedelei“ kritisiert wurde. Mittlerweile kehren sich die Rollen um, mehr und mehr Beschäftigte erkennen, dass ortsunabhängige Arbeitsformen durchaus Chancen bieten, um persönliche, soziale, berufliche und ökologische Anforderungen besser in Einklang zu bringen. Demgegenüber sind hemmende Faktoren heute vor allem Widerstände im Management, wo man oftmals den Verzicht auf Anwesenheitspflichten als Statusverlust empfindet. Vorgesetzte, die Anwesenheit mit Produktivität verwechseln und der in vielen Firmen noch immer vorherrschende hierarchisch-autoritäre Führungsstil, gepaart mit einer verbreiteten Misstrauenskultur tragen maßgeblich dazu bei, dass moderne (Tele-)Arbeitsformen bei uns noch ein Schattendasein führen.

Die lebhafte öffentliche Debatte täuscht, vor allem in großen Unternehmen ist die tatsächliche Zahl von Telearbeitern nur verschwindend gering. Dies wird wohl auch noch einige Jahre so bleiben, denn ein Kulturwandel in den Unternehmen braucht viel Zeit wenn nicht gar eine neue Managergeneration. Insofern sehe ich in der Telearbeit auch eine Chance zur Abkehr von der Führung nach Gutsherrenart. Telearbeit stellt das Führungsverhalten radikal auf die Probe, sie erzwingt ziel- und ergebnisorientiertes, offenes und vertrauensvolles „Management by Objectives“.

Ein weiteres Hemmnis sind unsere durch den Taylorismus geprägten Wertesysteme und Karrieremuster. Solange viele Menschen es als Fortschritt begreifen und anstreben, über möglichst viele Untergebene gebieten zu können und bei ihnen der Wunsch nach Selbstverwirklichung erst an zweiter Stelle rangiert, solange werden viele lieber an ihrem Arbeitsplatz im Betrieb verbleiben, da sie andernfalls eine Minderung ihrer Karrierechancen befürchten.

Telearbeiter können nun einmal nicht so intensiv Selbstmarketing betreiben, etwa durch die ständige Pflege informeller Beziehungs-geflechte, die aber bei Karrieren herkömmlichen Stils die Schlüsselrolle spielen. Als hemmender Faktor müssen auch unsere Telekom-Tarife genannt werden.

Um es einmal andersherum zu sagen: Es wäre ein wirksames Beschäftigungsprogramm, wenn man jedem Bürger einen kostenlosen Internet-Zugang geben und den Zeittakt im Ortsnetz wieder abschaffen würde. Dann würden zahllose neue Dienstleister aus dem Boden sprießen und den Arbeitsmarkt entlasten. Weil Infrastruktur so bedeutsam ist, muss man es einmal beim Namen nennen: Die Tarifpolitik unserer Telekom ist ein Jobkiller. Trotzdem wird Telearbeit natürlich vor allem durch steigenden Kostendruck befördert sowie durch die sich ausbreitende Erkenntnis, dass Büroraum eine extrem schlecht genutzte Investition darstellt und natürlich nicht zuletzt durch verschärfte Umweltrestriktionen, wie etwa „Clean-Air-Acts“.

Telearbeit ist auch eine Chance zur Abkehr von der Führung nach Gutsherrenart.

Ich gehe davon aus, dass sich ortsunabhängige Arbeitsformen zunächst bevorzugt in kleinen und jungen Firmen ausbreiten werden, zumal diese oftmals auch moderne Informationstechnik besser beherrschen als große Konzerne, wo man häufig noch mit einer EDV von gestern herumlaboriert und deshalb Experimente fürchtet. Vor allem aber wird Telearbeit im Kontext mit zunehmendem Outsourcing einzelner Funktionen auf (Schein-)Selbständige beziehungsweise sogenannte Selbstangestellte einen Boom erleben, denn hier sind Kostenvorteile ungleich einfacher zu erkennen. Das heißt, statt Telearbeiter haben wir dann die zu Hause oder unterwegs arbeitenden Freelancer. Ob Telearbeit auf Dauer als abhängige Beschäftigung traditionellen Zuschnitts organisiert werden kann, erscheint mir zweifelhaft. Ich glaube übrigens auch, dass früher oder später der Begriff „Telearbeit“ wieder verschwinden wird, weil eine Form des Arbeitens ohne festen Ort, Zeit und Arbeitsplatz langfristig zur üblichen Normalarbeit werden wird.

Es ist unverkennbar, dass die Zahl der ortsgebundenen Arbeitsplätze im herstellenden Bereich dramatisch schrumpft und immer mehr Menschen als Dienstleister nur noch mit dem Arbeitsgegenstand Information zu tun haben werden, der künftig überall und jederzeit verfügbar ist. Ist es dann noch sinnvoll, täglich ein, zwei oder mehr Stunden zu einem Arbeitsplatz zu pilgern und dort eine Arbeit zu erledigen, die auch am Wohnort getan werden kann?

Ein System mit festem Arbeitsplatz und -zeit ist ja im Grunde ein Relikt aus der Dampfmaschinenzeit

Telearbeit wird die Arbeitswelt ähnlich tiefgreifend verändern wie es das Fließband tat, nur auf entgegen gesetzte Weise. Besonders attraktiv werden vermutlich Mischformen alternierender Telearbeit sein, zum Beispiel in wohnungsnahen Satelliten- oder Nachbarschaftsbüros. Diese Form bietet vielfältige Vorteile, da hier auch direkte Kontaktmöglichkeiten bestehen, die nun einmal auch durch noch so komfortable Technik nicht zu ersetzen sind. Besonderes Augenmerk verdient die sich abzeichnende Herausbildung von Telearbeitern erster und zweiter Klasse – also mit und ohne geregelte Arbeitsverhältnisse.

Ohnehin zeichnet sich eine wachsende Polarisierung der Gesellschaft ab, eine geteilte Arbeitswelt von Privilegierten und Nicht-Privilegierten: hier dynamische, qualifizierte Menschen, die von den neuen Freiheiten beträchtlich profitieren und dort diejenigen, die mit dem wachsenden Tempo nicht (mehr) mithalten können. Wenn das sogenannte Normalarbeitsverhältnis schleichend erodiert, wenn immer mehr Menschen im Grenzbereich zwischen Abhängigkeit und Selbständigkeit arbeiten, ist ein Umbau unseres sozialen Sicherungssystems unumgänglich. Ebenso ist unser Arbeitsrecht der Digitalisierung des Arbeitslebens nicht gewachsen,

Das Arbeitsrecht hat Grenzen, der virtuelle Betrieb nicht

…denn es knüpft am traditionellen Betrieb als der Kernzelle des Arbeitslebens an. Das Arbeitsrecht hat Grenzen, der virtuelle Betrieb nicht. Für Haftungs-, Datenschutz- oder Urheberrecht gilt ähnliches.

Handlungsbedarf besteht also auf verschiedenen Ebenen der Politik und gerade auch Gewerkschaften sind durch neue Arbeitsformen massiv herausgefordert. Beispielsweise gilt es, sicherzustellen, dass Telearbeit stets freiwillig ist, mit jederzeitiger Rückkehrmöglichkeit an den Arbeitsplatz. Auch besteht hinsichtlich Arbeitsplatzgestaltung und vor allem Software-Ergonomie offenkundig noch immer großer Aufklärungsbedarf.

Das wichtigste aber wird es sein, die Telearbeiter vor sich selbst zu schützen, denn „nie mehr ins Büro“ darf nicht heißen: „nie mehr Feierabend“.

Die Gefahr eines frühzeitigen Burnouts durch Selbstausbeutung wird von den Betroffenen leider oft erst dann gesehen, wenn es schon zu spät ist.
Mit zunehmender Individualisierung der Gesellschaft müssen auch Gewerkschaften verstärkt individuelle Dienstleistungen anbieten.Moderne Informationstechnik eröffnet hervorragende Möglichkeiten, Online-Services aller Art anzubieten und Netzwerke zwischen Beschäftigten zu organisieren, um so neue Formen von Kollektivität zu verwirklichen. Wenn aus Betrieben Netzwerke werden, gibt es vielleicht eines Tages neben Betriebsräten auch so etwas wie „Netzräte“.

Das wäre besonders wichtig für den brisanten Problemkomplex „Grenzüberschreitende Telearbeit“, denn hier droht eine kaum zu überschätzende Gefahr eines internationalen Sozialdumpings ohne Ende. Gewerkschaften können neues Image und Profil gewinnen, wenn sie die Vorreiterrolle übernehmen und zeitgemäßen Arbeitsformen zum Durchbruch verhelfen – zum Beispiel, indem sie auch bei sich selbst neue Arbeitsformen erproben, um zukünftige Herausforderungen aus eigener Erfahrung besser beurteilen zu können.

Der Wandel tut dringend not, denn im Global Village sind Massenarbeitslosigkeit und verschärfter Sozialabbau weniger eine Folge des Strukturwandels als vielmehr eine Konsequenz unterlassenen Strukturwandels.

Erschienen in: (Office Management 9/1996, S.12-13, Original hier: http://bit.ly/OM_TA_96)

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