Digitale Strategien für KMUs: Wie fange ich an?

Vor einiger Zeit hatte ich den Kollegen von „Job Wizards“, die ihren Blog mit Unterstützung der Firma Konica betreiben, ein kurzes Interview zur betrieblichen Transformation gegeben. Die Inhalte basieren auf den Vorstudien, die wir bereits durchgeführt haben, und werden im Laufe diesen und nächsten Jahres durch weitergehende Studien ergänzt und weiterentwickelt werden.

Alle reden von Digitalisierung und der „Digitalen Revolution“ analog zur „Industriellen Revolution“. Was heißt das in der Praxis und wie gut sind kleine und mittlere Unternehmen schon darauf eingestellt?

Wir haben Ende November eine Kurzstudie veröffentlicht, die zeigt, dass das Thema bei kleinen und mittleren Unternehmen fast nicht angekommen ist. Und wenn doch, dann besteht häufig das Missverständnis, dass Digitalisierung mit Technisierung verwechselt wird, also alle nur an Effizienzsteigerung denken. Digitalisierung bezeichnet eine ganz andere Form der Arbeitskultur als im industriellen Zeitalter: weniger Planung, mehr Agilität in der Planung. Es geht darum, sich ständig neu zu erfinden. Das müssen Unternehmen verstehen, zulassen und ermöglichen.

Das klingt radikal, aber auch anstrengend, sich ständig neu zu erfinden. Warum ist das die entscheidende Aufgabe im Zusammenhang mit der Digitalisierung?

Bei der maschinellen Massenproduktion gab es einen einzigen qualitativen Sprung und dann lief alles viele Jahrzehnte immer weiter, es ging nur noch um Effizienzsteigerung. Bei der Digitalisierung erleben wir eine exponentielle Entwicklung: immer schneller, immer schneller. Immer neue qualitative Sprünge. Es gibt keine Phase, wo man sich erholen und zurücklehnen kann. Die Prozesse und Produkte müssen in Frage gestellt werden. Doch bei vielen erfolgreichen Unternehmen beobachten wir ein starkes Verharren, die sagen zum Beispiel: Wir produzieren seit 150 Jahren Bier und werden das weiter so machen. Aber Disruption und qualitative Sprünge lassen sich nicht vorhersagen. Plötzlich kommen Wettbewerber aus völlig anderen Branchen in den Markt. Um darauf erfolgreich reagieren zu können, muss sich im Unternehmen viel verändern.

Muss ein Schuster das mitmachen? Der repariert Schuhe und denkt, das mache ich jetzt bis zur Rente in meinen drei Filialen.

Jedes Unternehmen, das Zukunft haben will, muss sich damit auseinandersetzen. Bisher überlegte ein Schuster „Wie kann ich statt einem Paar Schuhe pro Stunde drei Paar Schuhe pro Stunde reparieren?“. Das war die lineare Weiterentwicklung des Geschäftsmodells. Würde der Schuster disruptiv agieren, könnte er sich überlegen, dass er in naher Zukunft Schuhe druckt. Er misst die Füße seiner Kunden aus und kann binnen eines Tages neue, perfekt passende Schuhe – individuell gestaltet – drucken. Wenn ich nur über Technisierung nachdenke, würde ich nicht auf diese Idee kommen. Oder ein Bäcker: Er kann den Kunden am Vorabend die Rohlinge für das morgendliche Brötchenbacken liefern. Vielleicht braucht er gar kein Ladengeschäft mehr? Diese Beispiele illustrieren, welche neue Logik ins unternehmerische Denken einziehen muss, um die Chancen der Digitalisierung zu erkennen.

Viele KMUs haben nicht einmal eine echte Unternehmensstrategie. Wie kommen die zu einer digitalen Strategie, zu einer neuen Arbeitskultur für die digitale Transformation?

Wir haben vier Modelle identifiziert, wie Digitalisierung in Unternehmen beginnt, die wir noch genauer untersuchen werden. Im Modell 1 ist der Vorstand oder Geschäftsführer technikaffin und aktiv. Ein typisches Beispiel ist, dass er von seinem Enkel erklärt bekam, wie man auf dem Tablet skypen kann. Er denkt „Das wäre für die Kommunikation mit dem Außendienst nützlich“ und trägt seine Idee ins Unternehmen. Im Modell 2 kommen die Impulse zur Digitalisierung aus der Personalabteilung oder der IT-Abteilung. Diese kennen aus ihren Fachbereichen die neuesten Entwicklungen und wollen sie nutzen. Im Modell 3 bringen Mitarbeiter aus ihrem Privatleben digitales Know-how mit, weil sie denken, dass Tools wie Doodle oder Google Docs für ihre Arbeit hilfreich wären. Modell 4 ist auch verbreitet: Der Anstoß kommt hierbei von außen, vom Kunden oder Wettbewerb. Dadurch, dass der Kunde sagt „Ihr seid mir zu langsam“. Oder ein Wettbewerber setzt das Unternehmen unter Druck.

Das klingt jetzt noch nicht nach dem großen strategischen Plan, aber nach der Wirklichkeit. Wie gut gelingen diese Ansätze zur Digitalisierung?

In jedem Modell ist es wichtig, dass der Geschäftsführer, Inhaber oder Vorstand sich für dieses einsetzt, die Initiative zulässt und fördert. Ohne Verstärkung von oben scheitern die meisten Ansätze. Am besten ist es, wenn der Chef die Tools selbst kennt und nutzt, authentisch und glaubwürdig mit allen kommuniziert. Das ist auch der Anfang einer neuen Arbeitskultur. Digitalisierung heißt: Auf Augenhöhe, hierarchiefrei, miteinander kommunizieren und arbeiten. Das kann man nicht an den Assistenten der Geschäftsführung delegieren. Eine große Chance sind digital affine Mitarbeiter im Unternehmen, die gibt es überall. Aber vielen Managern und Chefs fällt es schwer, sich von ihnen sagen und zeigen zu lassen, wie neue Tools und Apps funktionieren. Reverse Mentoring wäre dafür gut geeignet. Dem Mitarbeiter mit digitalem Know-how fehlt oft der Anreiz: Warum sollte ich mein Wissen an den Vorgesetzten weitergeben? Da sind wir wieder bei der Kultur: Kann über die Fragen der Digitalisierung im Unternehmen hierarchiefrei kommuniziert werden?

Was ist dann der erfolgreichste Weg, um in einer Arztpraxis oder in einem Handwerksbetrieb zu einer digitalen Strategie zu kommen?

Für das Gelingen der digitalen Transformation gibt es keine Blaupause, dafür sind die Bedingungen zu verschieden: die Branchen, die Persönlichkeiten, die Technik, die Arbeitskultur. Es gibt in der digitalen Arbeitswelt ein Meme, das heißt „Einfach machen“. Das hört sich platt an, aber darum geht es, ums Machen, und zwar mit der richtigen Haltung. Ein Anfang könnte sein, sich mit interessierten Mitarbeitern zusammenzusetzen und gemeinsam kritisch zu fragen „Wo stehen wir, welche Bedürfnisse gibt es, was würde uns helfen, wie könnten wir besser werden?“. Im zweiten Schritt braucht es Haltung. Ein paar dieser digital affinen Mitarbeiter werden mit zeitlichen, räumlichen und finanziellen Ressourcen ausgestattet, um Ideen zu entwickeln. Ohne Projektplan und Milestones und Anträge. Einfach mit dem Vertrauen, dass das fähige Mitarbeiter sind. Dieses Prinzip einer offenen Ideenwerkstatt oder eines Inhouse Accelerators hat Google schon vor Jahren eingeführt und das hat viel zum Erfolg beigetragen. Ideen sind das zentrale Element, um in der Zukunft zu bestehen und die Disruption zu überleben.

Wo kommen denn die Ideen für ein Unternehmen mit digitaler Zukunft her?

Ganz klar: Neugier und Offenheit helfen. In den Nachrichtensendungen im TV werden keine neuen Ideen zu finden sein, aber sicher im Netz. Die Referate auf den TED-Konferenzen können inspirieren, oder Fachforen mit Diskussionsgruppen online. Auch die Kammern bieten je nach Region sehr gute Kurse zum Thema „Digitaler Wandel“. Es ist absolut wertvoll, sich mit anderen auszutauschen, die eine ähnliche Aufgabe haben, aber aus ganz anderen Kontexten kommen. Auf Meetup verabreden sich viele Leute regelmäßig zu bestimmten Themen – auch jenseits der Großstädte und Ballungsräume. Eine andere wichtige Quelle für Ideen sind Daten, die im Unternehmen gesammelt und ausgewertet werden. Inzwischen geht es dabei nicht mehr nur ums Sammeln, sondern die Produkte und Services selbst sollen Daten sammeln und damit etwas über die Nutzung verraten. Mit diesen Analysen lassen sich neue Produkt- und Serviceideen generieren.

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Ole Wintermann E-Mail: Nachricht schreiben Facebook Twitter Google+ Website: bertelsmann-stiftung.de Profil

Dr. Ole Wintermann hat an den Universitäten Kiel, Göteborg und Greifswald VWL…

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