Wie wollen wir arbeiten?

Die Arbeitswelt der Zukunft hat längst begonnen

Sage mir, was du arbeitest, und ich sage dir, ob du glücklich bist. Nichts charakterisiert den modernen Menschen so sehr wie seine Arbeit. Wer sich im Beruf zu verwirklichen vermag, hat sich gefunden und ist erfüllt. Doch das Glücksversprechen hat seine Kehrseite im Management, dessen Aufgabe es ist alles unwert fühlbar zu machen. Hat noch jemand Vorgesetzte, die nicht motivieren, kein Feedback geben, kaum Wertschätzung zeigen? Nehmen wir unsere Arbeit oder Vorgesetzte viel zu wichtig? Wir zweifeln doch auch an Gott, am Himmel, möglicherweise sogar an der sinnhaften Existenz. Grübeln wir allerdings anstatt zu schaffen, gelten wir schlechterdings als depressiv. Diese Verschiebung des Existenzgrundes vom Denken zur Arbeit ist heute mehr denn je spürbar und nur die vollbrachte Aufgabe ist Sinnstiftung schlechthin. Wie aber ist es dazu gekommen, dass ausgerechnet unsere Arbeit, die Bürde des Lebens zur primären Sinn- und Lustressource avancieren konnte? Während sich körperliche Aktivität nur noch auf das Bewegen von Fingerspitzen und die Fokussierung der Pupillen beschränkt. Möglich, dass gerade diese Tragik der Grund ist, weshalb wir uns selbst verfehlen und wir darauf warten, dass uns das Management beantwortet: wie wir arbeiten werden. Partizipation, Empowerment, Demokratie – die Arbeitswelt der Zukunft hat längst begonnen.

Wir, mit unseren mechanischen Tätigkeiten

Führung ist jedoch immer Beeinflussung und wir sprechen von Arbeit und beziehen uns auf Tätigkeiten. Wir sind auf Arbeit und meinen damit eher den Ort, als unsere Tätigkeit. Mal ist sie fair, mal unbezahlt, mal gesund oder ungesund. Doch die Frage nach dem Sinn und dem emotionalen Wollen kommt darin nicht vor. Das zeigt ebenso die gängige Gleichsetzung von Arbeit und Zeit: einem Mangel an Freiheit und zugleich die Suche nach Sinn und Erfüllung. Und: was wäre denn die Alternative zur Wertschätzung der Arbeit? Vielleicht wird ja nicht die Arbeit überschätzt, sondern wir haben einen zu begrenzten Arbeitsbegriff, der sich zu sehr auf einen schmalen Kreis an Tätigkeiten und die klassische Lohnarbeit beschränkt. Diesem gegenüber sind wir nach Marx’scher Sicht entfremdet, weil unsere Tätigkeiten mechanisch geworden sind, qualitativ verarmt statt reichhaltig und anspruchsvoll. Im Schweisse des Angesichts wird, gemäss Luther, jenes zur Berufung: Gott hat jeden Menschen mit einem Talent ausgestattet und ihn damit für eine bestimmte Arbeit berufen. Somit lässt sich weltlicher Erfolg und simples Gehorsam als eindeuteutiges Zeichen göttlicher Auserwählung verstehen. Was wir für Selbstverwirklichung halten, wäre dann in Wahrheit nur eine Aufopferung für einen anderen,
der uns immer mehr Leistung abverlangt und uns auf Trab hält mit dem Versprechen, dass sich die Mühe lohne. Ich arbeite, also bin ich? Damit unser Schaffen menschlich bleibt, sollten wir aus ihm mehr machen als nur Mittel zum Überleben (Arbeiten) oder eine Entfaltung handwerklicher Fähigkeiten (Werken), wir müssen es an die Würde des Handels heranführen.

Laut Aristoteles ist der Zweck des Berufs übrigens nicht gleichgültig, denn die meisten Berufe implizieren ethische Beziehung zum anderen. Kurzum, das Arbeitsleben ist Teil der Übungen, um besser zu werden. So bedeutete das Wort Produktion ursprünglich nicht Fabrikation und Herstellung, sondern vorführen und sichtbar machen. Wenn wir ein Geheimnis entdecken, stehen wir vor der Wahl: teilen wir es oder behalten es für uns? Teilen ist Nähe. Wir teilen Kompetenzen, Erfahrungen und Überzeugungen. Zweck des Fortschritts allerdings sollten der Mensch und seine Umwelt sein – und schon tragen wir dazu bei, ein menschliches Grundbedürfnis besser zu befriedigen: Zeit-Souveränität.

Potenzialität zählt mehr als die konkrete Umsetzung

Beispielsweise ein Tischler, der von seinem Chef kritisiert wird, kann ihm immer entgegenhalten: Aber nein, das ist gute Arbeit, astrein und tadellos, überzeugen Sie sich selbst. Fehlt es an konkreten Vorgaben, wissen wir nie genau, woran wir sind. Alles wird damit zu einer Frage der Auslegung. Also verbringen wir viel realitätsarme Zeit damit zu überlegen, was andere über uns denken. Leider hat jedoch gerade die Abwertung manueller Arbeit eine lange Tradition. Als besonders prestigeträchtig gelten seither Berufe, in denen mit Symbolen hantiert wird, wie in den Bereichen IT, Kommunikation, Finanzwirtschaft und Jura. Die neue Unternehmenskultur verlangt flexible, anpassungsfähige Arbeitskräfte, die sich ständig Neues aneignen müssen: Potenzialität zählt mehr als die konkrete Umsetzung. Das ist gerade, was uns von den autonomen Maschinen unterscheidet, die letztlich doch nur Regeln folgen, Instruktionen abarbeiten und Parameter berechnen. Es darf nicht länger ein persönliches Drama sein, wenn ein im Grunde langweiliger, anstrengender oder gefährlicher Job von Maschinen erledigt wird. Wir haben gelernt, wie man den Lebensunterhalt verdient, aber nicht, wie man dabei die eigene Lebendigkeit erhält.

Sklaven unserer Arbeit

Wechseln wir dazu die Perspektive, stellen sich die beschriebenen Grundsatz-Probleme in anderem Licht dar: so fühlen sich interne Dienstleister vom strategischen Zielfindungsprozess abgekoppelt und vermissen klare Ziel- und Erfolgsmassstäbe vom Management. Ferner, so eine Klage, sei es nicht möglich, den Nutzen klar zu definieren, Output-Grössen zu benennen, bei deren Erreichen man berechtigt stolz sein könnte. Als Hüter künftiger Erfolgspotenziale – und damit Vertreter eines langfristigen, auf Nachhaltigkeit gerichteten Denkens – fühlt man sich gegenüber den Männern des Monats mit Quartalsgewinnfokus gelegentlich wie der Rufer in der Wüste. Dazu kommt, dass undifferenziert über einen Leisten geschoren wird, was tatsächlich entlang der Dimensionen Berechenbarkeit und Fülle an menschlichen Entwicklungsmöglichkeiten unterschieden werden sollte, und zwar auf beiden Seiten. So wie heute die Digitalisierung war es in den 90er-Jahren die Globalisierung, eine hoch veränderliche Welt für Organisations-Chirugen in Human Labs; Change gleich Chance. Als Mittäter an wachsender Spezialisierung und Professionalisierung der Managementlehre im allgemeinen und des Personalwesens im besonderen stellt sich mir seit geraumer Zeit die bange Frage, ob da nicht einiges missverstanden beziehnungsweise des Guten zu viel unternommen wurde. Von strategisch getrimmten, unverwechselbar einmaligen Human-Ressourcen, die die Konkurrenz am Weltmarkt das Fürchten lehren, kann nicht die Rede sein. Könnte es sein, dass es sich hier nicht um einen Einzelfall handelt? Das Ergebnis hätte man durch agile Gemeinschafts-Antwort der Frage: wie wollen wir arbeiten, billiger haben können. Oder wie Nietsche es ausdrückte: die Tätigen rollen, wie der Stein rollt, gemäss der Dummheit der Mechanik. Daher seien viele Menschen Sklaven ihrer Arbeit.

Im Coworking gibt es keine Hierachie, keine Stellenbeschreibungen, keine Titel, keine Chefs.

Einmal Arbeit um die Welt – mir fällt hier eine amerikanische Fast-Food-Kette ein, bei der die Angestellten Sandwichs belegen vor einer Wandtafel, auf der steht: Tanze, als ob dich niemand sähe. Liebe so, als wärst du nie verletzt worden. Arbeite, als brauchest du kein Geld. Wir müssen anerkennen, dass es manuelle Arbeit gibt, die kognitiv ungeheuer bereichernd sein kann, und intellektuelle Arbeit, die uns komplett abstumpfen lässt. Wer arbeitet bald was? Im Kern der Holakratie geht es um möglichst wenig Hierachie und zufriedene Mitarbeitende. Arbeit wird sehr viel vielfältiger organisiert, wenn Arbeitsbedingungen sich grundlegend verändern, neue Qualifikationen benötigt werden, können sich daraus neue Berufsbilder ableiten. Alles ist Lernen. Wir verzichten bewusst auf fast alles, was eine klassische Organisation ausmacht. Im Coworking gibt es keine Hierachie, keine Stellenbeschreibungen, keine Titel, keine Chefs. Ran an die Arbeit: jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Handeln ist leicht, Denken schwer; nach dem Gedachten handeln unbequem. Arbeit bezeichnet nicht mehr, was man tut, sondern wohin der mündige Mitarbeiter geht. Wie passt das alles zusammen, zumal die typische Dreiteilung der Lebensabfolge in Bildung, Arbeit und Ruhestand nicht mehr zeitgemäss ist. Damit ist zugleich ein weiterer Problemkreis angesprochen, dessen Lösung ebenfalls eine Abkehr von überholtem Denken erfordert: eine wachsende und konfliktträchtige Diskrepanz zwischen formaler Autorität und fachlicher Kompetenz. Solche Art von Organisationsentwicklung – bei der man nur den sichtbaren Dingen Aufmerksamkeit widmet – gleich dann eher dem Sortieren von Liegestühlen auf dem Deck der Titanic. Wohl jeder kennt die pflichtgetreue Anwesenheit bei bestimmten Veranstaltungen, Bürobesprechungen oder Abteilungsklausuren, wo die Widerstände fast mit den Händen zu greifen sind. Spricht man von Humankaptial, so sollte man das auch als solches behandeln.

Nicht immer stand – und steht – der Mensch im Mittelpunkt

Nichts ist so beständig wie der Wandel – gerade in NRW hat sich im Produktionsgewerbe vollzogen, was auch in anderen Branchen als säkularer Trend der Industriearbeit zu beoachten ist: der Wandel von harter körperlicher Arbeit über die Steuerung von Maschinen hin zur Überwachung automatisierter Prozesse. Leider führen technische Innovationen nicht gleichsam automatisch zu Verbesserungen im Arbeitsleben (Lärm, Klima, individuelle Voraussetzungen für Wohlbefinden, etwa Gebetsräume).

Im Projekt SITRA4.0, an dem wir uns als Firma ja aktiv beteiligen, geht es um Erfüllung der Erwartungshaltung an humane Arbeit und wieder um proportionale Lohnanpassungen für Produktions-, Service- und Pflegejobs (Projekt Demonstrator Bausektor mit einem SHK-Hersteller und einem Generalunternehmer). Mehr Flexibilität und Arbeitsschutz schließen sich nicht aus. Fürsorgepflicht vor Überlastung in seelischer, körperlicher und geistiger Arbeits-Ausstattung und Ausführung. Schutz gegen Effekte des Alterns und Arbeitsplatz-Wandel mit Zuversicht und Arbeitslebens-Sinn. Was wir hier und heute für so normal und alltäglich halten, dass es kaum der Rede wert zu sein scheint – das war nicht immer so und ist vielerorts auch noch lange nicht so. Nicht immer stand – und steht – der Mensch im Mittelpunkt, nicht immer war – und ist – er das Mass aller Dinge. Kultur der Sicherheit schafft Bindung von Gemeinschaften und Verbindung mit Technologien (Industrie4.0, Coworking), sowie Werkzeug-Sets (Empfehlungen, best practice). Sie ist abstrakt und massgeschneidert. Als Hochkultur Leitbild einer Branche und Prägung mit Vorteilen. Bereits vor der Industrialisierung  war beispielsweise Kinderarbeit selbstverständlich. Zudem machte die neue Technik in Form von Maschinen die Arbeit im Wortsinne kinderleicht. Geschichte wurde geschrieben, von der freiwilligen Fabrikinspektion zur verbindlichen Gewerbeaufsicht. Streiks schon damals mit Kaiserdonnerwetter geschlichtet und der Satz: der Zweck heiligt die Mittel, geprägt. Soziale Marktwirtschaft mit Werkswohnungsbau, Erholungsheimen und Arbeitszeitverkürzungen – der Sitzstreik wurde ünbrigens 1957 in Dortmund erfunden!

Dazu die entscheidenden Argumente der IG Metall  (Otto Brenner, 1956): Der freie Samstag wird aber auch grössere Möglichkeiten zur geistigen und körperlichen Entspannung bringen. Er wird Zeit schaffen für kulturelle, sportliche und politische Betätigung und nicht zuletzt zur Festigung des Familienlebens beitragen. Tarifrunde 2018 (Jörg Hofmann): Es ist Zeit für eine neue Arbeitszeitkultur, für Arbeitszeiten die zum Leben passen mit einer 28-Stunden-Woche.

Die nächste Generation fragt uns sonst mit Recht: Warum ward ihr die erste Generation, die den Schritt in die Zukunft verweigerte – aus reiner Angst vor der Wirksamkeit der Vielen?  Genau diesem Kräftespiel der Tarifpartner verdanken wir die 5-Tage- und wohl bald auch die 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich. Es reift zudem die Erkenntnis: Vorbeugen ist besser als Heilen – die körperlichen, sozialen und seelischen Aspekte werden in Interviews erarbeitet, als Lernprozesse etabliert und durch präventive Risikobewertung in der neuen Arbeitswelt abgemildert. Die Gestalt richtet sich nach der Funktion – am Arbeitsplatz und die Aufgaben nach ihrem Zweck. Es geht darum, Arbeit und Technik vorausschauend so zu gestalten, dass dies dem Menschen und seiner Gesundheit förderlich ist (Gestaltung zukünftiger Arbeitswelten).

Wer ist frei: Der Herr, der befiehlt, oder der Knecht, der für seinen Herrn arbeitet?

Hätten wir nämlich einen perfekten Markt, so wäre Müßiggang die Regel, nicht die Ausnahme, denn der Vertrieb liefe nicht pathologisch, sondern völlig reibungslos. Letztlich stehen wir wieder vor der schlichten Unendlichkeit im Kern der Arbeit. Wozu ist sie da? Vor allem, wenn es um die Frage geht, wozu eine Firma eigentlich da ist? Was tut sie? Nur erwünschte Güter und Dienstleistungen produzieren. Derartige Erklärungsversuche mögen beruhigend sein – zur Lösung der Frage: wie wollen wir arbeiten, tragen sie hingegen ähnlich viel bei wie der tägliche Wetterbericht. Bereits die Grössenordnung deutet es an: es geht weniger um konjunkturelle als um strukturelle und standortspezifische Probleme. Es ist kaum mehr zu übersehen, dass die meisten organisierten sozialen Systeme in Wirtschaft und Koalition nicht anpassungs- und innovationsfähig genug sind, um mit der raschen Erwartungshaltung der Generation Z und Y Schritt zu halten. Ein Beispiel dafür ist der gebetsmühlenartig verbreitete Glaube mit den bewährten Rezepten von gestern – also durch Produktivitätssteigerung und Umverteilung – seien auch die demografischen Probleme von heute und das sinnhafte Arbeiten von morgen zu lösen.

Gerade das damit einhergehende Desinteresse an Flexibilisierung in der Fertigung ist eine besorgniserregende Dickfelligkeit, die uns offenkundig daran hindert, Ursachen und Konsequenzen des Wertewandels beizeiten zu erkennen. Viele Mitarbeitende können daher froh sein über jeden Tag, an dem ein Mittelmanager nicht zur Arbeit kommt und sie wieder selbstbestimmt ihre Aufgaben vollbringen können. Wer ist frei: der Herr, der befiehlt, oder der Knecht, der für seinen Herrn arbeitet? Hegels paradoxer Satz stellt unsere Intuition zunächst auf den Kopf. Die Vorstellung, die Arbeitswelt verändern zu können und vor allem – zu wollen -, diese Vorstellung ist heute aber anders als früher nicht mehr Voraussetzung, um Führungskraft oder Politiker zu werden. Heute heisst es eben, es sei alles alternativlos. Wenn aber alles alternativlos ist, dann haben wir das Rennen um eine bessere Arbeitswelt bereits verloren!

Lesetipps:

arbeitsvisionen2025.de
www.fir.rwth-aachen.de
www.arbeitenviernull.de/filmfestival
www.transwork.de
www.zukunftderarbeit.de

Filmtipps:

Die Arbeitswelt von Morgen gestalten

Augenhöhe – Der Film (Lars Richter Training)

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Autor/in

Jan Westerbarkey
Jan Westerbarkey Twitter Profil

Von laufenden Bändern zu Fortschritt am laufenden Band. Statt "es war einmal…

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