Das Jahr ist noch frisch und kaum jemand ist in einen längeren Urlaub verschwunden. Eine gute Gelegenheit mit vielen beruflichen Kontakten in den lockeren Austausch zu gehen, um zu erfahren was in den kommenden 12 Monaten ansteht. Rund 60 Verantwortliche für Nachhaltigkeit in Unternehmen und Expert:innen der Nachhaltigkeit aus Wissenschaft und Beratung haben mir auf die Frage:  

Welche inhaltlich-beruflichen Themen werden 2021 besonders wichtig für Nachhaltigkeitsverantwortliche?  

geantwortet. 

Herausgekommen ist eine in Tiefe und Vielfalt beeindruckende Themenübersicht.

Das verwundert nicht, denn Nachhaltigkeitsmanager:innen in Unternehmen bilden die Schnittstelle zwischen Belangen der Gesellschaft gegenüber Unternehmen und Leistungen der Unternehmen gegenüber gesellschaftlichen Belangen. Entsprechend, wird hier eine Auswahl der genannten Nachhaltigkeitsthemen 2021 von zwei Seiten eingeordnet. Was ist für den Menschen in der Rolle als Nachhaltigkeitsverantwortliche:r wichtig und welchen Einfluss hat die nachhaltige Unternehmensaktivität möglicherweise auf die Gesellschaft. Eine Ordnung nach Prioritäten macht keinen Sinn, dafür sind die einzelnen Themen zu eng miteinander verbunden und bedingen sich zu oft gegenseitig.  

„Follow the Money“ wird 2021 zu Taxonomie für Sustainable Finance

Nachhaltiges Finanzwesen – das ist die Verankerung von ökologischen und sozialen Belangen im Kernbereich der Finanzwirtschaft, sprich: ESG– KriterienZiel der Taxonomie ist es die Datenlücken zwischen Unternehmen und Investoren in 6 zentralen Umweltbereichen zu schließen. 

Die aller wichtigsten Fragen zu:  

  • Wer ist berichtspflichtig? 
  • Was muss überhaupt berichtet werden? 
  • Wann ist ein Bericht abzugeben? 

fasst dieser Beitrag zusammen. Mit dem neuen Jahr startet auch die Nachhaltigkeits-Reportingsaison, also ist es jetzt an der Zeit die nötigen KPIs zusammenzutragen. Hier gibt es noch zahlreiche offene Fragen, die die Verfügbarkeit von Daten und Methodik der Auswertung betreffenHerausforderungen für Investoren und aus Unternehmensperspektive veranschaulicht dieser Bericht.  

Ein Überblick, zu dem was derzeit insgesamt in der regulativen  Pipeline ist: Infografik Sustainable Finance | econsense. 

 

 

Ab (voraussichtlich) Anfang 2022 müssen Menschen, die ihr Geld bei einer Bank anlegen in der Beratung auch nach ihren Nachhaltigkeits-präferenzen gefragt werden. Die Vorbereitungen dazu laufen jetzt 

Aus Perspektive der Gesellschaft ist von den Regeln der EU Taxonomie für Unternehmen in erster Linien mehr Transparenz über unternehmerische Umweltleistungen und Schädigungen zu erwarten. Daraus können sich Steuerungsmöglichkeiten ergeben, die dazu beitragen die Klima- und Umweltschutzziele der EU zu erreichen. Mit den Bestrebungen zu Sustainable Finance soll auch mehr privates Geld in Richtung Nachhaltigkeit gelenkt werden, um alle Teile der Gesellschaft in die Finanzierung des Klima- und Umweltschutzes einzubinden.  

Kreislaufwirtschaft ausbauen und CO²-Ausstoß senken

Weit vor der Berichterstellung kommt die eigentliche Arbeit an den Themen und angestrebten Verbesserungen. Über alle Sektoren hinweg stehen hier der Ausbau der Kreislaufwirtschaft und die Minderung des CO²-Ausstoßes im Zentrum der Nachhaltigkeitsaktivitäten. Auch, wie Kreislaufwirtschaft zu einer Minderung des CO² Ausstoßes beiträgt ist für viele Unternehmen (noch) nicht ausreichend abbildbar. 

Kurz ein Beispiel zu den Aufgaben für die Kreislaufwirtschaft 2021 in der Textilindustrie  

Die Europäische Kommission will ihre Strategie für einen nachhaltigen Textilsektor im dritten Quartal 2021 vorlegen. Noch bis zum 2. Februar 2021 können Unternehmen und Verbände, aber auch einzelne Bürger Rückmeldungen zum Fahrplan geben. 

Die European Circular Economy Stakeholder Plattform bietet einen umfassenden Überblick mit den Eckdaten der Second-Hand-Branche. Bisher dreht sich die Diskussion um Recycling weniger um Wiederverwertung. 

UnternehmensGrün und HUMANA Kleidersammlung GmbH zeigen mit ihrer eigenen Plattform „Second Hand Counts“ auf welche Potentiale in der Wiederverwertung von Kleidung steckt.  

Mit Zircle bietet jetzt auch Europas größter Händler von Kleidung im Netz einen eigenen Marktplatz für den Wiederverkauf von Kleidung, eines sonst sehr schnelllebigen und linearen Guts „Fast Fashion“.  

Aus Nachhaltigkeitssicht positive daran: Hier erweitert ein Unternehmen, dass bisher eher mit der Förderung von Überkonsum Schlagzeilen gemacht hat sein Geschäftsmodell um eine Komponente, die diesen abmildert. Kleidung, die länger genutzt wird und dafür nicht weiterverarbeitet werden muss schont natürliche Ressourcen. Fraglich ist ob negative Effekte von Plattformarbeit z.B. niedrige Entlohnung für die Wiederverkäufer weiter verstärkt werden.  

Der CO²-Fußabdruck von Produkten und Dienstleistungen muss tiefer erfasst, reduziert aber auch kompensiert werden. Sicherlich kann sich die ein oder andere Nachhaltigkeitsmanager*in derzeit über die Effekte der Covid-19 Pandemie für den CO²-Fußabdruck des Unternehmens freuen. Das ist auf Dauer betrachtet nur ein kurzer Effekt. Kluge Köpfe stellen jetzt schon die Weichen dafür, dass diese CO²-Delle in der Statistik zu der neuen Bottom-line wird. Ursachenforschung ist hier wichtig. Reiseintensive Unternehmen können z.B. über die Anpassung der Dienstreiserichtlinie nachdenken, Stichwort: Videokonferenz statt Präsenz. Nicht genutzte Bürogebäude müssen auch nicht beheizt werden – wie sieht das in Zukunft aus, falls der Betrieb regulär mehr #Homeoffice anbietet? 

Wenn die Produktion 2020 eingebrochen ist, könnte das der Zeitpunkt sein die Optimierung der Ressourcenströme und Warenwirtschaft anzustoßen. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt, an Zurufen zum großen Thema CO² und Klimaschutz (Wasser, Biodiversitäten u.s.w. sind nicht weniger wichtig) neben den Berichtsanforderungen wird jedoch deutlich, dass das Krisenjahr 2020 ein Reallabor geschaffen hat, größere Schritte zur CO²-Reduktion zu gehen. Insbesondere Science Based Targets sollten in diesem Zusammenhang 2021 in den Standard Kanon der Nachhaltigkeitsverantwortlichen übergehen. 

 2021 das Jahr für (Mitarbeiter)-Mitverantwortung 

Ich habe meinen Job am besten gemacht, wenn ich mich selber abgeschafft habe, weil alle Kolleg:innen im Rahmen ihrer Aufgaben und Verantwortlichkeiten maximal nachhaltig handeln.

Anonymus Head of CSR Chemieindustrie.  

Zentrale Fragen, die sich viele Nachhaltigkeitsverantwortliche (auch 2021 wieder) stellen: 

  • Wie ist es möglich ein „innerbetriebliches Nachhaltigkeits-Movement in Gang zu setzen?“ Insbesondere unter der Bedingung wechselnder Zuständigkeiten und Zuschnitte der Nachhaltigkeitsabteilungen im Unternehmen, kann es schwierig sein hierfür auf Dauer gestellte Strukturen zu schaffen. 
  • Welche Anreize/Argumente und Strukturen sind besonders effektiv, um bisher nicht/nur passiv Interessierte zu motivieren, selbst einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten? 
  • Wodurch wird die nachhaltigkeitsbezogene Vergütung für Führungskräfte zum Standard? 
  • Welche Rolle spielen innerbetriebliche Interessensvertretung und Aufsichtsräte bei der Nachhaltigkeitstransformation von Unternehmen?  

Viele reden vom Stakeholder Value, den Shareholder Value für gesellschafts-politische Aktivitäten einbinden ist sicher ein wichtiger Schritt. Der wiederum den Bogen zur nachhaltigen Finanzwirtschaft schließt.  

New to the Club!: Corporate Digital / Political Responsibility

Letztes Jahr wurde in Unternehmen Turbodigitalisiert.  

2021 gerade 6 Tage alt, stürmt ein wütender Mob das Capitol, nicht zuletzt angestachelt von dem abgewählten Präsidenten der USA. In der Folge sperren Twitter und Facebook die Konten des Präsidenten. Endlich – sagen fast alle. Twitter und Facebook übernehmen dadurch Verantwortung für ihr Kerngeschäft. Viel zu spät – sagen die Wissenden. Unternehmen müssen ihre Verantwortung für die Geschäftstätigkeit im Digitalen erkennen, erfassen und Regeln für ihr agieren im Digitalen festlegen. Dabei ist noch vieles im Fluss. 

Die Beraterszene drängt auf die Erarbeitung neuer Konzepte zur Corporate Digital Responsibility. Andere Ansätze sehen eine eher inkrementelle Vorgehensweise entlang bestehender zunehmend verbindlicherer Nachhaltigkeitskriterien für Unternehmen vor, Stichwort: digitalESG. Erste gute Erfahrungen machen Unternehmen derzeit mit der Einrichtung von Digital Ethik / Advisory Boards (Cornelia Diethelm, Seite 105). Warum diese oft eher wie „Trophy Boards“ besetzt werden, statt sie mit bestehenden Stakeholder Advisory Boards zu verschmelzen ist eine spannende Frage, die 2021 aufgegriffen gehört. Aus inhaltlicher Perspektive (Digitale Transformation einsetzen, um Nachhaltigkeit zu erreichen) und unter Effizienzgesichtspunkten macht das Sinn. 

In politisch polarisierten Zeiten, in denen Demokratien stärker unter Druck geraten wird es für Unternehmen wichtiger sich für die Stabilität Gesellschaft (nicht zuletzt im wohlgemeinten Eigeninteresse) einzusetzen. Unsere Befragung zeigt90% der Beschäftigten in Unternehmen wünschen sich, dass Unternehmen ihre Stimme gegen Rechtsradikalismus und Diskriminierung in der Gesellschaft erheben. Und Steigerungspotential ist noch da:Chefs schweigen zu gesellschafts-politischen Fragen.

Zu guter Letzt: 

Der fast ewige Cliffhanger, die menschenrechtliche Sorgfaltspflicht entlang der Lieferkette will 2021 aus dem Labyrinth der Gremien abgeholt werden, in ein Gesetz gegossen und zur Anwendung gebracht werden. Unternehmen und Ökonomen bitten um Regulierung. Die Unterstützer zur Umsetzung stehen bereit. Wäre doch schön, wenn sich die Gesellschaft in der wir leben sicher sein könnte, dass die Standards, die hier gelten (z.B. keine Kinderarbeit und existenzsichernde Löhne) 2021 auch in anderen Ländern eingehalten werden und uns ein gewisses Maß an Überprüfbarkeit angeboten wird. 

Dies ist eine Auswahl an Top Themen für 2021, wer ganz andere Themen auf dem Schreibtisch hat, ergänzen oder widersprechen möchte ist eingeladen sich zu melden!

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