Das Vodafone-Institut hat vor kurzem eine international vergleichende Studie herausgegeben, die sich mit dem Potenzial der Einsparung von CO2-Emissionen durch Home Office ergibt. Kernfrage der Studie ist, wie sich die Wahl des Arbeitsortes auf den individuellen CO2-Footprint auswirkt. Die Studie wurde bisher kaum in den Medien rezipiert und verdient sehr viel stärkere Aufmerksamkeit, da sie zeigt, wie mit Digitalisierung die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit – also die doppelte Transformation – gelingen kann.

Home Office: Blaupause für die doppelte Transformation

Die Studie basiert auf einer statistischen Analyse der Corona-bedingten Arbeitssituation in 6 Ländern: UK, Deutschland, Spanien, Schweden, Italien, Tschechien. Sie geht von 4 Szenarien aus; Prä-Corona, während-Corona, Post-Corona und Post-Corona Plus und kombiniert dies mit unterschiedlichen Jahreszeiten und Verkehrsmitteln. Die Zahlen zeigen, wie wichtig es ist, dass wir uns alle dem Wandel stellen und darin die Chancen und weniger die Risiken sehen.

Ausgewählte Ergebnisse der Studie

Die Frage nach der Netto-Wirkung auf die CO2-Emissionen kann nur beantwortet werden, wenn die Energieeffizienz der Orte des Home Office mit denen der Büro-Gebäude abgeglichen und diese – genauso wie die Veränderung des Verkehrsmix für das Pendeln – in einen saisonalen Kontext gesehen werden. Die Studie stellt die Werte in verschiedenen Szenarien-Kombinationen dar. Es lassen sich jedoch auch Gesamtaussagen treffen:

  • Vor der Pandemie lag die Zahl der Arbeitstage von typischen „Tele-Workern“ im Home Office zwischen 1,6 (Italien) und 2,7 (Tschechien).
  • Während der Pandemie stieg diese Zahl auf bis zu 4,2 (UK).
  • Für das Jahr 2022 wird eine durchschnittliche Zahl von Arbeitstagen pro Woche im Home Office von 1,9 (Italien) bis 3,0 (Tschechien) erwartet.
  • Es zeigt sich, dass das Einsparpotenzial von CO2 durch Home Office in Deutschland am größten ist. Es entspricht 80 Millionen One-Way-Flügen zwischen London und Berlin.
  • Pro Person ist das Einsparpotenzial in Italien am größten: Jeder beschäftigte könnte das CO2-Äquivalent von 7 solcher Flüge einsparen.

Spannender Weise ist die Einsparung aber hauptsächlich nicht durch das Pendeln beeinflusst sondern durch die wegfallende Nutzung der Bürogebäude. Auch bei Berücksichtigung der häuslichen Energiemehrbedarfe ergibt sich in den allermeisten Fällen eine Einsparung von CO2-Emissionen durch häusliches Arbeiten. 

Der durchschnittlichen deutsche Tele-Worker hat während des Lockdowns – hochgerechnet auf das Jahr – 1.144 kg CO2-Emissionen (netto!) eingespart.

Langfristig geht die Studie von einer Einsparung von 700 kg CO2 pro Jahr pro Person aus. Der Umfang der Einsparungen ist in Italien größer und in Schweden kleiner, da dies vom Energie-Standard der Büroflächen abhängig ist. Die Bürogebäude in Schweden sind besonders gut gegen Energieverluste abgesichert.

Die geringsten individuellen Gesamtemissionen ergeben sich für den deutschen Teleworker, der im Sommer mit dem Zug zur Arbeit pendelt – wenn er im Büro anwesend sein muss. Der Verzicht auf das Auto erbringt die größte Einsparung in allen Verkehrsszenarien.

Der Gesamtumfang der Einsparung von CO2-Emissionen durch Home Office in Deutschland macht allein 40% der Gesamtreduzierung der CO2-Emissionen in der Summe aller 6 untersuchten Länder aus.

Politische Implikationen der Ergebnisse

Es hat sich gezeigt, dass veränderte Arbeitsweisen eben nicht nur die Beschäftigten und die Arbeitgeber tangieren; auch Städteplaner müssen ihre Planungen hinsichtlich Verkehrs- und digitaler Infrastruktur anpassen.

Für die Politik empfehlen die Studienschreibenden:

  • die digitale Infrastruktur auf dem Land deutlich auszubauen,
  • die Versorgung mit regenerativen und dezentralen Energiequellen mehr in den Blick zu nehmen,
  • die Städte mehr an den Lebensqualitätsmerkmalen auszurichten und städtische Infrastruktur als auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Lebensstil zu verstehen,
  • die Verkehrsinfrastruktur konsequent nach eMobilität und enger an den veränderten Bedürfnissen der Pendler ausgerichtet zu gestalten und
  • Fördermittel für die Sanierung von Gebäuden bereitzustellen.

Methodische Rahmenbedingungen der Analyse

Die methodischen Grundlagen sind umfangreich im zweiten Teil der Studie dargestellt und können an dieser Stelle nicht adäquat wiedergegeben werden.

Die folgenden Parameter wurden in der Analyse berücksichtigt: Tele-Working-Tage pro Woche, Pendeldistanz, Verkehrsmix, CO2-Emissionen nach Transportmittel, Wohnfläche, häuslicher Energieaufwand nach Energiequelle, netzspezifische CO2-Emissionen, Bürofläche, bürobezogener Energieaufwand nach Energiequelle, Büronutzungszeit

Kritische Anmerkungen

Was etwas verwundert ist die Tatsache, dass die Studienverfassenden explizit nur Home Office, nicht aber dritte Ortes des Arbeitens (keine Dienstreisen) in den Blick genommen haben. Die Pandemie hat gezeigt, dass gerade dritte Orte für Familien in schwierigen Wohnumfeldern eine Alternative sein könnten.

Der begriffliche Mix ist gerade auch im internationalen Kontext nach wie vor verwirrend und sollte hinterfragt werden. Der „Tele-Worker“ im englischsprachigen Kontext entspricht nicht dem deutschen Verständnis von „Tele-Arbeiter“, der ganz andere rechtliche Vorgaben mit sich bringt. In dieser Studie wird Tele-Worker zugleich explizit mit „Home Office“ gleichgesetzt. In den USA wird meist von „Remote Work“ gesprochen, die dritte Orte und damit auch Home Office einbezieht. Der deutsche Begriff „Mobile Arbeit“ beinhaltet hingegen teils auch „Dienstreisen“, die aber ja mit der Gesamtdebatte eigentlich gar nicht gemeint sind. Es wäre wichtig, wenn man dem Thema in der politischen Debatte mehr Raum geben möchte (sollte!), dass international eine einheitliche Begrifflichkeit angestrebt wird.

Hier geht es zur lesenswerten Studie.

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