Arbeiten 4.0 – Kein Thema für die Sozialwirtschaft? (Teil 2 von 2)

Hier geht es zum ersten Teil des Beitrags.

  1. Der Fachkräftemangel ist gar keiner

Das klingt jetzt seltsam. So deuten doch alle Zeichen darauf hin, dass die Sozialwirtschaft von dem drohenden oder bereits existierenden Fachkräftemangel hart getroffen wird. Alleine die Flüchtlingsfrage führt dazu, dass Sozialarbeiter als die derzeit gefragtesten Akademiker gehandelt werden, so berichtete die Süddeutsche Zeitung vor ein paar Tagen. Und dann soll der Fachkräftemangel kein Problem sein? Doch, der Fachkräftemangel ist das in meinen Augen aktuell und in den nächsten Jahren größte Problem der Sozialwirtschaft überhaupt. Aber wie reagieren die Organisationen der Sozialwirtschaft darauf? Hier wird es ziemlich düster.

So erhärtet sich mein Eindruck, dass die Organisationen versuchen, dem Fachkräftemangel mit einer deutlichen Qualitätsreduktion zu begegnen. Da werden Menschen eingestellt, die die fachlichen Voraussetzungen nicht erfüllen. Da werden die gesetzlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, Menschen unterschiedlichster Couleur einzustellen. Der für die Organisationen kurzfristig erfreuliche Nebeneffekt ist, dass die Ausgaben aufgrund geringerer Personalkosten sinken. Problematisch wird es dann, wenn von Seiten der Politik festgestellt wird, dass die Arbeit trotz gesunkener Kosten erledigt wird. Flüchtlinge werden betreut, Kinder in Kitas genauso. Und unsägliche Aussagen zur nicht vorhandenen Notwendigkeit von Bildung in Pflegeberufen setzen dem Ganzen die Krone auf. Hier fehlt es vor allem an einer klaren Darlegung der Notwendigkeit und der Wirksamkeit professioneller Sozialer Arbeit.

Natürlich machen sich hier viele Wissenschaftler an Hochschulen wirklich fundierte Gedanken dazu. Aber eine nach außen auch für Fachfremde verständliche Darlegung, warum Soziale Arbeit wichtig ist, warum Soziale Arbeit auch Geld kostet, findet sich wenig. Für Arbeit 4.0 oder besser: für eine neue, sinnstiftende Art der Zusammenarbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft bedeutet dies, dass die Organisationen ihren Betrieb aufrechterhalten können, ohne sich tiefgreifende Gedanken um die Art der Zusammenarbeit machen zu müssen. Alles bleibt, wie es ist! Funktioniert ja auch so!  

  1. Eigentlich ist Soziale Arbeit schon Arbeit 4.0

Damit kommen wir zum Kern:

Was ist eigentlich Arbeit 4.0? Und was kann Arbeit 4.0 in Organisationen der Sozialwirtschaft bedeuten?

In den meisten Veröffentlichungen, Beiträgen, in der wissenschaftlichen Literatur etc. wird vornehmlich auf die fortschreitende Digitalisierung als Treiber einer neuen Arbeitswelt, als Treiber neuer Formen der Zusammenarbeit etc. verwiesen. Das ist mehr als richtig, betrifft die Soziale Arbeit jedoch nur am Rande. Soziale Arbeit ist zwar auch von zunehmenden Digitalisierungstendenzen betroffen, den Kern Sozialer Arbeit, die Arbeit mit Menschen, trifft die Digitalisierung jedoch nicht. Dies ist sicher auch ein Grund, warum die Sozialwirtschaft in den Diskussionen um Arbeit 4.0 wenig vorkommt.  

Themen wie die Globalisierung, die Individualisierung, der Wertewandel, die Feminisierung, die Flexibilisierung und vor allem der demographische Wandel haben jedoch in ihrer Summe massive Auswirkungen auf die Zukunft der Sozialwirtschaft. Beispielhaft herausgegriffen der Fokus auf die demographischen Veränderungen:  

Kurz zusammengefasst stehen Organisationen der Sozialwirtschaft vor der Herausforderung, einem steigenden Bedarf nach sozialen Dienstleistungen (bspw. in der Kinderbetreuung) bei gleichzeitig abnehmendem Fachkräfteangebot adäquat gerecht werden zu können. Wichtig ist, hier noch einmal die unter 4. dargelegten Ausführungen aufzugreifen. Zwar wird versucht, dem Mangel an Fachkräften durch weniger qualifiziertes Personal zu begegnen. Der Mangel an fachlich gut ausgebildeten Fachkräften lässt sich dadurch jedoch nicht vollständig decken. Das zeigt sich vor allem in Arbeitsfeldern, die bestimmte Ausbildungen voraussetzen. deutlich wird dies in der Diskussion um den Erziehermangel oder in dem schon beschriebenen Mangel an Sozialpädagogen/-arbeitern, hervorgerufen vornehmlich durch die Flüchtlingsfrage.

Die Entwicklungen sind besonders brisant, wenn die regional sehr unterschiedlichen Auswirkungen des demografischen Wandels in Betracht gezogen werden. So zeigt der Mangel an fachlich gut qualifizierten Professionellen insbesondere in ländlichen Regionen schon jetzt enorme Auswirkungen bei in diesen Regionen gleichzeitig schneller steigendem Bedarf nach sozialen Dienstleistungen. Hinzu kommen Attraktivitätseinbußen der Sozialberufe, die mit den Schlagworten von schlechten organisationalen Rahmenbedingungen, geringem Einkommen und Perspektivlosigkeit hinsichtlich der Aufstiegschancen zusammengefasst werden können. Als Folgen des Fachkräftemangels lassen sich ein Rückgang von Investitionen, eine Arbeitsverdichtung und -automatisierung sowie negative Auswirkungen auf die Innovations- und Wachstumspotenziale herausarbeiten. Ein Teufelskreis, der – siehe 4. – durch die Rekrutierung von fachfremdem Personal mehr schlecht als recht versucht wird auszugleichen.  

Ziel muss es also sein, Arbeit in Organisationen der Sozialwirtschaft attraktiver zu gestalten.   

Laloux definiert in seinem Buch “Reinventing Organizations für radikal anders funktionierende Organisationen vornehmlich drei wesentliche Prinzipien:  

  1. Selbstorganisation,
  2. Sinn und
  3. Ganzheitlichkeit  

Zu 1): Selbstorganisation bedeutet, dass alle Mitglieder der Organisation alle Entscheidungen selbst treffen können, sofern sie sich 1. den Rat der von der Entscheidung Betroffenen und 2. den Rat der Experten in der jeweiligen Angelegenheit eingeholt haben. Ein wesentlicher Aspekt ist hier die Transparenz und der Zugang zu Informationen, auf deren Basis Entscheidungen getroffen werden können.

Zu 2): Sinn bedeutet, dass die Organisationen, in denen die genannten Prinzipien funktionieren, einem klaren Sinn, einen Unternehmenszweck folgen, der für alle Mitglieder der Organisation verständlich, einleuchtend und sinngebend ist. Mit klaren, auf den Sinn ausgerichteten, freien Entscheidungen aller Mitarbeiter wären bspw. Zielvereinbarungen hinfällig.

Zu 3): Ganzheitlichkeit bedeutet, dass „der ganze Mensch“ mit all seinen Emotionen, Zweifeln, Gedanken etc. die Organisation mitgestaltet. Eine Kultur der Offenheit und Akzeptanz entsteht.

Davon ausgehend, dass  

  • Organisationen der Sozialwirtschaft ein normativ-ethisches Anspruchsgruppenkonzept, oder einfacher: einen Zweck verfolgen, der sinnstiftend ist („Helfen“ oder wie auch immer) und
  • dass Professionelle in der Sozialen Arbeit über ein Menschenbild der „Ganzheitlichkeit“ aufgrund ihrer Profession verfügen (sollten) und
  • die Professionellen darüber hinaus in der täglichen Arbeit immer wieder eigenverantwortlich, selbstgesteuert, idealerweise vor dem Hintergrund einer professionellen Haltung, mit entsprechendem Wissen und Kompetenzen agieren und reagieren müssen,

ist anzunehmen, dass Organisationen der Sozialwirtschaft „eigentlich“ das bei Laloux formulierte Ideal einer neuen Arbeitswelt verkörpern.

Jedoch leider nur eigentlich!

Wie dargelegt sieht die Realität in den Organisationen oft anders aus. Organisationale Fragen, die sich mit der Weiterentwicklung der Art der Zusammenarbeit befassen, stehen in der Sozialwirtschaft nicht im Vordergrund. Und dies, obwohl sie wesentliche Bedeutung für die Zukunft eines für betroffene Menschen aber auch, volkswirtschaftlich betrachtet, relevanten Wirtschaftszweigs haben. Viel eher ist der Ruf nach strengerer Regelung, nach mehr „Qualitätssicherung“, nach mehr Vorgaben von rechtlicher Seite zu vernehmen.  

Fazit:

Zusammenfassend erscheint es mir wesentlich, Diskussion um die Sozialwirtschaft nicht nur auf die Nutzer der Angebote Sozialer Arbeit zu beschränken. Es muss endlich Zeit werden, die Organisationen selbst in den Fokus der Aufmerksamkeit fachlicher, aber auch überfachlicher Diskussionen zu rücken. So sehe ich in Organisationen der Sozialwirtschaft – sehr optimistisch betrachtet – das Potential, zu echten Vorreitern von Arbeit 4.0 zu werden.

Sinn, Selbstorganisation und Ganzheitlichkeit sind die eigentlichen Prinzipien Sozialer Arbeit! Vorreiter können die Organisationen aber nur werden, wenn endlich damit begonnen wird, Prozesse, Strukturen und damit Art der Zusammenarbeit in den Organisationen aktiv zu gestalten. Wie wollen wir arbeiten? Oder noch übergreifender: Wie wollen wir leben? Aus der Beantwortung dieser Fragen können Organisationen entstehen, die für alle Stakeholder – Nutzer, Mitarbeiter, Leistungsträger, Politik und Gesellschaft – nicht nur menschlich, sondern auch ökonomisch erfolgreich sind.  

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Autor/in

Leider hat dieser Autor noch kein eigenes Profilfoto
Hendrik Epe Twitter Website: ideequadrat.de Profil

Hendrik Epe widmet sich auf seinem Blog www.ideequadrat.de der Frage, wie Arbeit…

Kommentare

  1. / von Diana Bäuerle

    Lieber Hendrik,
    Du triffst den Nagel mal wieder auf den Kopf. Mit dem Fokus auf die Klienten verliert so mancher Vorgesetzter seine Mitarbeiter aus dem Blick. Partizipation in der Jugendhilfe wird immer selbstverständlicher. Wie sieht es allerdings mit der Partizipation und Gestaltungsmöglichkeiten der Mitarbeitenden aus?
    Zusätzlich kennen wir Studien, die die junge Mitarbeitergeneration beschreiben, schaffen jedoch den Transfer in das eigene Führungsverhalten nur bedingt…
    Und unsere Ausbildungen sind leider bislang kaum in der zweiten Phase der Erwerbsbiografie interessant… auch hier können wir einiges verändern. Wissen wir doch, das Menschen der Sinn ihrer Arbeit wichtig ist. Und Sinn kann Sozialarbeit bieten….

  2. / von Martin Spilker

    Bei aller Zustimmung zu den Inhalten, spart der Artikel eines Erachtens noch eine grundlegende Frage aus, der sich sowohl Unternehmen wie aber auch die Sozialwirtschaft stellen muss: was macht die Digitalisierung mit meinem „Geschäftsmodell“. In den Fokus geraten zu schnell und zu oft Fragen nach der Arbeit 4.0 oder Social Media-Kommunikation. Prinzipiell geht es aber um den USP in Zeiten der Digitalisierung auch für die Sozialwirtschaft. Mit anderen Worten: Was machen die klassischen Organisationen in der Sozialwirtschaft anders und/oder besser als innovative digitale Konkurrenten? Was, wenn Beteiligte sich z. B. in der Jugend- oder Suchthilfe über Plattformen schneller, effizienter und besser organisieren können? Und Träger wohlmöglich auch noch Kosten sparen? Meines Erachtens muss diese Frage umgehend mit diskutiert werden, bevor es Fehlentwicklungen gibt. Denn es betrifft, Führung und Mitarbeiter, Selbstverständnis und Ethik in gleicher Weise!

  3. / von TSUNAMI: Soziale Berufe – gewachsen wenig Anerkennung

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