Der Teufel steckt im Detail (1/2)

Vor fast genau drei Jahren hat an dieser Stelle einer der Autoren dieses Beitrages, Klaus Burmeister, für ein grundsätzliches Weiterdenken in der Debatte um die Zukunft der Arbeit geworben und jenseits von Debatten um Industrie 4.0 auch Fragen wie die folgenden zu stellen und zu beantworten:

  1. Was hält die Gesellschaft zusammen, wenn es nicht mehr die Arbeit ist?
  2. Wie kann sich ein politisches System auf eine Post-Arbeitsgesellschaft vorbereiten und wie können die Übergänge gestaltet werden?
  3. Kann das Ende fremdbestimmter Arbeit nicht der Einstieg zu einer selbstbestimmten Tätigkeitsgesellschaft sein?

Nach diesem eher grundsätzlichen Beitrag von 2015 geht es uns heute um eine kritische Zwischenbilanz. Wie ist der Stand der Debatte um die Folgen Digitalisierung und Automatisierung? Welche Erkenntnisse hat die Wissenschaft in der Zwischenzeit erzielt und welche Fragen harren noch einer Antwort?

Es ist doch schon erstaunlich, wie das zentrale Thema Zukunft der Arbeit gesellschaftlich behandelt und diskutiert wird. Gleichzeitig diskutieren wir über erhebliche Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt bis hin zu massiven Arbeitsplatzverlusten, und auf der anderen Seiten erleben wir einen enormen Zuwachs von Arbeitskräften mit Rekordwerten sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und eine politische Programmatik (der CDU), die bis Mitte der 2. Dekade die Vollbeschäftigung erreichen will.

Noch dazu befinden wir uns trotz aller berechtigten Einwände in einer wirtschaftlich prosperierenden Situation mit hohen Staatsüberschüssen und einer deutschen Autoindustrie, die trotz manifester Krisenerscheinungen weiterhin hohe Gewinne einfährt. Eigentlich eine komfortable Situation. Aber die Ruhe im Land bei diesem Thema kaschiert eher die großen Herausforderungen, als dass sie genutzt würde, um vorausschauend zu analysieren, was getan werden müsste, wenn wir auf Dauer die zukünftigen Arbeitswelten nicht nur verwalten sondern mitgestalten wollen.

Wir möchten in diesem Beitrag zunächst die zentralen wissenschaftlichen Befunde seit 2015 darlegen. Welche Entwicklungen sind auf der einen Seite bereits spürbar oder zumindest absehbar? Welche Entwicklungen sind dagegen offen und verweisen auf Gestaltungspotenziale? Diese Unterscheidung ist immens wichtig, damit Unternehmen, Politik und Gesellschaft Handlungsspielräume erkennen und nutzen können, um den Wandel zum Vorteil aller zu gestalten. Abschließend wollen wir diskutieren, wie dies gelingen könnte, welche Schritte dafür aus unserer Sicht unternommen und welche Fragen noch geklärt werden müssen.

Ein systemischer Blick ist nötig

Wie steht es um die Zukunft der Arbeit im Zeichen von Digitalisierung und Automatisierung? In den vergangenen Jahren wurde heftig und kontrovers, aber leider meist stereotyp, darüber diskutiert. Während die einen den Robotereinsatz als Jobkiller sehen, erwarten die anderen die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Beide Haltungen stehen symptomatisch für den Stand der Debatte. Die Diskussionen darüber finden nach wie vor meist im Kontext von dem bereits 2011 gestarteten Projekt „Industrie 4.0“ der Hightech-Strategie der Bundesregierung statt. Sie verbleiben, so der Eindruck, eher an der Oberfläche und erreichen nicht die Tiefe um den von Hartmut Hirsch-Kreinsen Ende 2014 geforderten ganzheitlichen Gestaltungsansatz einzulösen.

Bereits 2016 sah der Wirtschafts- und Industriesoziologe im Industrie 4.0-Ansatz zwar ein überaus attraktives Versprechen zukünftiger technologischer, aber auch damit verknüpfter gesellschaftlicher Entwicklungsperspektiven. Er betont aber dessen ambivalenten Charakter: „Wie jedoch die Ambivalenz des Technologieversprechens zeigt, ist es fraglich, ob die Vorteile, positiven Entwicklungsperspektiven und vor allem die breite Implementation des Konzeptes absehbar Realität werden. Die Vermutung liegt nahe, dass der Industrie 4.0-Diskurs jenen Entwicklungsverlauf nehmen wird, der in der Innovationsforschung als „Hype cycle“ technologischer Innovationen bezeichnet wird. Der Diskurs stürzt über kurz oder lang ab von einem Gipfel mit großen Erwartungen und mit hohem Enthusiasmus in ein Tal großer Enttäuschungen.“

Die umfassende Vision eines humanzentrierten Szenarios zukünftiger Arbeitsgestaltung dagegen, die Hirsch-Kreinsens Einschätzung nach implizit im Technologieversprechen beinhaltet ist, wird, wenn überhaupt, nur in Fachkreisen erörtert. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Eine solche Perspektive einzunehmen erfordert etwa eine interdisziplinäre Sachkenntnis, die dem inzwischen gängigen Lese- und Diskursverhalten vieler entgegensteht (die Autoren nehmen sich hiervon nicht aus). Auch scheint die Halbwertszeit technologischer Neuerungen stetig kürzer zu werden. Spätestens seit 2015 überlagert die anschwellende Diskussionen über Künstliche Intelligenz (KI) die Debatte zur Zukunft der Arbeit. Es ist selbst für den gewillten Beobachter kaum noch möglich, die verschiedenen Stränge des Automatisierungsdiskures gleichermaßen zu erfassen, einzuordnen und zu bewerten.

Neben KI und insbesondere dem Machine Learning geht es u.a. darum, die Entwicklungen innerhalb der Plattform Industrie 4.0, von Standardisierung bis zu internationaler Kooperationen, zu verfolgen, weiterhin Themen wie das Internet of Things (IOT) bis hin zu IOTA (einem digitalen Marktplatz für Sensordaten auf Basis einer neuen Ledgertechnologie, die auch inzwischen Unternehmen wie Bosch aufgegriffen haben) zu beobachten oder die durch „Industrie 4.0“ induzierte Diskussion über dezentrale, urbane Produktion bis hin zur Eröffnung der Speed Factory von Adidas in Ansbach, eine Debatte, die auch die Stadt- und Raumentwickler umfänglich erfasst hat. Darüber hinaus gilt es die rasante technische Entwicklung der Industrie- und Servicerobotik, ebenso der Cobots (kollaborative Roboter) als die Schnittstelle von Mensch und Maschine, und deren Implikationen zu verfolgen, ebenso wie die weltweite Robotics-Diffusion, insbesondere auch in China. Last but not least sind die Beiträge zur digitalen Transformation, disruptiven Technologien, Branchenumbrüchen und neuen plattformbasierten Geschäftsmodellen und Unternehmen relevant sowie natürlich die Diskussionen um agile Organisationsformen von Arbeitsprozessen und Unternehmensformen.

Insgesamt zeigt sich u. E. eine etwas einseitige Fokussierung auf Fragen von New Work, Leadership und Qualifizierung, wobei auch der zweifellos verdienstvolle Blog der Bertelsmann-Stiftung zur Zukunft der Arbeit, in dem dieser Beitrag erscheint, keine Ausnahme macht. Was die obige Auflistung zeigt, ist die Notwendigkeit einer systemischen Gesamtbetrachtung des Gegenstands. Derzeit scheinen aber die einzelnen Fachcommunities inhaltlich eher mit sich selbst beschäftigt. Um es klar zu sagen: Die Zukunft der Arbeitsgesellschaft ist eine der zentralen Zukunftsfragen, die eine kontinuierliche wissenschaftliche Betrachtung und breite gesellschaftliche Diskussion benötigt.

Soweit unsere erste Einschätzung. Im Folgenden möchten wir uns um eine möglichst breite und gleichzeitig substanzielle Perspektive auf die Thematik bemühen. Die Grundlage bilden soll dafür eine zusammenfassende Darstellung zentraler Studien mit Schwerpunkt Deutschland zu den Folgen der Digitalisierung auf die Arbeit ab 2015. Da alle Studien sich in der Regel auf die Studie von Frey und Osborne „The Future of Employment“ von 2013 beziehen, beziehen auch wir sie in unsere Betrachtung mit ein.

Automatisierung von Wissensarbeit

Warum hat die Analyse der beiden Oxforder Wirtschaftswissenschaftler Benedikt Frey und Michael Osborne weltweit soviel Furore gemacht? Wir denken, sie kam zur richtigen Zeit und hat vorhandene Befürchtungen und Einschätzungen eine Stimme gegeben. Zur richtigen Zeit, weil sie im Kern die dritte Stufe der Automatisierung thematisiert. Nach der Automatisierung von Produktion (von den Chicagoer Schlachthöfen bis zum Ford T-Modell) und Dienstleistung (von den Großraumbüros der 20er Jahre bis Großrechnern und Bankomat) kennzeichnet die dritte Phase die Automatisierung von Wissen. Das ist die neue Qualität im Diskurs zur Zukunft der Arbeit. Die  Analysen von Frey und Osborne beschreiben am Beispiel von Berufen einerseits den Aufstieg der Knowledge Worker (Wissensarbeiter) (s. Abb.), während jedoch gleichzeitig nicht nur manuelle, sondern gerade auch kognitive Routinetätigkeiten an Bedeutung verlieren. Diese zunehmende Bedeutung von routinearmer Wissensarbeit einerseits und der gleichzeitige Bedeutungsverlust kognitiver Routinetätigkeiten in Verwaltung und Sachbearbeitung andererseits wirft neue Fragen auf. Vor diesem Hintergrund erweist sich die bisherige Fokussierung auf den Kontext der „4. Industriellen Revolution“ bzw. „Industrie 4.0“ als zu eng.

Weiterhin haben Frey und Osborne mit ihrem klaren Analyseschwerpunkt auf neue, letztlich für das bestehende Arbeits- und Industriegefüge radikale Technologien einen offensichtlichen Nerv getroffen. Wir erinnern nur stellvertretend an die Bill Joy-Debatte von 2000. Unter der Überschrift „Warum uns die Zukunft nicht braucht“ artikulierte der Gründer von Sun ein tiefsitzendes Unbehagen. „Die wichtigsten Technologien des 21. Jahrhunderts – Roboter, Gentechnik und Nanotechnologie – drohen den Menschen zu einer vom Aussterben bedrohten Art zu machen“, weil sie einer Verschmelzung von Mensch und Maschine Vorschub leisten. Noch in einer Zeit, in der sogenannte KI-Winter herrschte, hat Joy zentrale Aspekte der heutige KI-Diskussionen vorweggenommen. Acht Jahre später, das iPhone war schon geboren, führte der weltweite Bankencrash deutlich die Verletztlichkeit der westlichen Industriegesellschaften vor Augen. Mit der folgenden Ölkrise und dem aufkommenden Begriff der digitalen Transformation setzte sich auch der Begriff der Disruption in den Zukunftsdebatten fest.

Frey und Osborne haben mit Ihrer Analyse bereits bestehende Zweifel an der Robustheit der Arbeitsgesellschaft nachhaltig genährt. Wobei ihre Arbeit oft auf nur eine Kernaussage reduziert wird, demnach 47 % der bestehenden Berufe in den USA in den nächsten zwei Jahrzehnten automatisiert würden. Diese Interpretation aber greift zu kurz.

Auf der Grundlage einer Literaturanalyse, die die rasanten Entwicklungen im Bereich maschinelles Lernen, künstliche Intelligenz und mobile Robotik aufarbeitet, stellen die Autoren der Studie zunächst fest, dass Maschinen immer weiter in Tätigkeitsbereiche vordringen, die bislang dem Menschen vorbehalten waren. Sie erwarten, dass Routinetätigkeiten durch Maschinen ersetzt werden. Dabei unterscheiden sie zwischen Tätigkeiten, die mutmaßlich leicht automatisierbar sind und solchen, die sich als technische Engpässe (Engineering Bottlenecks) erweisen und daher eine Automatisierung mindestens stark erschweren. Frey und Osborne sehen solche Engpässe erstens bei Wahrnehmungstätigkeiten, zweitens bei kreativ-intelligenten und drittens bei sozial-intelligenten Tätigkeiten.

In einem weiteren Schritt verdichten sie alle US-amerikanischen Berufe (702 Berufe) und lassen 70 davon in einem Workshop von Machine Learning-Experten im Hinblick auf ihr Automatisierungspotential (1 – automatisierbar“ oder „0 – nicht automatisierbar“) bewerten. Die Ergebnisse übertragen sie dann auf die Gesamtzahl der Berufe. Hierbei gehen sie von zwei Automatisierungswellen aus. In der ersten werden zunächst Berufe mit einer hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit nach und nach automatisierbar. Dies betrifft 47 % der Beschäftigten in den USA bezogen auf einen Zeitraum der nächsten 10 bis 20 Jahre. In einer zweiten, nach ihrer Einschätzung deutlich langsameren Welle der Automatisierung, da zuerst die beschriebenen Engpässe überwunden werden müssen, könnten dann auch Berufe mit mittleren Risiko wie Lehrer, Wissenschaftler oder Manager betroffen sein. Diese Welle würde dann 33 % der Beschäftigten betreffen. Insgesamt erwarten sie weiterhin, dass mit dem Lohnniveau und der Qualifikation die Automatisierungswahrscheinlichkeit sinkt.

Bemerkenswert ist an ihren Aussagen, dass schon in der ersten Welle offenbar nicht nur einfache manuelle Tätigkeiten wie etwa im Bereich Logisitik oder Jobs als Kassierer und Verkäufer automatisiert werden dürften, sondern auch vergleichsweise anspruchsvolle Bürotätigkeiten. Damit wäre eine Berufsgruppe massiv von Automatisierung betroffen, die bisher nicht damit rechnen musste, dass ihre Aufgaben von Maschinen übernommen werden könnten.

 

….die Fortsetzung folgt in der nächsten Woche

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Autoren

Klaus Burmeister Head of foresightlab Twitter Profil

Gründer von Z_punkt GmbH und Head of foresightlab Klaus Burmeister ist Gründer…

Andreas Schiel foresightlab E-Mail:Nachricht schreiben Twitter Profil

Dr. Andreas Schiel ist promovierter Philosoph und Sozialwissenschaftler. Für das foresightlab und die Initiative D2030 arbeitet er in verschiedenen Projekten der Zukunftsforschung mit dem thematischen Schwerpunkt Zukunft der Arbeit. Daneben ist er freiberuflich in weiteren Projekten zur digitalen Transformation tätig. Seit 2016 betreibt er das Blog arbeit:morgen wo er sich für eine humanzentrierte Gestaltung der Arbeitswelt einsetzt. Außerdem ist Andreas Schiel Mitgründer der gemeinnützigen Denkfabrik denkzentrum|demokratie, für die er Zukunftsperspektiven für die Demokratie von morgen entwickelt.

Kommentare

  1. / von Zukunft der Arbeit | Der Teufel steckt im Detail 2/2 - Zukunft der Arbeit

    […] ….Fortsetzung aus der letzten Woche […]

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