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NewWork – Hand aufs Herz, wie weit sind wir wirklich?

Wenn man sich mit dem Thema „Mobile Arbeiten“ beschäftigen möchte und sich zuvor lange in der eigenen „Zukunft der Arbeit Bubble“ aufgehalten hat, kann es mitunter zu ziemlich ernüchternden Momenten kommen. Im Kreise von uns NewWork-Erweckten ist #remotework selbstverständlich. Man erntet eher verständnislose Blicke, wenn man zwischen Beruf und Privatleben strickt trennt und Sätze wie: „Sorry, nicht gesehen… da hatte ich Feierabend!“ sagt.

In der Bubble arbeitet man, weil man vorrangig Interesse am Thema hat. Manchmal sogar unter dem Motto: „Hey, super – dafür werde ich auch noch bezahlt“ – und nicht, weil man sich verpflichtet fühlt, eine bestimmte Zahl an Stunden an einem vertraglich vereinbarten Ort zu verbringen.

Alle reden von NewWork – aber wie sieht es in der Wirklichkeit aus?

Aber ist das auch in der ‚Arbeitswirklichkeit‘ so? Wie sind die tatsächlichen Bedingungen in den Betrieben, in einer Zeit in der nahezu alle Personalverantwortlichen von Arbeiten 4.0 sprechen und davon, dass man die Mitarbeitenden aktivieren und mitnehmen muss?

Da wir auf unseren Reisen oft Kontakt zu Betrieben der unterschiedlichsten Art und Größe haben, habe ich irgendwann begonnen neugierig zu fragen: „Wie haltet Ihr es mit NewWork und dem Mobilen Arbeiten?“ Die Antworten waren und sind – nun… sagen wir divers.

Wie halten es die Organisationen da draußen mit dem Mobilen Arbeiten?

Es gibt kleine Betriebe, die komplett mobil arbeiten, d.h. jeder darf arbeiten wo und wie es gerade passt. Wichtig ist nur, dass es zielführend ist. Ohne Betriebsvereinbarungen und ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie sich diese betriebliche Übung zu den arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen, Schutzrechten und Verordnungen verhält.

Dann gibt es große Unternehmen, die sich lange Gedanken gemacht und sogar Doktorandinnen bemüht haben, um eine Betriebsvereinbarung zu entwickeln. Eine Vereinbarung, die es allen Mitarbeitenden, unter Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben, ermöglicht, so flexibel wie es die Arbeitsabläufe eines Produktionsunternehmens mit Fließbandfertigung erlauben, zu arbeiten – und zwar ohne Präsenzpflicht.

Digitaler Himmel versus Mühen der Ebene

Und dann sind da noch die anderen, die uns aus dem digitalen Himmel wieder auf die Erde zurückholen. Über mobiles Arbeiten wird hier nur hinter der vorgehaltenen Hand gesprochen. Ausführlich wird dagegen die Möglichkeit der Einrichtung von Telearbeitsplätzen und den damit verbundenen Kontrollmöglichkeiten diskutiert. Und nein, diese Betriebe sind nicht die Ausnahme. Besonders erschreckend ist die Unkenntnis der rechtlichen Folgen der Wahl der Mittel. Zum Beispiel ist es für viele völlig unbekannt, dass mobiles Arbeiten, juristisch gesehen, etwas völlig Anderes ist als Homeoffice.

Lähmende Kontrollmechanismen können teuer werden

Vielen ist nicht klar, dass der Versuch der Verhinderung des Kontrollverlustes vollständig an der Lebenswirklichkeit vorbeigeht. Und zudem die Betriebe massiv schädigt. Wer kennt es nicht, dass auch nach Verlassen des Büros noch einmal schnell die unterschiedlichen Kommunikationskanäle überprüft werden? Weil man noch auf eine wichtige Information wartet, man etwas vergessen hat oder noch eine gute Idee auf den Weg bringen möchte. Das ist bereits für eine große Anzahl der sogenannten „Wissensarbeitenden“ Lebensalltag.

Hochmotivierten das mobile Arbeiten z.B. auf dem Weg zur Arbeit oder im Wartezimmer beim Kinderarzt nicht zu erlauben, dämpft nicht nur deren Motivation, sondern lässt auch so manchen innovativen Geistesblitz ungenutzt. Und es gibt noch viele weitere Beispiele für das Festhalten an alten Strukturen und Regeln, die die Innovationsfreude beeinträchtigen. Warum gibt es noch immer so massive Vorbehalte gegen selbstbestimmtere Arbeitsformen? Und das obwohl es schon zahlreiche gute Beispiele gibt, die zeigen, dass eine Vertrauenskultur sowohl zu einer nachhaltigen Steigerung der Leistungsfähigkeit der Organisation beitragen, als auch Kosten im Verwaltungsbereich senken.

Lasst uns gemeinsam an Lösungen arbeiten

Lasst uns doch mal über die Sommerpause gemeinsam darüber nachdenken, was die Gründe für diese Vorbehalte sind. Und wie man positiv für vertrauensbasierte Arbeitsweisen im Sinne von NewWork, auch in traditionell geprägten Organisationen, werben kann. Wer gerne mit-denken und -diskutieren möchte, ist über Twitter herzlich dazu eingeladen. Wir würden uns freuen über @ZukunftdArbeit und #HandaufsHerz mit euch ins Gespräch zu kommen. Ihr könnt für Eure Ideen zudem gerne dieses Googledoc nutzen. Nach dem Sommer führen wir die Beiträge zusammen und berichten in einem weiteren Blogbeitrag darüber.

Übrigens: Birgit Wintermann (@win_bee) und ich (@AlSchmied), beide von Hause aus Juristinnen, beschäftigen uns schon seit einiger Zeit mit den Fragestellungen rund um das Thema rechtliche Rahmenbedingungen der schönen neuen Arbeitswelt 4.0. Sehr schnell wurde uns klar, dass dieses Thema der gründlicheren Betrachtung bedarf und wir haben uns daher mit Britta Redmann zusammengetan, um uns einen ersten Überblick zu verschaffen.

Das Ergebnis ist ein praktischer Handlungsleitfaden, den Britta in Zusammenarbeit mit uns erstellt hat. Er bietet einen schnellen Erkenntnisgewinn zu den drängendsten Fragen der täglichen Arbeit. Erscheinen wird er nach der Sommerpause. Und im Herbst möchten wir dann mit ExpertInnen ins Gespräch kommen, um konkrete Hinweise für notwendige Änderungen und Weiterentwicklungen zu erarbeiten.

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Autor/in

Dr. Alexandra Schmied Senior Project Managerin Bertelsmann Stiftung E-Mail: Nachricht schreiben Facebook Twitter Profil

Alexandra Schmied ist als Senior Project Managerin in der Bertelsmann Stiftung tätig.…

Kommentare

  1. / von Imme Gerke

    35 Jahre war ich aus Deutschland weg (Schweiz 10, Madagaskar 5, Burkina Faso 2, Canada und USA 18). Vor 5 Jahren bin ich nach Deutschland zurückgekommen, weil ich auf meinen beruflichen Reisen auf alle Kontinente immer wieder von den Schwierigkeiten Deutschlands gehört habe, mit den Veränderungen durch Globalisierung und Digitalisierung umzugehen. Ganz ehrlich, es ist schlimmer als ich erwartet habe. Leider darf man das aber auch nicht sagen, wenn man nicht Gefahr laufen will, als Nestbeschmutzer bezeichnet zu werden. Das ich es trotzdem tue, liegt daran, dass ich trotz allem die Hoffnung habe, Deutschland bei seinem Aufbrauch in die Welt helfen zu können. Darum gebe ich mich auch mit hoffen nicht zufrieden, sondern arbeite dran. Wenn ich die Hoffnung verliere, gehe ich in eines der Länder, die sich zwar vielleicht auch schwertun aber es zumindest wollen.

  2. / von Linus Geller

    Ich bedanke mich für den interessanten Beitrag. Meine Freundin und ich diskutieren ausgiebig über dieses Thema seitdem wir mit unserem BWL-Studium begonnen haben.

  3. / von Bengin Kesen

    Danke für den interessanten Beitrag. Unsere Gesellschaft steht vor großen Herausforderungen, die sie bewältigen muss. Da müssen wir als Deutsche alle mit anpacken.
    LG

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