Welches sind die zentralen Stellhebel für die Förderung eines Innovationsmilieus auf Unternehmensebene? Diese Frage stellte sich mein Kollege Armando Garcia Schmidt bei der Konzeptionierung seiner Studie „Innovative Milieus – Die Innovationsfähigkeit deutscher Unternehmen“, die auch der Digitalisierung der Arbeit einen beträchtlichen Anteil an erfolgreicher Innovation zuschreibt.

Die Studie zeigt anhand der Befragung von über 1.000 Unternehmen eindringlich die Bedeutung einer neuen Unternehmens- und Arbeitskultur in Zeiten der digitalen Transformation der Unternehmen. Unternehmen, die einen höheren digitalen Reifegrad aufweisen, sind innovativer, erzielen eine höhere Rendite, haben größere Beschäftigungszuwächse und sind internationaler aufgestellt.

Ausgerechnet der Kernbereich der traditionellen deutschen Industrie hinkt dieser Digitalisierung (und hiermit ist nicht Industrie 4.0 gemeint!) weit hinterher. Der hohe Exportanteil in dieser Branche und der internationale Wettbewerbsdruck können dann zum Verhängnis werden, wenn nicht bald digital aufgeholt wird.

Deutsche Wirtschaft teilt sich auf 7 Innovationsmilieus auf

Schnell zeigte sich bei Durchführung der Studie, dass es nicht den einen Typus von innovativen Unternehmen gibt, sondern dass insgesamt von 7 unterschiedlichen Milieus der Innovationsoffenheit gesprochen werden muss. Der Innovationserfolg (eine ausführliche Definition hierfür findet sich im methodischen Teil der Studie) hängt dabei maßgeblich von dem Maß der Strukturiertheit beim Verfolgen einer Innovationspolitik im Unternehmen, von der Bedeutung der Ausgaben für Forschung und Entwicklung und dem Ausmaß der Offenheit des Unternehmens für andere Firmen und Geschäftsmodelle ab. Kennzeichen einer solchen Politik sind die intensive Vernetzung, die Aufgeschlossenheit für unerwartete Sichtweisen, ein großer Fokus auf die Beteiligung der Mitarbeiter, die Verbindung von Innovationspolitik und Geschäftsmodellentwicklung, eine Kultur der hohen Risikobereitschaft und die gute Kooperation mit anderen Unternehmen.

An der Spitze der Innovationsdynamik stehen Technologieführer, die die technologischen Grenzen immer weiter – auch mit Hilfe vieler eigener Patente – nach vorn verschieben. Naturgemäß besitzen sie einen starken Wissenschaftsfokus bei ihrer Tätigkeit. Jedoch gehören am Ende nur 6% der Unternehmen diesem Milieu an. Chemie, Pharma, Kunststoff, Metall- und Elektroindustrie bilden die Branchenschwerpunkte. Sowohl sehr große Unternehmen als auch StartUps sind deutlich überrepräsentiert. Diesen Innovationsvorbildern folgen dann disruptive, konservative, kooperative und zufällige Innovatoren, die sich allesamt in ihrer Zielgerichtetheit und der Schwerpunktsetzung ihrer internen Ressourcenverwendung unterscheiden (in der Studie findet sich umfangreiches Datenmaterial zu den Merkmalsausprägungen der unterschiedlichen Innovationsmilieus).

Digitalisierung und Disruption sind für Renditen maßgeblich

Innovative Unternehmen betreiben den Aufwand nicht ohne Erfolg, so die Studienautoren:

Vergleicht man die Nettoumsatzrenditen, schneiden die Technologieführer und die disruptiven Innovatoren mit Abstand am besten ab. (…) Die stärksten (Beschäftigungs-) Zuwächse gab es in den hochinnovativen Milieus (Technologieführer und disruptive Innovatoren).

Schlusslichter bilden einerseits die passiven Umsetzer, die keinen eigenständigen Antrieb zu Innovationen besitzen, sondern nur auf veränderte Anforderungen der Kunden reagieren. Dies betrifft vor allem KMUs aus dem Bereich der industrienahen Dienstleistungen. Andererseits sind es dann die Unternehmen, denen selbst dieses Eingehen auf Kunden noch zu aufwändig erscheint, da sie Innovationen grundsätzlich nicht als notwendig erachten. Es verwundert allerdings, dass diese Unternehmen vor allem als KMUs in der Logistik und dem Großhandel angesiedelt sind; sind es doch gerade die Logistik-Unternehmen, die mit Anwendung digitaler Werkzeuge beständig versuchen, den Ressourcenaufwand zu minimieren.

Im Ergebnis des Vergleichs der Innovationsmilieus ergibt sich das folgende Gesamtbild:

Traditionelle Wirtschaftsbereiche hinken gefährlich hinterher

  • Insbesondere im Bereich der disruptiven Innovatoren fallen die nach oben abweichende Nettoumsatzrendite sowie der Beschäftigungsaufbau auf. Die Autoren der Studie begründen dies mit der hohen Bedeutung von StartUps in diesem Milieu, die mit Hilfe digitaler Geschäftsmodelle in Nischen aktiv werden und sich zumeist im Aufbau befinden.
  • Dieser besonders positiven Entwicklung steht allerdings die niedrige Innovations- und Produktivitätsdynamik in den traditionellen deutschen Kernbereichen der Industrie entgegen.
  • In beiden Bereichen ist aber zugleich der Exportanteil am höchsten. Was wird dies perspektivisch für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der traditionellen deutschen Maschinenbauindustrie in einem Umfeld der digitalen Globalisierung bedeuten? Lässt man sich dort gegenwärtig vielleicht von der in den letzten Jahren außerordentlich guten Auftragslage blenden?
  • Der Anteil der MINT-Akademiker ist bei den Technologieführern erwartungsgemäß am höchsten. Da an zweiter Stelle aber sogleich die konservativen Innovatoren folgen, könnte dies darauf hindeuten, dass bei der Bewertung der Bedeutung einer technischen Ausbildung in der Analyse eher auf eine Unterscheidung von Ingenieuren und Informatikern geachtet werden müsste. Andreas Boes hatte in den letzten Wochen hierbei für eine maßgeblich veränderte Sichtweise auf diese beiden Berufe und ihre Anwendungsfälle (Industrie 4.0 versus Cloud) geworben
  • Die Digitalisierung der Arbeit und der Produktion (verstanden als integraler Bestandteil der Weiterentwicklung des Geschäftsmodells) ist bei den Technologieführern und den disruptiven Innovatoren am stärksten ausgeprägt. Besonders auffällig ist aber der immense Nachholbedarf der digitalen Transformation ausgerechnet bei den konservativen Innovatoren.

Handlungsoptionen: Digitale Arbeitskultur, regionale Vernetzung und digitale Infrastruktur fördern

Um deutsche Unternehmen im Zuge einer Innovationsoffensive – unabhängig von der Zugehörigkeit zu einem Milieu – zu unterstützen kommt hier sowohl der nationalen als auch der regionalen politischen Ebene sowohl eine Investitions- wie auch Moderationsaufgabe zu. Es sind zum einen Investitionen in traditionelle Straßeninfrastruktur und in digitale Infrastruktur in der Fläche notwendig. Zum anderen geht es aber auch darum, vor Ort Gründermilieus zu fördern. Dies kann durch die Politik im Rahmen von Initiativen regionaler Stakeholder (IHK, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Sparkassen, CoWorking-Spaces) leicht erreicht werden.

„Die regionalen Akteure sollten Maßnahmen umsetzen, die die innovationskulturellen Aspekte in den Unternehmen vor Ort stärken, beispielsweise: Themenabende für Innovationsmanager anbieten, Inno.Labs durchführen, Start-up-Nights veranstalten, Peer­to­Peer­Matchings anbieten.“

Im Bildungssystem bedarf es der Förderung der MINT-Fächer und des gleichzeitigen Zuzugs ausländischer Akademiker in oder nach der Ausbildung. Unternehmensführer müssen ermutigt werden, eine offenere Unternehmenskultur vorzuleben. Hierzu gehört auch das Denken in Unternehmensnetzwerken und das Aufbrechen tradierter Unternehmenssilos und der Abschied von überkommenen Hierarchiemodellen. Gleichzeitig muss mehr Wagniskapital für die Förderung von StartUps bereitgestellt werden.

Unser Projektansatz: Digital Path Guide für Unternehmen

In unserem eigenen Projekt zur #ZukunftderArbeit werden wir in 2020 einen sogenannten Digital Pathguide veröffentlichen. Der Digital Pathguide soll Betrieben in (oder vor) der digitalen Transformation eine Status-Quo-Analyse zu dem Thema in dem Sinne ermöglichen, dass der Prozess der digitalen Transformation befördert wird. Damit adressieren wir die große Mehrheit der in dem o.g. Gutachten genannten Unternehmen und Betriebe, die bisher nicht zu den digitalen Vorreitern gehören. Aus den Ergebnissen – die sich aus der Gegenüberstellung von Arbeitgeberfragebogen und Mitarbeiterfragebogen ergeben – lassen sich dann die nächsten Schritte zum weiteren Prozess des digitalen Aufholens ableiten. Geplant ist der Launch Anfang 2020. Das Tool kann jeder Betrieb kostenlos nutzen. Fragen zu diesem Werkzeug kann unser Teammitglied Birgit jederzeit beantworten.

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