Das „The Millennium Project“ und unser Projekt zur Zukunft der Arbeit als Teil des German Nodes haben hunderte Experten weltweit befragt – zu Szenarien für das Jahr 2050 und Handlungsansätzen für die Gegenwart. Hier ein erster Einblick in die zentralen Aussagen der neuen, fortgeführten Delphi-Studie.

Im Fokus: globale und langfristige Auswirkungen digitaler Technologien auf die Arbeitswelt

Um sich tiefgehend mit den Auswirkungen der digitalen Technologien auf die Arbeitswelt in Richtung einer digitalen Arbeitskultur und die Entwicklung des Arbeitsmarktes auseinanderzusetzen, bedarf es einer langfristigen und globalen Perspektive.

Mit diesem Credo wurden drei Zukunftsbilder erarbeitet. Sie zeigen anschaulich, wie sich das Wechselspiel von Arbeit und Technologie bis 2050 entwickeln könnte und in welcher Weise Politik und Gesellschaft darauf reagieren könnten – daraus resultiert ein breites Set an Handlungsoptionen schon für die Gegenwart. Zur neuen Publikation bitte hier entlang.

Erste Delphi-Studie zur Zukunft der Arbeit fortgeführt

Bei den Ergebnissen handelt es sich um eine Weiterentwicklung des ersten Delphis zur
Zukunft der Arbeit
, das wir 2016 veröffentlicht haben. Die Bertelsmann Stiftung und Future Impacts gehörten auch damals schon zum German Node des Millennium Project.

Die drei aktuellen Szenarien haben wir auf das kürzest mögliche und immer noch leserfreundliche Format komprimiert (Originalfassung auf Englisch).

2050 SCENARIO 1: IT’S COMPLICATED – A MIXED BAG

2050 SCENARIO 2: POLITICAL/ECONOMIC TURMOIL – FUTURE DESPAIR

2050 SCENARIO 3: IF HUMANS WERE FREE – THE SELF-ACTUALIZATION ECONOM

Zudem haben wir aus jenen Handlungsempfehlungen, die von den Expertinnen als die wichtigsten eingestuft wurden, jeweils eine ausgewählt, sie näher ausgeführt und mit O-Tönen der Expertinnen aus dem Prozess angereichert.

„O-Töne“ spiegeln vielschichtige Ansichten der Experten wider

Einige dieser „O-Töne aus dem Maschinenraum“ zitieren wir im folgenden Text. So eröffnet sich quasi ein Blick in das „Hinterzimmer“ der Expertenbefragung. Wir möchten damit verdeutlichen, wie vielschichtig die Sichtweisen der Experten auf die Zukunft sind.

Zentrale Aussagen im Überblick

Der Diskurs über die Zukunft der Arbeit braucht den langfristigen Blick in die Zukunft. – Der Fokus auf die nächsten zehn Jahre genügt nicht, denn rasche Fortschritte in verschiedenen Technologiefeldern werden in ihren möglichen Auswirkungen erst über einen längeren Zeithorizont deutlich.

Alternative Szenarien beschreiben Gefahren und Chancen

Die Betrachtung eines derart langen Zeithorizonts hat zum einen eine größere Unsicherheit zur Folge. Zum anderen sind weder der genaue Verlauf technologischer Entwicklungen noch deren Auswirkungen auf Arbeit und Gesellschaft genau einschätzbar.

Daher hilft das Denken in alternativen Szenarien: Es trägt dazu bei, mögliche Entwicklungspfade zu konkretisieren, und bringt die Diskussion über Handlungsansätze heute nach vorn – mit Blick sowohl auf Gefahren als auch auf Chancen.

Alle Zukunftsbilder zeigen: Arbeit wird sich radikal verändern

Alle drei Szenarien gehen davon aus, dass der technologische Wandel rasch voranschreitet – und zwar rascher, als es heute viele Menschen annehmen – und dass sich dabei „Arbeit“ so, wie wir sie bisher kennen, radikal verändert. Zum einen, weil Arbeit „ersetzt“ wird, aber auch, weil in allen Szenarien andere Fähigkeiten als heute gefragt sind und weil die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine enger wird – zum Teil sehr eng.

Die Szenarien zeigen die Notwendigkeit einer Um- und Neuverteilung von Chancen

Zugleich vermitteln sie, dass aus Sicht der Experten bei der Bewältigung der Herausforderungen in der Verbindung von Arbeit und Technologie weitreichende politische Maßnahmen zur Neudefinition der Sozial- und Wirtschaftssysteme notwendig werden.

Was wir heute tun können – fünf ausgewählte Handlungsoptionen:

Wirtschaft und Arbeit:  neuer Gesellschaftsvertrag notwendig

„Es ist offensichtlich, dass die Grundidee (und Rolle) der Gewerkschaften bis 2050 eine radikale Transformation durchlaufen muss. Denn wie Gewerkschaften in einer Welt, in der die Technologie die Arbeit übernimmt, funktionieren sollen, ist völlig unklar.“ 

Es braucht neue Spielregeln bzw. einen neuen Gesellschaftsvertrag für eine sich verändernde Arbeitswelt, besonders die Förderung passender Rahmenbedingungen für neue Arbeitsformen und Selbständigkeit – beispielsweise ein Äquivalent der Gewerkschaften für Freiberufler.

In dieser Herausforderung sehen wir eine große Chance für die Vertretung der Interessen der Arbeitenden, da es darum geht, ihren Einfluss in einer digitalen Arbeitswelt nicht nur zu sichern, sondern ihn in einer Arbeitswelt der gleichberechtigten Teilhabe auszuweiten.

Regierung und Governance: die Zukunft proaktiv gestalten

„Man könnte meinen, dass eine an der Zukunft orientierte Zivilisation mindestens genauso bedeutsam für die Gestaltung einer wünschenswerten Zukunft ist wie eine an der Geschichte orientierte.“

Auch der Staat muss sich mit entsprechenden Institutionen und Prozessen stärker an langfristigen Perspektiven ausrichten, um so pro-aktiv (nicht nur Arbeits- und Technologie-) Zukünfte zu antizipieren und zu gestalten. Wichtig ist hierbei aber, dass wir unsererseits proaktiv und offen die digitale Zukunft der Arbeit in den Blick nehmen und uns von der oft pessimistisch geprägten Sichtweise in der öffentlichen Debatte verabschieden.

 

Wissenschaft und Technologie: Der Mensch steht im Mittelpunkt

„Es ist wirklich schwer, sich die Synergie-Effekte aus der Kombination der verschiedenen neuen Technologien vorzustellen und was sie für Konsequenzen mit sich bringen. Außerdem habe ich das Gefühl, dass der menschliche Faktor zu sehr aus dem Blickfeld verschwindet.“ 

Damit die rasend schnelle Entwicklung neuer Technologien weder unserem Verständnis noch unserer Kontrolle entgleitet, ist eine verstärkte internationale Zusammenarbeit über Institutionen hinweg notwendig. Dabei muss aber eben gelten: Der Mensch steht immer im Mittelpunkt. Die Technik muss den menschlichen Interessen dienen, ohne dass der Mensch unbedingt jede Technik in ihrem Wirken durchdringen und verstehen muss.

 

Medien, Kultur und Kunst: Allianzen bilden

„Kunst- und Ingenieurhochschulen bilden Produktdesigner aus, die gegenwärtig die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine entwerfen. Ich habe schon viele von ihnen engagiert, um zu visualisieren, was die Menschen mit zukünftigen Produkten anstellen werden. Auch Design Thinker nutzen solche Techniken in ihren Projekten.

Wir brauchen attraktive und konkrete Bilder positiver Formen von Arbeit und Technologie-Nutzung der Zukunft. Sie können aus einer neuen Allianz im Kultursektor entstehen. Dabei kommt es darauf an, die Arbeit der Ingenieure um Erkenntnisse aus dem Kulturbereich zu ergänzen. Denn, wie oben geschrieben: Der Mensch soll im Mittelpunkt stehen.

 

Bildung und Lernen: Soft Skills werden zu Hard Skills

„Fertigkeiten sind kontext-spezifisch, wohingegen Fähigkeiten über dem Kontext stehen. Wir brauchen Menschen, die in verschiedenen Kontexten operieren können. Deshalb müssen wir eher Anpassungsfähigkeit als die Spezialisierung auf einen einzelnen Beruf lehren.“

Wir sollten Fähigkeiten statt (nur) Wissen vermitteln und Meta-Skills (wie die Fähigkeiten zur Kooperation, Kreativität und Problemlösung) fördern, um auf bewegte(re) Arbeitsbiografien vorzubereiten. Zudem werden Soft-Skills zu Hard-Skills.BST_Zukunft2050_Abb2

Wir brauchen positive, langfristige Zielbilder

Geht es um die Inhalte des Diskurses über die Zukunft von Arbeit und wir sprechen dann nur über Technologisierung bzw. Digitalisierung, Homeoffice, neue Führungskulturen oder selbstfahrende Autos, ist das in vielerlei Hinsicht zu kurz gedacht.

Notwendig sind aktuell langfristige Zielbilder einer nachhaltigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, in denen die Technologie als Mittel zur Lösung der globalen gesellschaftlichen Herausforderungen dient.

Wenn wir es schaffen, interkulturelle Wertedifferenzen zu überbrücken, kann mithilfe solcher Zielbilder – und ermöglicht durch eine weitreichende Umverteilung – Arbeit für einen größeren Teil der Weltbevölkerung als heute gute Arbeit sein und Sinn machen.

Der Mensch im Mittelpunkt einer digitalen Arbeitsumgebung

Denn: Führen wir uns das Zusammentreffen des aktuellen rapiden technologischen Wandels mit einer Vielzahl globaler, komplex miteinander verbundener Herausforderungen (von Klimawandel bis Cybersicherheit) vor Augen, dann müssen wir die Zukunft der Arbeit innerhalb dieser Zusammenhänge sehen.

Die Kombination von digitaler Arbeitsumgebung und dem Menschen als Mittelpunkt dieser Technik bietet großartige Chancen, zukünftige globale Herausforderungen besser zu adressieren.

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