Die instabile Lage von Welt und Wirtschaft machen Sorgen. Doch Zinsen bei Null und Verteilungskämpfe waren in der Geschichte immer normal, wenn ein technologisches Netz fertig investiert war, so wie 1873 nach dem Eisenbahnbau und 1929 nach der Elektrifizierung. Nachdem der Computer sich weitgehend ausgebreitet hat, müssen wir den nächsten Aufschwung in der Knappheit von heute suchen.

Die nächsten Jahre könnten ungemütlich werden – trotz der Ausgabenprogramme wie in Japan, weltweiter Geldschwemme der Notenbanken und Nullzinsen. Nachdem der Computer uns über Jahrzehnte produktiver machte und so ein stürmisches Wachstum erzeugte, hat er sein Potential erschöpft, strukturierte Wissensarbeit zu übernehmen – Gehaltsabrechnung, Datenbanken, Robotersteuerung. Deswegen stagniert die Weltwirtschaft im Verhältnis zum Potential der Menschen, die arbeiten könnten. Vor allem in südlichen Ländern ist die Arbeitslosigkeit nicht selten auf über 20 Prozent gestiegen. Das löst Verteilungskämpfe aus, und Rückfälle in nationalistische und religiöse Gruppenethiken. Die Menschen sind verunsichert, weil sie die Veränderungen nicht einordnen können. Erklärungen setzen nur punktuell an oder suchen einen Sündenbock – das „System“, die „EU“, der „Westen“.

Wer glaubt, wir müssten jetzt nur auf eine neue Technologie für den nächsten großen Aufschwung warten, um mit der Instabilität fertig zu werden, der wird lange warten. Denn die Welt wandelt sich nicht ausreichend schnell genug von der Industrie- zur Informationsgesellschaft: In der künftigen Wissensarbeit findet der größte Teil der Wertschöpfung in der gedachten Welt statt – planen, organisieren, analysieren und entscheiden, entwickeln; verstehen, was der andere meint. Da es aber keine „Technology“ gibt, die unscharfe, unstrukturierte Gedankenarbeit produktiver macht, sind die großen Wohlstandsreserven vor allem im immateriellen Teil der Wertschöpfung zu heben: Psychosoziale Gesundheit, kooperative Streit- und Arbeitskultur, neue Organisationsformen der Arbeit. Auf die dafür nötigen Erfolgsmuster sind wir noch nicht ausreichend vorbereitet, auch weil die Wirtschaftswissenschaft bisher meist monetäre Größen betrachtete anstatt realwirtschaftlicher Vorgänge.

Nullzinsen und Re-Nationalisierung: Alles ganz normal

Dabei ist die Situation ganz normal, wenn man weit über das Gedächtnis eines Lebens hinausblickt: Auch nach dem Bau der Eisenbahn und dem Gründerkrach von 1873 lagen die Zinsen nahe Null, waren die Gewinne minimal und Menschen in Masse unterbeschäftigt, wuchsen die sozialen Probleme; ebenso nach der Elektrifizierung um 1929. Solange ein technologisches Netz zuvor über Jahrzehnte den Wohlstand hebt, weil es Ressourcen einspart und Unternehmen produktiver macht, solange rentieren sich Investitionen. Mit der Nachfrage nach Geld sind die Zinsen dann hoch und lassen sich gut begleichen, weil die neue Technik eben noch höhere Gewinne erwirtschaftet.

Doch wenn das Eisenbahnnetz alle Gewerberäume miteinander verbunden hat oder alle Fabriken weitgehend elektrifiziert sind, dann stagniert die Produktivität: Es gibt für die Unternehmer nichts mehr, wofür es sich lohnt, rentabel zu investieren. Daher benötigen sie weniger Kapital, die Zinsen sinken gegen Null; es folgen ein Bauboom und ein Konsum, den sich auch Ärmere auf Kredit leisten können. Das freie Geld fließt in Vermögensgüter und heizt die Preise von Immobilien, Aktien und Gold an.

Wenn diese Blase dann platzt – wie beim Gründerkrach, am schwarzen Freitag an der New Yorker Börse und vielleicht demnächst wieder -, dann rutschen mit den Kursen auch der Konsum nach unten, die bisher stagnierenden Investitionen kollabieren. Was wächst sind Arbeitslosigkeit, Zollschranken und die Suche nach einem Schuldigen, den Demagogen dem Volk präsentieren. Es kommt über viele Jahre zu leicht sinkenden Preisen, weil sich die Unternehmen in der Stagnation gegenseitig ihre Margen herunterkonkurrieren, Mitarbeiter unbezahlte Mehrarbeit leisten müssen, Zulieferer gedrückt werden. Die Deflation ist unabhängig davon, wieviel Geld die Notenbanken in den Kreislauf pumpen, denn entscheidend ist die Geldumlaufgeschwindigkeit. Und diese sinkt ganz einfach, wenn die Geldmenge künstlich angehoben wird.

Kondratieffs langen Strukturzyklen

Der russische Ökonom Nikolai Kondratieff (1892 – 1938) hatte diese realwirtschaftlichen langen Strukturzyklen im Jahr 1926 beschrieben. Im Kohleverbrauch, in Preisen und in der Industrieproduktion westlicher Länder hatte er seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert zweieinhalb 47 bis 60 Jahre lange Wellen wirtschaftlicher Dynamik gefunden, und die dritte Welle zeigte nun nach unten. Damit sagte er schon lange vor dem Börsencrash die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre voraus. Dass diese gar nicht der Zusammenbruch des Kapitalismus sei, wie es Karl Marx immer schon prophezeit hatte, sondern lediglich ein tiefes Konjunkturtal zwischen zwei techno-sozialen Zyklen – für diese Aussage wurde er 1938 exekutiert.

Kondratieff liefert eine Erklärung für die tiefen Krisen, denen monetär ausgerichtete Ökonomen ratlos gegenüberstehen: Zu jeder Zeit arbeiten Unternehmen mit einem bestimmten Mix an Produktionsfaktoren. Diese wachsen jedoch nicht im selben Maße mit wie die gesamte Volkswirtschaft und verändern so untereinander ihre relativen Kostenverhältnisse. Irgendwann lässt sich ein bestimmter Produktionsfaktor nicht mehr weiter physisch vermehren; er wird zu teuer.

So lohnt es sich für Unternehmer nicht, die Herstellung auszuweiten – die Wirtschaft stagniert, die Margen sinken gegen Null, Leute werden entlassen. Kondratieff nennt den knappsten Produktionsfaktor die „Realkostengrenze“, um deutlich zu machen, dass es sich nicht um ein Problem handelt, das sich mit Geld lösen ließe. An diesem Flaschenhals der Produktion entsteht nun der große Veränderungsdruck, der Wirtschaft und Gesellschaft zwingt, sich etwas Neues einfallen zu lassen.

Eine neue Stufe des Wohlstands

Eine Basisinnovation mit dazugehörigen Technologien und Organisationsmustern benötigt Unmengen an Investitionskapital. Wenn sie in Fahrt kommt, durchbricht sie die Realkostengrenze und führt auf eine neue Stufe des Wohlstandes. Sie breitet sich zuerst langsam, dann dynamisch aus und erreicht schließlich ihre maximale Sättigung. An ihrer S-förmigen Verbreitung kann man den Verlauf eines langen Kondratieffs identifizieren. Der Computer hatte die Zeit seiner größten Wachstumswirkung bis nach dem New-Economy-Boom in den 00er Jahren. Wo ist jetzt der relativ knappste Produktionsfaktor, der das Wachstum niedrig hält? => zweiter Teil am nächsten Freitag.

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