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Werkstattbericht zur Zukunft der Arbeit in deutschen KMU

Für wie relevant hält der Mittelstand in Deutschland die Digitalisierung? Auf welchem Niveau bewegt sich betriebliche Transformation in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU)? Wie haben sich Arbeitsstrukturen und Geschäftsmodelle verändert? Und vor welchen Herausforderungen stehen die Firmen? Das verrät unser jüngster Werkstattbericht zur Zukunft der Arbeit in deutschen KMU. Herausgeberin ist die Bertelsmann Stiftung in enger Zusammenarbeit mit Kantar TNS (München). Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit „in Progress“.

 

Neue Arbeitsorganisation und -Abläufe: ganzheitlicher Ansatz fehlt

So zeigt sich auf Basis der Daten, dass das Thema Digitalisierung in deutschen KMUs nach wie vor in erster Linie mit Effizienzsteigerung, einer Automatisierung von Prozessen und Workflows sowie einer Vernetzung der Wertschöpfungsketten in Verbindung gebracht wird. Eine ganzheitliche Neugestaltung der Arbeitsorganisation mittels digitaler Technologien oder auch digitale Geschäftsmodelle sind hingegen bisher nicht erkennbar. Auch tiefergreifende Ansätze, wie zum Beispiel das Thema der Collaboration, werden noch wenig verfolgt.
ERP-Systeme werden mehr und mehr eingesetzt. Sie dienen als integrierte Informationssysteme und ermöglichen ein interdisziplinäres Planen, Kalkulieren und Steuern von Unternehmensprozessen. Hier stehen, genau wie bei den immer beliebter werdenden ECM-Lösungen, Effizienzsteigerung und Kostensenkung im Fokus. Dabei werden ECM-Lösungen bisher allerdings nur von etwa jedem dritten Unternehmen genutzt – hier insbesondere in den Bereichen der Buchhaltung und des Controllings, der Archivierung und des klassischen Dokumentenmanagements.

Wenige Mittelständler nutzen Blockchain und Big Data Tools

Auch das Thema Blockchain steht noch ganz am Anfang. Nur ein Bruchteil der KMUs nutzt diese bereits zur Rationalisierung von Prozessen und zur Effizienzsteigerung. Das gleiche Bild zeigt sich bei Big Data Tools, bei denen vor allem mangelndes Wissen dazu führt, dass kaum Strategien für die Sammlung, Nutzung oder auch Analyse von digitalen Daten vorhanden sind. Ausbaupotential gibt es auch bei den Industrie 4.0 Projekten. Neben fehlenden systemseitigen Voraussetzungen (veraltete IT-Systeme, keine Systemunterstützung) mangelt es vor allem an Wissen. Insgesamt gilt: je größer das Unternehmen, desto mehr umgesetzte bzw. geplante Industrie 4.0 Projekte. Dabei spielt Industrie 4.0 im IKT-Bereich die größte Rolle (S. 19-25).

Informationsaustausch: Digitale Technologien holen langsam auf

Wissen und Information über aktuelle Entwicklungen im eigenen Themen- oder Geschäftsbereich sind grundlegende Voraussetzungen, um Digitalisierung dann auch zu gestalten und für das Unternehmen zielgerichtet nutzen zu können. Ressourcen für die Etablierung oder den Ausbau von innovativen Kommunikationsmaßnahmen sind in deutschen KMUs kaum vorhanden und so fehlt es an einer grundlegenden Infrastruktur. Auch der Blick auf die Ausstattung mit digitalen Endgeräten verrät Aufholbedarf: Laptop, Smartphones, Tablets & Co. haben vor stationären Geräten das Nachsehen. Multi Devicing oder Choose your own device? Fehlanzeige!
Digitale Technologien, die den Informationsaustausch unterstützen, werden zwar als immer wichtiger erachtet, von einem flächendeckend strategischen Einsatz sind sie aber oft noch weit entfernt. Informationsflüssen sind so aktuell überwiegend durch informelle, spontane und persönliche Kontakte geprägt, auch wenn digitale Technologien langsam aufholen (S. 26-28).

Teamarbeit gewinnt an Bedeutung – klassisch und virtuell

Klassische, vor allem aber auch virtuelle und standortverteilte Teamarbeit gewinnt an Bedeutung – damit auch die Frage, wie sie effizient gestaltet werden kann. Video- und Telefonkonferenzen, besonders auch agile Methoden können die Zusammenarbeit fördern. Damit werden sie zwar immer wichtiger, sind aber im Mittelstand noch lange nicht ausreichend etabliert.  Insbesondere agile Methoden werde nicht durchgängig und oft in Kombination mit einem klassischen Projektmanagement genutzt. Dies geschieht nicht selten auf Eigeninitiative einzelner Mitarbeiter, als Folge besonderer Schulungen, oder auch initiiert durch externe Berater. Dabei kann Agilität nach Meinung befragter Unternehmen durchaus zum Unternehmenserfolg beitragen und Effizienz steigern. Insgesamt ist die Studienlage zum Thema dünn und der Einsatz agiler Methoden in deutschen KMUs aktuell kaum repräsentativ erforscht (S. 29-31).

Ausgereifte Kollaborationstools warten auf flächendeckenden Einsatz

Viele Mittelständler nutzen bereits Social Media für interne Zwecke. Auch in Bezug auf spezielle Software wie Cloud-Computing-Lösungen hat der Mittelstand stark aufgeholt. Obwohl nach wie vor (Sicherheits-)Bedenken bestehen, ist der Anteil derer gestiegen, die dem Cloud-Computing positiv gegenüberstehen. Office-Anwendungen stehen dabei ungeschlagen auf dem ersten Platz. Auch Enterprise Social Network Plattformen werden immer beliebter, wohingegen ausgereifte Kollaborationstools noch auf einen flächendeckenden Einsatz warten.

Wie Menschen aus verschiedenen Institutionen zusammenarbeiten

Die Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg wird noch nicht erkennbar mit digitalen Technologien gestaltet. Der Schwerpunkt der externen Zusammenarbeit von Unternehmen liegt vor allem auf Kunden und Lieferanten. Open Innovation wird zwar genutzt, jedoch wenig.
Crowdworking Lösungen stehen noch am Anfang. Die meisten Crowdworker üben ihre Tätigkeit nicht hauptberuflich aus und erzielen damit ein noch sehr geringes Einkommen. Haupteinsatzgebiete sind der Verkauf, die Information und das Testen von Produkte und Dienstleistungen und somit die Unterstützung von Kundenservice, Marktforschung, Marketing und Vertrieb (S. 39-44).

Bewusstsein für notwendigen Kulturwandel ist gering

Noch existiert ein eher geringes Bewusstsein darüber, dass digitale Transformation auch eines Kulturwandels im Unternehmen bedarf. So wird die Digitalisierung im Mittelstand oft mehr als Technologie-, als ein wirkliches Change-Projekt begriffen. Neue Methoden und digitale Technologien bedürfen oft der Initiative einzelner. Wichtiger denn je ist so vor allem die Unterstützung des oberen Managements für entsprechende Initiativen.
Nicht nur die Führungskultur, auch die Qualifikationsanforderungen an die Mitarbeiter müssen sich ändern. Neben Softwarekenntnissen sind so auch soziale Kompetenzen essentiell, um abteilungs- und institutionsübergreifend zusammenarbeiten zu können. Ein wichtiger Erfolgstreiber der Digitalisierung ist deshalb die Bereitschaft der Mitarbeiter zum lebenslangen Lernen (S. 45-49).

Mitarbeiterbeteiligung und Unternehmenskultur: Innovationen noch am Anfang

Eine großflächige Umsetzung innovativer Unternehmenskultur- und Mitarbeiterbeteiligungsmodelle ist aktuell noch nicht erkennbar. Auch wenn Hierarchien flacher zu werden scheinen und Mitarbeiter den Wunsch nach mehr Freiraum für die Umsetzung eigener Ideen äußern, stehen die deutschen KMUs hier noch ganz am Anfang ihres Weges. Eigenverantwortung, Partizipation, vor allem auch Kommunikationsfähigkeit, sind Elemente, die zur Unternehmensdemokratisierung beitragen, aber sowohl von Führung als auch von Mitarbeitern Schritt für Schritt eingeübt werden müssen (S. 50-55).

Gravierende Unterschiede beim Einsatz digitaler Technologien

Branchenübergreifend werden digitale Technologien verstärkt in die Geschäftsmodelle integriert. Im Vergleich der einzelnen Branchen bestehen in Bezug auf den Digitalisierungsgrad aber gravierende Unterschiede. Während die IKT-Branche als ungeschlagener Vorreiter das Feld anführt, bildet das Gesundheitswesen das Schlusslicht.
Beim Einsatz von Big Data dürfen sich Medien- aber auch Automobilbranche über den ersten Platz freuen, bei den Industrie 4.0 Projekten hingegen hat die IT- und Telekommunikationsbranche, gefolgt von der Elektroindustrie und dem Maschinenbau die Nase vorn. Auch beim Einsatz von Social-Media-Anwendungen sind die IT- und Telekommunikationsbranche zusammen mit den Mediendienstleistungen Vorreiter. Die Transportdienstleistungen bilden hier – genau wie beim Einsatz von Big Data und Industrie 4.0 Projekten – das Schlusslicht (S. 56-62).

Fazit: Digitaler Wandel stellt KMU vor vielseitige Herausforderungen

Der Bericht fasst die aktuelle Studienlage zusammen und zeigt Fortschritte, aber auch Ausbaupotentiale in Bezug auf den Digitalisierungsgrad der KMU. Letztere bestehen wohl auch deshalb, weil Digitalisierung in mittelständischen Unternehmen oft aus einem rein technologischen Blickwinkel betrachtet und weniger als ein Change-Projekt verstanden wird, welches mit einem kulturellen Wandel einhergehen muss. So sind die Herausforderungen auf dem Weg zum digitalen Wandel vielseitig: neben fehlender Digitalkompetenz, spielen Bedenken in Bezug auf Datensicherheit und -schutz, oder eine zu geringe Internetgeschwindigkeit eine Rolle, ebenso wie das Nicht-Vorhandensein einer (geeigneten) Digitalisierungsstrategie oder überhaupt das fehlende Bewusstsein für die Bedeutsamkeit der Digitalisierung.

–> Der vollständige Werkstattbericht

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Autor/in

Dorothee Kubitza Project Assistant Bertelsmann Stiftung E-Mail: Nachricht schreiben Profil

Dorothee Kubitza ist Project Assistant in der Bertelsmann Stiftung im Programm Unternehmen in der Gesellschaft. Sie unterstützt die Kollegen im Projekt „Betriebliche Transformation in der Digitalisierung“, nachdem sie vorher im Projekt „Qualitätssiegel Familienfreundlicher Arbeitgeber“ gearbeitet hat. Ein Studium an der Fernuniversität Hagen schloss sie im Jahr 2017 mit dem B.A. Bildungswissenschaft ab.

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